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Kapitalismuskritik:Das exakte Leben

'Comeback! Das Karl-Marx-Musical'

Es gab die Hoffnung, Karl Marx (hier als Kulisse des Musicals "Comeback") könnte Recht bekommen, wenn sich der Kapitalismus im Digitalen auflöst. Doch Markt und Lebenswelt werden nur einem neuen Regime unterworfen.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Digitalisierung führt nicht zur Selbstabschaffung des Kapitalismus. Vielmehr werden soziale Verhältnisse kolonialisiert, behauptet Michael Betancourt.

Kein Gedanke aus dem "Kommunistischen Manifest" war so folgenreich wie dieser: "Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich."

Mit unbedingter Notwendigkeit, behaupten Karl Marx und Friedrich Engels in ihrem Traktat, würden der Kapitalismus und dessen herrschende Klasse verschwinden: Er bringe den überlegenen Feind selbst hervor. Widersprüchlich ist dieser Gedanke, weil die beiden Agitatoren sich ja ihre Mühe hätten sparen können, wenn der Sieg des Proletariats sich von allein hätte einstellen müssen. Darüber hinaus erscheint der Gedanke seltsam verfehlt. Denn eine historische Notwendigkeit für diesen Vorgang gab es weder 1848, noch gibt es sie heute: Hunderte Krisen und etliche Kriege nach der Veröffentlichung des "Manifests" ist die Gesellschaftsschicht, die einst die "Bourgeoisie" war und mittlerweile als internationales Management auftritt, offensichtlich noch immer mit der Reproduktion ihrer Grundlagen beschäftigt, bis in den hintersten Winkel der Welt. Unterdessen scheint das Proletariat andere Dinge im Kopf zu haben als seinen Sieg.

In vielen sozialen Fantasien der Gegenwart führt das Internet zum Ende der Klassengesellschaft

Indessen ist die Idee von der bald zu erwartenden Selbstabschaffung des Kapitalismus nicht erloschen. Sie lebt nicht nur fort in einer selbstgerechten Mischung aus Drohung und Hoffnung, die mit der Umweltbewegung populär wurde: "Erst wenn der letzte Baum gerodet . . . ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann." Oder in der Rede des britischen Historikers Eric Hobsbawm, der in seiner Schrift "Wie man die Welt verändert" (Hanser Verlag, München 2012) von einem dem Kapitalismus "eingebauten Mechanismus" spricht, der immer wieder "potentiell systemverändernde Krisen" erzeuge.

Vielmehr gibt es diese Idee auch als Erlösungsversprechen, bei dem weltberühmten amerikanischen Publizisten Jeremy Rifkin zum Beispiel. In seinem Buch "Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft" (Campus Verlag, Frankfurt 2014) lässt er den Kapitalismus in einer allgemeinen Digitalisierung enden, die keine Armut und keine Ausbeutung mehr kennen soll, dafür aber Gemeinsinn in großen Dimensionen. Oder beim britischen Journalisten Paul Mason, der in seinem erfolgreichen Buch "Postkapitalismus" (Suhrkamp Verlag, Berlin 2016) seine Leser glauben machen will, die Welt werde demnächst durch "vernetzte, modulare, nicht lineare Teamarbeit" gerettet. Einst sollte die Revolution durch den Aufstand des Proletariats herbeigeführt werden. Dessen Rolle soll nun das Internet übernehmen.

Im dritten Band des "Kapitals" revidiert Karl Marx den revolutionären Überschwang der frühen Jahre. Und zwar tut er es im Kapitel über die Krise. Eine solche Krise, meint Karl Marx, sei kein Ende des Kapitalismus, sondern notwendiges Element einer zyklischen Verlaufsform. Das Kapital gehe daraus "mit erweiterten Produktionsbedingungen, mit einem erweiterten Markt und mit erhöhter Produktivkraft" hervor.

Was das gegenwärtig bedeutet, also unter den Bedingungen einer weitgehend von Computern gesteuerten Produktion und auf der Grundlage einer noch weitgehender digitalisierten Finanzwirtschaft, hat in den vergangenen Jahren der amerikanische Künstler und Philosoph Michael Betancourt in einer Reihe von Aufsätzen formuliert, die jetzt als Buch erschienen sind. "Critique of Digital Capitalism" (Punctum Books, New York 2016) heißt das Werk. Es ist geeignet, den sozialen Fantasien, die das Internet begleiten wie den Sozialstaat der Traum vom Ende der Klassengesellschaft, ein herbes Ende zu setzen.

Einer der ersten Glaubenssätze jener Utopien vom Ende der Klassengesellschaft lautet, mit der digitalen Technik sei eine "Ökonomie der Information" entstanden, an der, im Unterschied zu allen älteren "Öffentlichkeiten", ein jeder als Gleicher teilhaben könne. Michael Betancourt will die Erweckungsfreude nicht teilen: Die zum Internet gehörende "Illusion, es gebe eine Produktion, die nichts kostet", sagt er, sei vielmehr die Voraussetzung einer "Kolonialisierung sozialer Verhältnisse" unter die Warenform.

Das Wort von der "Kolonialisierung" klingt, als sei es die Zuspitzung einer alten These von Jürgen Habermas, der zufolge Geld und Macht als "Steuerungsmedien" auch in die Kultur eindrängen. Allerdings spricht Michael Betancourt nicht von Habermas, und die Formel von der "Kolonialisierung" hat für ihn eine konkrete, vor allem ökonomische Bedeutung. Sie lässt sich zum Beispiel an der Frage festmachen, warum der Börsenwert für die Unternehmen des digitalen Datenverkehrs - also Google, Facebook, Apple oder Amazon - so schwindelerregend hoch ist. Als Antwort soll immer wieder dasselbe Argument gelten: Die "Daten", die sie ihren Nutzern abgewönnen, seien von unermesslich großem Nutzen für die werbetreibende Industrie. Diese könne dann potenzielle Kunden genauer ansprechen und also effizienter werben. Vermutlich ist auch mitzurechnen, dass solche Daten zur Verbesserung von Angebotsstruktur oder Preispolitik herangezogen werden können oder dass sie Informationen zu Fehlerquellen bei der Herstellung, beim Vertrieb, in der Logistik enthalten.

Nun beträgt aber die Gesamtheit aller Werbeausgaben auf der Welt gegenwärtig etwas mehr als 500 Milliarden Dollar und damit nicht einmal ein Drittel des Werts, den zur Zeit allein jene vier Unternehmen besitzen. Und dieser Wert soll nur aus verbesserten Möglichkeiten resultieren, die "Zielgruppen" einer Branche zu erreichen, die deutlich kleiner als die vier Internet-Unternehmen ist? Die Rechnung kann nicht aufgehen, auch wenn man alle möglichen zukünftigen Gewinne mitzählt. Es muss andere Gründe geben, warum allein Facebook um die 300 Milliarden Dollar wert sein soll.

Mit besseren Werbemöglichkeiten lässt sich der hohe Börsenwert von Google & Co. nicht erklären

Die "Kolonialisierung aller sozialen Verhältnisse", also die mehr oder minder vollständige Übertragung der Prinzipien einer entfalteten Marktwirtschaft auf den Umgang der Menschen untereinander, wäre allerdings ein Projekt, dem man ein spekulatives Potenzial von solcher Größe zumessen könnte. Michael Betancourt spricht von einem "magischen Reich jenseits physischer Begrenzungen", das grenzenloses Wachstum verheiße. Dessen Voraussetzung sei die Unterwerfung menschlicher Beziehungen unter ein "grid", das heißt: ein standardisiertes, digital zu verarbeitendes Muster. Ein solches "grid" entstehe mit der "Fragmentierung der kontinuierlichen physischen Welt in einzelne Datenblöcke . . . in einem streng instrumentellen Sinn, getrennt von aller Bedeutung und/oder allen historischen Zusammenhängen". Das Unternehmen Facebook etwa stellt nichts her, nichts jedenfalls, was irgendwie materiell greifbar wäre. Für die meisten der fast zwei Milliarden Nutzer ist die Anwendung kostenlos. Die Firma verbraucht auch nichts, von ihren technischen Voraussetzungen abgesehen. Das Netzwerk stellt vielmehr ein digitales Format der Selbstdarstellung zur Verfügung - und eine Technik der gegenseitigen Benachrichtigung, die wenig mit "Öffentlichkeit" gemein hat, umso mehr aber mit brieflicher Kommunikation, einschließlich des Umgangs mit Serienbriefen und Wurfsendungen.

Zum "grid" gehören Informationen zum Geburtsjahr, zu den besuchten Schulen, der Name des Arbeitgebers, Nachrichten über den Ehestand, über Freundschaften, Konsumgewohnheiten oder gern gehörte Musik. Ein "grid" enthält einzelne und separate Nachrichten, die Listenform annehmen und sich zum Index einer Lebenswelt zusammensetzen lassen.

