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Kammermusik:Unvertraut

George Enescu im Jahr 1930.

(Foto: Bibliothèque nationale de France)

Die fünfteilige Konzertreihe "Zeit mit Enescu" demonstriert die Eigenart des rumänischen Komponisten Georges Enescu mit sechs Werken aus seiner Kammermusik - und ist ein Plädoyer dafür, seine Musik wieder häufiger aufzuführen.

Von Harald Eggebrecht

Im ersten Moment meint man mitzuerleben, wie ein gewaltiger Bienen- oder Hummelaschwarm sich brausend erhebt und den Raum mit einer Streicherklangwolke erfüllt. So beginnt das Oktett von George Enescu (1881 - 1955), der dieses hinreißend parlierende, dynamisch vom vollen, aber immer geschmeidigen Forte der acht Musiker zum schillernden Pianissimo hin- und herwandernde Stück mit 19 Jahren schrieb. Eine ähnliche Wundertat wie die von Felix Mendelssohn Bartholdy, der bei seinem Oktett erst 18 Jahre alt war. Die acht Musiker der Wiener Philharmoniker legten sich im großen Saal des Mozarteums mit solcher Verve ins Zeug, dass manchmal zu viel Streicherei und zu wenig Enescu-Parlando herauskam. Aber die Durchhörbarkeit ist gerade bei diesem Stück, das sich gleichsam an sich selbst berauscht, bei jedem achtköpfigen Ensemble immer schwierig. Ansonsten boten die Wiener eine eminent vitale, das Publikum befeuernde Aufführung.

Seine Werke irritierten die Leute, weil sie sich nicht so einfach klassifizieren ließen

Es ist ein großes Verdienst, dass in der fünfteiligen Konzertreihe "Zeit mit Enescu" neben Enescus einziger Oper "Œdipe" wenigstes sechs Werke aus der ungemein vielgesichtigen, faszinierenden Kammermusik vorgestellt wurden, umrahmt von Musik der Zeitgenossen. Seien es das 2. Sextett und die d-moll-Violinsonate von Johannes Brahms, den der ganz junge Enescu während seiner Studien in Wien Ende des 19. Jahrhunderts noch kennengelernt hatte. Oder Musik seines Lehrers Gabriel Fauré, des Kommilitonen Maurice Ravel, der Violinkollegen Eugène Ysaÿe und Joseph Joachim. Immer fällt auf, wie verschieden und ungewöhnlich, wie betörend fremd oder raffiniert mondän anders Enescus Musik klingt. Er selbst hat dieses Staunen über die Unvergleichlichkeit und Besonderheit seiner Musik vergnügt kommentiert: "Gewisse Personen haben sich beunruhigt und irritiert gezeigt, weil sie mich nicht in gewöhnlicher Art katalogisieren und klassifizieren können. Das wäre keine französische Musik in der Art Debussys, das wäre auch keine deutsche Musik, die ich schreibe, erklärten sie. Kurz, ohne fremd zu erscheinen, ähnelte sie kaum einer bekannten Sache, aber gerade das irritiert die Leute, wenn sie einen nicht klassifizieren können."

Dabei lassen sich durchaus Spuren und Anklänge an Brahms, an Richard Wagner, Fauré oder Ravel wahrnehmen, aber eben nicht im Sinne von Ähnlichkeit, sondern in einer Andersartigkeit, die auch dem gewohnten Beschreibungsvokabular ausweicht. Das ist wohl einer der Gründe für die verblüffend verspätete Rezeption dieses großartig eigenwilligen Komponisten - gerade im deutschsprachigen Raum. Es ergeht Georges Enescu darin ähnlich wie etwa Feruccio Busoni, Albert Magnard oder Albert Roussel, um einige erlauchte Namen zu nennen, die nur sehr selten in hiesigen Programmen auftauchen.

Maxim Vengerov, der nach einer Zeit mit Dirigierversuchen und anderem, wieder als zu Recht gefeierter Geiger im "Haus für Mozart" auftrat, spielte mit der eindrucksvollen Pianistin Polina Osetinskaya Enescus 2. Violinsonate von 1899 denn auch nicht als vermeintliche Brahms-Variante. Vielmehr gelang es den beiden, einen Dialog nicht des "Wortwechsels", sondern des ineinander verwobenen, gewissermaßen gleichzeitigen Sprechens zu führen, das zum Schluss geradezu lakonisch abbricht. Enescu hielt diese Sonate und das Oktett für diejenigen Stücke, in denen er seinen ganz eigenen Stil gefunden hatte.

Dagegen wirkte das Konzertstück für Viola und Klavier, das Enescu auf Faurés Wunsch 1906 als obligatorisches Wettbewerbsstück für das Pariser Conservatoire schrieb, elegant virtuos und in seiner biegsamen Melodieführung im besten Sinne mondän, vor allem dann, wenn man es so hinreißend eloquent darbietet wie die Violakönigin Tabea Zimmermann mit Thomas Hoppe am Klavier im Mozarteumssaal. Wenn überhaupt, dann kann man bei diesen organischen, sich aus sich selbst hervorspinnenden Musiklinien an Jugendstil denken.

Das gilt in manchem sogar noch für das sehr viel spätere Klavierquintett von 1940, das die Geiger Renaud Capuçon und Guillaume Chilemme, der Bratscher Adrien La Marca, der Cellist Edgar Moreau und der Pianist Nicholas Angelich darboten. Ein Stück, dessen Dramatik sich in ununterbrochenen, sich vielfältig entwickelnden und inspirierenden Farbwechseln erfüllt. Die französischen Musiker vertieften sich imponierend in diesen Melodiefluss aus fünf verschiedenen sich vernetzenden Klangquellen.

Am kommenden Sonntag wird Patricia Kopatchinskaja eines der berühmtesten Stücke des großen Unvertrauten spielen, die 3. Violinsonate. Sie gleicht einem riesigen Improvisando aus Klangeindrücken und -fantasien, die Enescu als "dans le caractère populaire roumain" angeregt bezeichnete. Doch ist nichts Folkloristisches gemeint, sondern die Erinnerung an die ungeheure Fülle musikalischer Eindrücke aus seiner Kindheit, in denen sich Fiedelmusik, Zymbal, Singsang, Vogelstimmen und Naturgeräusche zu einer traumwandlerischen Stimmung verdichten. Es gilt, George Enescu in seiner ganzen Überraschungskraft und einzigartigen Vielfarbigkeit auch jenseits der Salzburger Festspiele endlich wahrzunehmen und kennenzulernen.

© SZ vom 16.08.2019

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