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Kabarett:Ein Abend in Shanghai

Sven Kemmler
(Foto: Franziska Schroedinger)

Sven Kemmlers neues Bühnenprogramm "Die Neue Mitte - China für Anfänger" ist Reisebericht, Länder-Show und Aufklärung zugleich

Eines von vielen schönen Bildern, die sich Sven Kemmler in China eingebrannt haben, ist das von den Männern, die im Schlafanzug auf der Straße herumlaufen: 'Seht her, ich habe nichts zu tun, ich muss nicht arbeiten', bedeutet das. Gesehen hat Kemmler das bei einem längeren Aufenthalt in Shanghai, den er nun in seinem neuen Bühnenprogramm "Die Neue Mitte - China für Anfänger" verarbeitete. Als Premierenbesucher in der Lach- und Schießgesellschaft sträubt man sich fast, das noch Kabarett zu nennen. Eher einen sehr witzigen, durch aufwendige Recherche erweiterten Reisebericht, eine zwischen Essay, Groteske, Vortrag und Comedy pendelnde Länder-Show und ein gewaltiges Stück Aufklärung. Denn wie schon zuvor in seiner "Englischstunde" leuchtet Kemmler Ecken aus, stellt Zusammenhänge her und rundet alles zu einem Gesamtbild, das man vorher nie gesehen hatte. Der sinnenfreudige Intellektuelle Kemmler hat, das ist am Ende klar, seine besondere Form der Bühnenkunst gefunden.

Der Ausgangspunkt hier ist derselbe wie wohl bei den meisten im Publikum: Mit sieben waren für ihn alle Chinesen "Wäsche waschende, komisch redende Männer mit langen Zöpfen" wie aus "Bonanza", mit 17 schweigsame Kampfkunstmeister wie in "Kung Fu", mit 27 Kommunisten in Mao-Anzügen. Heute stellt man sich gerne ein zwar wirtschaftlich erfolgreiches, aber unterlegenes, von einer Diktatur geknechtetes Ameisenvolk vor. Was aber, wenn man dann feststellt, dass es dort alles und mehr gibt, vom Reichtum der Küche ("Essen ist das Wichtigste für Chinesen überhaupt") ganz abgesehen. Dass Bauprojekte in grotesker Geschwindigkeit erledigt werden. Dass der öffentliche Nahverkehr perfekt funktioniert. Dass man sich völlig sicher und frei bewegen kann. Und dass man, wenn einen Chinesen nach den eigenen Verhältnissen fragen, dies alles von hier nicht behaupten kann.

Mit geradezu diebischer Freude und lustigen Quervergleichen raubt einem Kemmler geliebte Vorurteile und räumt mit der von Unwissen gespeisten Überheblichkeit auf. Lässt einen mitstaunen über die Experimentierfreude und Duldsamkeit der Chinesen, über ihren Gemeinschaftssinn, der dem Staat nicht nur unfreiwillig die Gestaltungshoheit einräumt. Über die bukolischen Trinkgedichte eines Li Bai aus dem siebten Jahrhundert, die frühe Blüte der Kunst und die wechselvolle Geschichte bis hin zu den vielen Gesichtern des "großen Vorsitzenden" Mao. Mag sein, dass Kemmler das Bild etwas zu freundlich malt und manche Schattenseiten ausspart. Trotzdem lernt man an seinem Abend Wichtigeres über China als in einer ganzen VHS-Reihe. Und das herzlich lachend, ganz im Sinne seines Schlussplädoyers, doch fröhlich aufeinander zuzugehen und sich kennenzulernen. Eine famose Leistung, nach der er für die Zugabe (eine saukomische bayerische Wirtshausgeschichte im Kung-Fu-Stil) zu Recht im Schlafanzug erscheinen darf.

Sven Kemmler: Die Neue Mitte - China für Anfänger; bis Samstag, 2. Februar, 20 Uhr, Lach- und Schießgesellschaft, Ursulastraße 9