Grundsätzlich neu ist das nicht. Die Zerlegung von Arbeitsprozessen in Einzelteile und von Individuen in separate Funktionen beginnt im Manufakturwesen und entfaltet sich mit der Industrialisierung: Jeder Lohnabhängige muss sich einer Bewertung nach solchen Mustern unterwerfen. Im Zuge des "scientific management", also im frühen 20. Jahrhundert, werden die Prinzipien "Partikularisierung" und "Modularisierung" aus der Welt der Fabriken in eine Vorstellung vom Menschen schlechthin übertragen. Unter digitalen Voraussetzungen aber vervielfältigen sich Möglichkeiten und Reichweite dieses Verfahrens: An den längst allgegenwärtigen Indexen der Lebenswelt lässt sich ablesen, wie tief das Prinzip des "grid" in die Wahrnehmung und in das Denken eines jeden eingedrungen ist.

Zerlegt in separate Datenblöcke, in digital lesbare Informationen verwandelt, werden soziale Verhältnisse potenziell zum Gegenstand der "Valorisierung". Das Wort aus der Finanzwirtschaft bedeutet, dass Dinge, die zuvor keinen Warencharakter und mithin keinen Wert besaßen, zu Waren werden, die sich auf einen Markt tragen lassen. "Valorisiert" werden können auch Dinge, die noch gar nicht existieren - ja, von denen man unter Umständen noch nicht weiß, worin sie bestehen werden.

Die Herrschaft der Ideologie des Immateriellen lässt den digitalen Kapitalismus entstehen

In beiderlei Hinsicht verhalten sich die Unternehmen der digitalen Marktwirtschaft nicht anders als das Finanzkapital. Und mehr noch: Sie betreiben ihr Geschäft aus den gleichen Beweggründen und mit den gleichen Mitteln. Und so, wie noch die letzte Kokosnuss, die in zweihundert Jahren auf einer pazifischen Insel vom Baum fallen wird, in den Spekulationen des Finanzkapitals heute schon als geldwerter Gegenstand erscheint, so nimmt der Wert, der gegenwärtig den Unternehmen des digitalen Kapitalismus zugeschrieben wird, die Unterwerfung aller menschlichen Beziehungen unter die digitale Warenform voraus. In der Erwartung solcher Verhältnisse liegt der spekulative Wert der Internet-Unternehmen gegenwärtig begründet. Die Erwartung ist kühn. Denn wer vermag zu versprechen, dass die Firmen, die heute die Digitalisierung vorantreiben, dieselben sein werden, die eines Tages von einem entsprechend veränderten Weltzustand profitieren?

Genauso, wie es den oft beschworenen Gegensatz zwischen "Finanzwirtschaft" und "Realwirtschaft" nicht gibt, weil es der Finanzwirtschaft gleichgültig ist, ob sie mit Kokosnüssen oder Nutzerprofilen spekuliert (wobei sie immer die überlegene Instanz ist, weil sie das Urteil über die zu erwartende Rentabilität fällt), so gibt es unter den Voraussetzungen des digitalen Kapitalismus keinen Gegensatz zwischen materieller und immaterieller Produktion: "Es ist die Herrschaft der Ideologie des Immateriellen, nicht ihre Trennung vom Physischen, die den digitalen Kapitalismus entstehen lässt", schreibt Michael Betancourt.

Bei Amazon, um auch dafür ein Beispiel zu nennen, wird immer noch mit realen Gegenständen, also mit Büchern, Gartenschläuchen und Mobiltelefonen, gehandelt. Wenn Betancourt behauptet, alle Produktion werde über kurz oder lang in die Immaterialität gezwungen, überspitzt er einen klugen Gedanken.

Tatsächlich bedarf sein Satz einer erklärenden Einschränkung: Die Materialität hört im digitalen Kapitalismus nicht auf zu existieren. Nach wie vor (und mehr denn je) werden in China Geräte gebaut, die in Kalifornien entworfen und in Italien gekauft werden. "Immateriell" gestaltet sich vielmehr der Markt, für den diese Waren produziert und auf dem sie gehandelt werden, mitsamt allen Daten, die dabei anfallen. Insofern stellt die Digitalisierung - und die Anpassung der gesamten Lebenswelt an das Prinzip der Indexikalisierung - eine neue, gesteigerte und erweiterte Form der im privatwirtschaftlichen Interesse betriebenen Vergesellschaftung aller Produktionsprozesse dar. Ein Ende des Kapitalismus ist in einer solchen "Herrschaft des Digitalen" nicht zu erkennen.

© SZ vom 09.09.2016
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