Judith Hermanns Roman "Aller Liebe Anfang":Eine Art romantischer Trotz

Lesezeit: 5 min

Manchmal ziehen Erinnerungen an Stellas Zeit mit ihrer Freundin Clara durch den Text, und diese bilden das geheime Zentrum. Vor zehn Jahren haben sie die Großstadt verlassen und jeweils eine Kleinfamilie gegründet. Clara ist immer noch Stellas wichtigste Bezugsperson. Sie telefonieren regelmäßig, schicken sich Briefe.

Die damalige Zeit mit Clara in der gemeinsamen Wohnung steht für das Ziellose, Unbeschwerte, das mit Ende zwanzig, Anfang dreißig auf dem Höhepunkt war, und eine zufällige Episode wird wie ein mythischer Moment eingestreut: die Straßenbahnbekanntschaft, die Stella wortlos mit in ihre Wohnung nahm.

Sie schlief nur einmal mit diesem Mann, sah ihn danach nicht mehr. Dieser Moment steht für die Möglichkeiten eines vergangenen Lebens, die sich plötzlich verstärkt durch die Kulissen des jetzigen schieben. Darum geht es in diesem Roman, der sich formal von den bisherigen Erzählungen losschreiben möchte, aber ihnen dennoch verhaftet bleibt.

Einmal erzählt Stella Ava eine Gutenachtgeschichte, und sie weiß, was Ava am liebsten mag: eine Geschichte, in der nichts passiert. Ohne Pointe, "eine Geschichte, die vom Gleichmaß aller Tage erzählt, davon, dass alles bleibt, wie es ist." Dies ist eigentlich auch die Sehnsucht Stellas, so möchte sie sich ihr Leben mit Jason vorstellen - doch dunkel ahnt sie, dass das nicht funktionieren wird. Mister Pfister ist da nur ein Auslöser.

Der Plot, der Showdown, die Sprache, all dies verdankt sich angloamerikanischen Anregungen, das lakonische Geschichtenerzählen, das das lodernde Zentrum nicht direkt zu beschwören braucht.

Doch ist Judith Hermann nicht Alice Munro. Sie schreibt nicht aus diesem einen Guss heraus. Dass sie jetzt einen Roman vorlegt, ist ein zusätzliches Indiz dafür: Alice Munro hat das vermieden. Was Judith Hermann ausmacht, ist etwas anderes und entfernt sich von jenem Stilideal, von den bösen Geschichten: Es ist eine Art romantischer Trotz.

Desillusionierter und verschreckter

Das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Einmal sieht Stella ihr eigenes Zimmer mit Jasons Augen: das Bord "an der Wand, auf dem ein Kardinalsvogel aus Porzellan neben einer Schneekugel, einem goldenen Buddha und einer Reihe von Steinen aus dem Schwarzen Meer steht; Stellas Bücherregal, Stellas Schreibtisch, ihre Stifte und Kerzen, für Jason sicher alberne Räucherstäbchen, die Perlenketten am Stuhlbein, die Vogelfeder an der Wand und seit zwei Wochen das orangene Tuch im Fensterrahmen festgeklemmt und um den Fenstergriff geknotet, ein orangenes Tuch mit weißen Pfauen darauf."

Hier gibt es einen Sehnsuchtskern. Er ist an ein bestimmtes Lebensgefühl gebunden, an spezifische Generationserfahrungen. Judith Hermanns Figuren altern mit der Zeit. Ihre weiblichen Identifikationsfiguren werden erwachsener, also eigentlich romanhafter, doch bei ihr heißt das vor allem: desillusionierter und verschreckter. Eine gewisse Zeitdiagnose ist das schon. Aber die literarische Form dafür muss erst noch erschrieben werden.

Judith Hermann: "Aller Liebe Anfang". Roman. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2014. 224 Seiten, 19.99 Euro, E-Book 17,99 Euro.

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