bedeckt München 16°

Kanye West:Wieder ein Kind

Kanye West

Das letzte Album stellte Kanye West mit großem Brimborium in New York vor. Die neue Platte präsentierte er in kleinem Kreis auf dem Land.

(Foto: Jose Mendez/dpa)

Schlechter Sänger, mittelmäßiger Rapper, toller Produzent: Der US-Musiker Kanye West präsentiert sich auf seinem neuen Album "Ye" als Visionär mit der Neugier eines Kindes.

Von Julian Dörr

Kann man Kanye West unterschätzen? Den Mann, der sich als Albert Einstein seiner Generation bezeichnet? Der sich selbst einen Song zum Beweis seiner Göttlichkeit geschrieben hat? Der sich wahlweise mit dem Apostel Petrus oder Pablo Picasso identifiziert? Ja, man kann.

Kanye West hat ein neues Album veröffentlicht, nicht im Geheimen natürlich, aber doch weit entfernt vom Brimborium der Weltpremiere seiner Platte "The Life of Pablo", als er 2016 den Madison Square Garden mit seinem Laptop beschallte. Zur Veröffentlichung von "Ye" hat West nun ein paar ausgesuchte Gäste in ein Studio nach Jackson Hole, Wyoming, eingeflogen, wo das Album in den vergangenen Wochen entstanden ist. Man stellt sich das folgendermaßen vor (und ein paar Videoschnipsel auf Twitter bestätigen das): Lagerfeuer, Rocky-Mountains-Panorama und ein paar mächtige Lautsprecher, aus denen die sieben neuen Songs dröhnen.

Der Mann ist ein wandelnder Widerspruch: "Ich hasse es, bipolar zu sein, es ist großartig!"

Ein paar Stunden später tauchte das Album bei den üblichen Streaming-Anbietern wie Spotify auf. Hört man die knapp 24 Minuten lange Platte zum ersten Mal, drängt sich ein Gefühl der Enttäuschung auf. "Ye" ist das bislang unspektakulärste Album in Wests Karriere. Oder ist der Lärm um seine Person so laut geworden, dass die Musik überhaupt nicht mehr durchdringen kann?

Wer heute an Kanye West denkt, der denkt nicht an sein Wunderkind-Debüt "The College Dropout", als er mit gebrochenem Kiefer "Through the Wire" rappte. Oder an sein Opus Magnum "My Beautiful Dark Twisted Fantasy", das der Megalomanie des Hip-Hop eine neue Daseinsform schenkte. Nein, Kanye West im Jahr 2018, das sind vor allem Boulevardschlagzeilen. Über seine Unterstützung für US-Präsident Donald Trump, über ein missglücktes Interview, in dem er sagte, die Sklaverei sei eine "Wahl" gewesen, was schon sehr nach "selbst schuld" klang.

Letzteres thematisiert West im Song "Wouldn't Leave": "I said, 'Slavery is a choice', they say, 'How, Ye?'/ Just imagine if they caught me on a wild day" - ist doch alles nicht so schlimm, stellt euch vor, sie hätten mich an einem launischen Tag gefragt.

Wer es in den vergangenen Wochen nicht bei Twitter mitlesen wollte, der bekommt jetzt die Zusammenfassung zum Nachhören. West baut Mist, der meist darin besteht, dass er wirres und diskriminierendes Zeug von sich gibt, Ehefrau Kim Kardashian ruft ihn aufgelöst an, pfeift ihn zurück. Nun hat West seine Songs schon immer und noch ein bisschen mehr als andere Künstler aus seiner unmittelbaren Lebenswelt gefüttert. Aber seine Lebenswelt ist jetzt der Boulevard. Weshalb man das, was auf "Ye" zu hören ist, als die Kardashianisierung des Kanye West bezeichnen kann. Und die funktioniert in zwei Richtungen. Zum einen ist da die kompromisslose Inszenierung der eigenen Person als Mittelpunkt der eigenen Kunst. Bei West und Reality-TV-Star Kardashian dreht sich alles um sie selbst. Sie werden als Gesamtkunstwerk ohne privaten Rückzugsraum wahrgenommen. Wests psychische Probleme sind öffentlicher Debattenstoff.

Natürlich trägt er selbst dazu bei, den Boulevard anzufeuern. Wer das neue Album nach kontroversen Äußerungen, nach Erklärungen für das erratische Verhalten des Rappers absucht, der wird fündig. Eine merkwürdige Zeile über neue Führer und Nordkorea etwa, oder einen Seitenhieb auf die "Me Too"-Bewegung. Auf das Cover hat West geschrieben: "Ich hasse es, bipolar zu sein, es ist großartig".

Was aber nun, wenn man diesen Kreislauf der Kardashianisierung durchbrechen will? Wenn man nicht mehr darüber berichten will, wie Kanye West auf seinem neuen Album austeilt? Damit Kanye West nicht noch ein neues Album macht darüber, wie man darüber berichtet, dass Kanye West auf seinem neuen Album austeilt. Wenn man diesen Kreislauf durchbrechen will, dann muss man wieder über den Musiker Kanye West reden. Und der war immer nur ein mittelguter Rapper. Und ein noch schlechterer Sänger. Aber er war und ist ein Ausnahmetalent als Produzent.

All das feine Handwerkszeug, das erüber die Jahre angesammelt hat, auf "Ye" lässt es sich in seiner reduziertesten und schönsten Form bestaunen. Als Kanye West vor etwas mehr als 15 Jahren die Welt des Hip-Hop betrat, war das visionärste, was er mit sich brachte, seine Stimme. Oder besser: die Art, wie er mit seiner Stimme arbeitete, wie er sie veränderte, modulierte. Die Stimmkorrektur-Software Auto-Tune, die im Pop der Gegenwart als ausgestelltes Stilmittel so allgegenwärtig erscheint, ohne Kanye West wäre sie es nicht.

"I Thought About Killing You", der Eröffnungssong von "Ye", besteht beinahe nur aus Stimmen. Ein kleiner, verzerrter Chor zieht melodische Schlieren. Im Vordergrund spricht West, er pitcht seine Stimme hoch, er verlangsamt sie, er verfremdet sie, so lange, bis man glaubt, er stünde mit zwei Gästen im Studio. Aber da ist nur er. "All Mine" hingegen hat tatsächlich zwei Gäste, klingt aber mit seinem klappernden Beat wie das löchrige Skelett eines Songs. Es ist die Macht der Stimme, die Kanye West auf dem sonst so zurückgenommenen Album zelebriert und die etwa "Wouldn't Leave" wie eine Gospelhymne klingen lässt, obwohl da nur vier Männer zum Refrain anheben.

Der merkwürdigste und schönste Song auf dem neuem Album ist "Ghost Town". Ein Orgelsample brummt, darüber thront John Legends Stimme. Dann bohrt sich eine mächtig verzerrte Gitarre in den Mix, die den Song immer wieder durchwühlt und umgräbt, während das Schlagzeug scheppert. Am Ende überlässt West das große Finale der jungen Newcomerin 070 Shake: "Once again I am a child", singt die 20-Jährige. Und weiter: "I put my hand on a stove, to see if I still bleed/ Yeah, and nothing hurts anymore, I feel kinda free". Das Kind, das die Hand auf den Herd legt, um herauszufinden, ob es sich verbrennt. Das ist die Essenz von Kanye Wests Kunst. Er ist kein Einstein, kein Petrus, kein Picasso. Aber ein Visionär mit der Neugier eines Kindes.

© SZ vom 04.06.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite