Jubiläum Musik für die Augen

Zur 50. Jazzwoche in Burghausen erscheint ein Buch, das in vielen Geschichten und Fotografien das außergewöhnliche Festival feiert

Von Oliver Hochkeppel

Vielleicht sieht man daran die schwindende Bedeutung des Buches, vielleicht waren aber alle auch nur zu sehr mit der Vorbereitung der 50. Internationalen Jazzwoche Burghausen selbst beschäftigt: Jedenfalls plante niemand bei der veranstaltenden Interessengemeinschaft Jazz eine Festschrift oder eine entsprechende Veröffentlichung zum großen Jubiläum mit ein. Ein Umstand, den Roland Spiegel überhaupt nicht verstehen wollte. Der Jazz-Redakteur beim Bayerischen Rundfunk besucht nicht nur das Festival seit 1983 - erst als Zeitungsjournalist, seit 2004 betreut er die Hörfunk-Übertragungen - er ist auch ein äußerst bibliophiler Mensch. Und so wurde er zusammen mit seinem Kollegen Ulrich Habersetzer, der seit 2008 mit ihm gemeinsam die Burghausen-Sendungen macht, selbst aktiv.

Voller Einsatz: Ray Brown spielte 1996 in Burghausen.

(Foto: Rudolf Hetzmannseder)

"Wir fanden einfach, dass die Veranstaltung eines international hochkarätig besetzten Musikfestivals über fünf Jahrzehnte hinweg an einem relativ kleinen Ort eine kulturelle Leistung ist, die in einer Publikation gewürdigt werden sollte - um zu zeigen, welche Dimensionen sie hat", schreiben sie im Vorwort ihres soeben erschienenen Buches "It Has Lines In Its Face". Keine Chronik oder Festschrift sollte das Ganze werden, sondern ein bunter Bogen von Geschichte und Geschichten, mit Momentaufnahmen und beispielhaften Begebenheiten, mit Hintergrundaufhellungen und Anschauungsmaterial (insbesondere durch die vielen eindrucksvollen Fotos aus 50 Jahren), mit Zeitzeugenberichten und betont subjektiven eigenen Einschätzungen. Das Vorhaben ist gelungen.

Jamie Cullum war 2014 zu Gast.

(Foto: Gerhard Hübner)

Als Leser bekommt man jedenfalls schnell einen Eindruck von der besonderen Atmosphäre dieses Festivals wie von der Leidenschaft aller Beteiligten, von den Gründern und Organisatoren bis zur Heerschar der Ehrenamtlichen und Freiwilligen, denen ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Nicht zuletzt erzählt es von der Hingabe der Musiker, durch die die sinnstiftende und identitätsbildende Kraft des Jazz überhaupt erst möglich wird. Dank zahlloser wundervoller Anekdoten gerät das alles auch zum großen Lesespaß: Wie Dizzy Gillespie es sich beispielsweise nicht nehmen ließ, das Geschirr seines späten Mals bei der Session im Jazzkeller in der Küche selbst abzuspülen; aber auch weniger Erbauliches wie der Auftritt von Cassandra Wilson, seit dem man die Künstlerin in Burghausen wohl nicht wieder buchen wird. Eine Schlüsselfigur des des Festivals wie des Buches ist Joe Viera, mit Helmut Viertl Gründer der Jazzwoche und bis heute der künstlerische Leiter. Seine persönlichen Erinnerungen an all die Jahre und all die Musiker ergeben dann doch eine Art Chronik, die zugleich das Wichtigste hervorhebt und einordnet.

Dizzy Gillespie betätigte sich 1978 sogar als Tellerwäscher.

(Foto: OH)

Es finden sich aber auch Kapitel über die recht früh das Festival quer durchs Jahr begleitenden Jazzkurse, die eine frühe Kaderschmiede für die süddeutsche Jazzszene wurden; über die Karrieren, die hier ihren Ausgangspunkt hatten; wie auch über die Finanzierung des Festivals - ein Aspekt, der anderswo schamhaft verschwiegen statt selbstbewusst hervorgehoben wird. Die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt der britische Jazz-Entertainer Jamie Cullum: Von ihm stammt nicht nur das Zitat des Buchtitels - er meint damit die beeindruckenden Lebensfalten des Festivals -, und sein Auftritt 2014 wird im Buch mehrfach als eine der unvergesslichen Sternstunden der Jazzwoche hervorgehoben, er ist eben auch der wohl prominenteste Stargast der an diesem Dienstag, 26. März, beginnenden Jubiläumsausgabe (Programm mit Rahmenveranstaltungen wie den Jazzfilmen im Ankerkino oder der Erweiterung der "Street Of Fame" durch die Verlegung der Bronzeplatte für Roy Hargrove unter www.b-jazz.com/jazzwoche-2019). Und dieses opulente Jazzbuch - eines der schönsten der vergangenen Jahre - ist nun selbst Teil des Festivals: als Grundlage der traditionell die Jazzwoche begleitenden Ausstellung im "Haus der Fotografie". Wer kann, sollte sich den Aufstieg auf die Burg nicht entgehen lassen. Dort wirken die Bilder natürlich schon wegen des größeren Formats noch opulenter.

It Has Lines In Its Face - Internationale Jazzwoche Burghausen seit 1970; Ausstellung bis So., 19. Mai, Haus der Fotografie; Lesung am Fr., 29. März, 17 Uhr; 50. Jazzwoche Burghausen, Di., 26., bis So., 31. März