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Jugendroman:Ausgefranste Seelenlandschaften

Ein junger Nazi verliebt sich in eine Asylbewerberin aus Syrien. Eine Erzählung, die brandaktuell die politische Situation in Deutschland zeigt. Und auch nicht zögert, die harte Realität zu schildern.

Momentan sorgt ein kurzer Film der katholischen Kirche für Furore im Netz: Echte Flüchtlinge lesen echte Hass-Tweets vor, rassistische Sätze, in denen gegen "Sozialschmarotzer", "analphabetische Kanaken" gewettert wird. Da sitzt dann eine alte, ersichtlich bettelarme Frau am Boden ihrer Asylunterkunft und liest mit starkem Akzent vor: "Bienchen 4 schreibt: ,Ich will auch im Viersterne-Hotel wohnen.' Oder das Mädchen am Küchentisch liest: "Ahmed Iscitürk schreibt: ,Typisch Asylant: nix arbeiten dürfen, aber maulen."

Seine dunkle Kraft bezieht dieser kleine Film einerseits daraus, dass die Bilder die Behauptungen jedesmal widerlegen: Das karge Zimmer, in dem die alte Frau sitzt, hat nun auch gar nichts mit einem Viersternehotel zu tun. Und das schüchterne Mädchen mault nicht. Zum anderen sind sie so stark, weil die hämischen Sätze aus dem Mund ihrer Opfer noch gemeiner und zugleich grotesker klingen als sie ohnehin sind. In dem Film kommen zwei Welten zusammen, die sonst nie miteinander zu tun haben: Rechte Hetzer sprechen nicht mit Asylbewerbern. Sie sprechen nur über sie.

Peer Martin hat genau diese Tatsache zum Ausgang seines opulenten Jugendromans Sommer unter schwarzen Flügeln gemacht: Was, wenn sich zwei derartige Antagonisten ineinander verlieben würden? Was, wenn ein Neonazi ein syrisches Mädchen trifft und ihr einmal richtig zuhört? Nuri kommt aus einem syrischen Dorf am Rande der Wüste und ist nach abenteuerlicher Flucht in Mecklenburg-Vorpommern gelandet. Calvin lebt schon immer hier, er hat nichts außer seinem Hass auf alles Fremde und dem heimlichen Wissen darum, eigentlich nichts zu können und nichts zu haben. Außer seiner Clique. Der Chef dieser Bande will weg, in den Westen, Calvin soll den rechten Haufen in Zukunft anführen. Eines Tages holt er seine beiden Geschwister bei einer Therapeutin ab. Als er auf den maroden Balkon des Wartezimmers tritt, bricht dieser ein. Von hinten reißt ihn jemand ins Zimmer zurück: Nuri.

Die Bewohner der Unterkunft sind völlig auf sich selbst gestellt. Hilfe von außen gibt es nicht

Was folgt, ist in guter alter Cliffhanger-Manier konstruiert. Nuri erzählt ihm ihre Geschichte: wie der Bürgerkrieg langsam in ihr Leben gedrungen ist und alles zerstört hat, ihre Kindheit, ihr Dorf, ihre Familie; die schwarzen Flügel des Krieges verfolgen sie bis in die Unterkunft. Gleichzeitig erzählt Martin, wie Calvin in immer stärkere Konflikte gerät, weil er dieses Mädchen wider Willen zu lieben beginnt und gleichzeitig starker Chef sein will, Anführer einer Clique, die einen Angriff auf das neue Asylbewerberheim im Dorf plant, auf die "Kanaken und Zigeuner, die von sonst wo kamen und den Deutschen die letzten Jobs wegnahmen". Einiges an Nuris Syrien-Erzählung ist klischeeüberladen, Weintrauben ranken, Staub weht über eselkarrengeschmückte Wege, es klingt mehr nach Vorderem Orient als nach Nahem Osten. Und dass Nuris Therapeutin in diesem pommerschen Nest eine jüdische KZ-Überlebende namens Frau Silbermann sein muss, wirkt sehr konstruiert und unglaubwürdig.

Peer Martin schafft es trotzdem, dass man bei der Stange bleibt. Zum einen, weil er Nuris Grundstimmung, die Versehrungen durch Trauma, die Kraft der Erinnerung, sehr glaubwürdig schildert. Die Bewohner der Unterkunft sind völlig auf sich gestellt, Hilfe von außen gibt es in diesem Mecklenburg nicht. Vor allem aber kann Martin enorm überzeugend aus dem Leben und Milieu der jungen Nazis erzählen, das Amorphe ihrer Biografien, ausgefranste Seelenlandschaften, der Hass als Bindungskitt, der Kick der Gewalt. Man merkt, dass er lange Jahre in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern als Sozialarbeiter gelebt hat und solche Typen wie Calvin sehr gut aus seinen Aussteigerprogrammen kennt. So nimmt man Calvin auch seine innere Zerrissenheit ab. Irgendwann wagt Calvin dann den Sprung ins Neue, trennt sich von seiner Clique, um diesem Mädchen beizustehen, das noch vor wenigen Wochen für ihn nur eine von denen war, die endlich "auszumerzen" sind. (ab 14 Jahre)

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln. Oetinger 2015. 528 Seiten, 19,99 Euro.

© SZ vom 30.06.2015
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