Theater:Was für ein Epos

DIE TRÄUME DER ABWESENDEN

"Die Träume der Abwesenden" besteht aus drei Stücken, die Judith Herzberg in einem Zeitraum von 20 Jahren, zwischen 1981 und 2001, schrieb.

(Foto: Sandra Then)

Stephan Kimmig inszeniert am Münchner Residenztheater Judith Herzbergs jüdische Familientrilogie "Die Träume der Abwesenden". Fünf Stunden lang und: grandios.

Von Egbert Tholl

Nach fünf Stunden, so lange dauert diese Aufführung mit zwei Pausen, kommt Judith Herzberg selbst auf die Bühne des Münchner Residenztheaters. Fast scheu wirkt die 1934 in Amsterdam geborene Schriftstellerin, auch ein wenig gerührt wegen des dankbaren Applaus', der zunächst dem Ensemble gebührte, dann der Regie, also Stephan Kimmig, und nun schließlich sie feiert, die Schöpferin der drei Theaterstücke, die der Abend unter dem Titel "Die Träume der Abwesenden" vereint. Es sind drei wundervolle Stücke, ein Familienpanorama, reich an Figuren, die nur Herzberg so erfinden konnte: eine jüdische Lebensgeschichte über drei Generationen hinweg, in die die Toten mit hineinspielen und die vielen Lebenden mit dem Leben selbst hadern, es feiern, sich verlieben, entlieben, alle miteinander zu tun haben. Herzbergs Trilogie ist ein Tableau jüdischen Lebens und Überlebens, über dem stets die schwarze Wolke des Holocausts hängt. Es ist aber auch eine großes Epos darüber, was das eigentlich ist, dieses Leben.

In einem Zeitraum von 20 Jahren, zwischen 1981 und 2001, schrieb Herzberg die drei Stücke. Das erste, "Leas Hochzeit", ist für sich schon ein singuläres Meisterwerk. Lea heiratet zum dritten Mal, man befindet sich 1972 in Amsterdam und das Stück ist voller kleiner Geschichten, auf die man achtgeben muss, weil sie oft im Hintergrund herumwandern, sich zwischen den Worten verstecken, die man halt so wechselt auf einer Hochzeit mit unzähligen Verwandten. Lea ist die Tochter von Ada und Simon, die das Konzentrationslager überlebten, während Lea als Kind bei Riet aufwuchs, der nichtjüdischen "Kriegsmutter". Herzberg selbst überlebte den Krieg bei Pflegeeltern auf dem Land. Doch sie ist nicht Lea. Herzberg: "Aber alle Figuren haben Anteile von mir." Ihr Vater überlebte das KZ Bergen-Belsen und schrieb darüber ein Buch.

Auf das Stück über die Hochzeit, das keineswegs alle Lebensfäden zusammenspinnt, lose Enden lässt, die der Zuschauer selbst verknüpfen kann - was für ein herrliches Erleben, wenn man den Figuren im eigenen Kopf nachspürt - folgt "Heftgarn", in der Struktur ähnlich. Die Figuren werden weiterverfolgt, neue kommen hinzu, bis alles aufs Ende zuläuft, auf "Simon", aufs Sterben der Generation, die als letzte den Holocaust überlebt hat. Da ist man in einer Zeit angekommen, die man sich auch als unsere Gegenwart vorstellen kann.

Das Leben muss man nach vorne leben. Aber um es zu begreifen, muss man zurückgehen

Stephan Kimmig beschäftigte der Stoff so lange wie Herzberg. Vor 20 Jahren inszenierte er die ersten beiden Stücke zusammen in Stuttgart, vor zehn Jahren brachte er am Deutschen Theater in Berlin die gesamte Trilogie heraus. Die hieß damals "Über Leben", und wenn die Erinnerung nicht trügt, war damals vieles sehr anders als heute in München. Im Gedächtnis ist ein sehr feiner, genauer Abend, der sorgsam Herzbergs Chronologie folgt.

Nun, zehn Jahre älter, stellt Kimmig zunächst Simon, gespielt vom enigmatisch schillernden Steffen Höld auf die Bühne, im Rollstuhl, alt, dement, zerfallend. Das Leben muss man nach vorne leben, aber um es zu begreifen, muss man zurückgehen. Enden wird der Abend bei der Enkelgeneration, bei Xandra und Chaim, Linda Blümchen und Niklas Mitteregger, bei deren körperlich explodierendem Zorn, bei deren Versuch des Ausbruchs aus diesem Kreis des Lebens, in dem man immer wieder an die Vergangenheit stößt, aber auch bei deren jüdischem Selbstbewusstsein.

Kimmig braucht nur die Lichtinstallationen von Gerrit Jurda als Ausstattung; die hybriden Gebilde erwachen durch Max Rothbart zum glimmenden und glühenden Leben. Rothbart ist hier der Weltenerfinder, ein Zauberer wie aus dem Kindertheater, auch ein Musik- und Geräuschemacher. Da ist Kimmig nicht immer subtil, da wird das Gefühl auch mal mit dem langsamen Satz aus Schuberts Streichquintett gesteuert oder viel Party im Sound der Siebziger Jahre gefeiert.

Ein Stück über Juden, nur mit Juden? Das gehe doch nicht, sonst dürfe nicht einer schlechte Eigenschaften haben. Doch, dürfen sie.

Viel entscheidender aber ist dieses 15-köpfige Ensemble, das großartig spielt, horizontal in den Begegnungen der Figuren zueinander, vertikal im Altern, in der Veränderung der eigenen Physis und der Emotionalität. Drei Fixpunkte: Simon, seine Frau Ada, mit riesigem Herz gespielt von Barbara Horvath, und Lea. Auf Ada lastet, dass sie den Holocaust überlebte, sechs Millionen nicht, sie bewegt sich in ihre eigene Welt hinein, stirbt und kehrt als Geist zurück, physisches Bild des Erinnerns. Liliane Amuat spielt Lea mit flackernder Unruhe, aufgeladen mit dem vibrierendem Interesse, ein eigenes Leben zu schaffen. Auf ihrer Hochzeit mit Nico, gespielt von Thomas Lettow mit über die vielen erzählten Jahre hinweg sorgsam zerbröselnder Hollywood-Grandezza, lernen sich Hans, ein Freund Nicos, und Pien kennen. Und da Familiengeschichten immer auch voller Komik sind, balzen Lukas Rüppel und Lisa Stiegler mit herrlichen Aberwitz umeinander; sie wird dann Expertin in Jüdischkeit, er verschwindet und kehrt reich zurück.

Es gibt hier so viele Geschichten und ihre Verkörperung, man kann sie nicht ansatzweise wiedergeben. Da sind die anrührende Carolin Conrad und der vollkommen furchtlose Robert Dölle, da ist Hanna Scheibe. Sie spielt Riet. Grandios. Mit naivem Wundern tritt sie von einem Fettnäpfchen ins andere, ein Beispiel: Ein Stück über Juden, nur mit Juden, das gehe doch nicht, weil wenn alle Juden sind, dürfe doch nicht einer schlechte Eigenschaften haben.

Doch, dürfen sie. Das ist das Leben. Und man muss Herzbergs Stücke in Deutschland wieder und wieder spielen. Sie sind eine holländische Geschichte. Und deutsche Vergangenheit, Gegenwart.

© SZ/thba
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