Jounalismus Eine bessere Zukunft

In Istanbul entsteht ein Gedenkort für den 2007 ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink, der die Türkei nicht verlassen wollte, und in seinen Texten neuen Rassimus und Ausgrenzung anprangerte.

Von Christiane Schlötzer

Zur Möblierung der Istanbuler Fußgängerzone gehören ein, zwei Wasserwerfer und ein Polizeipanzer, sieben Tage die Woche. Jeden Samstag wird zusätzlich aufgerüstet, um die "Samstagsmütter" daran zu hindern, sich vor dem ehrwürdigen Galatasaray Gymnasium zu versammeln. Im vergangenen August, bei der 700. Protestaktion, schoß die Polizei mit Plastikpatronen, um die Frauen zu vertreiben, die an ein türkisches Trauma rühren: In den Achtziger- und Neunzigerjahren verschwanden hunderte Menschen im Polizeigewahrsam, viele im kurdischen Südosten. Die Täter wurden nie benannt. Der Staat möchte dem öffentlichen Erinnern ein Ende setzen.

Über die Erinnerungskultur in seiner Heimat, der Türkei, sagte der 2007 in Istanbul ermordete Journalist Hrant Dink: "Die Gesellschaft verteidigt die Wahrheit, die sie kennt." Dink wusste, wovon er sprach. Er war Armenier, in der Türkei geboren, und er wollte sein Land nie verlassen, auch wenn sein Postfach voller Hassmails war und Armenier aus anderen Ländern ihm immer wieder zum Exil rieten. Statt dessen versuchte Dink, die Gesellschaft, in der er lebte und an der er litt, darüber aufzuklären, dass Menschen wie er den Schmerz des Völkermords in sich tragen, und dass es gilt, neuen Rassismus und Ausgrenzung zu verhindern. Eine bessere Zukunft ist möglich, daran glaubte Dink, und verzweifelte, als ein Gericht ihn nach einem absurden Prozess wegen "Erniedrigung des Türkentums" verurteilte. Dinks Credo der Aufklärung und Versöhnung soll künftig ein Erinnerungsort dienen, den die nach ihm benannte Stiftung im April in Istanbul eröffnen wird. Über 80 Institutionen in 15 Ländern fragte sie zuvor nach der richtigen Art des Gedenkens, sie wollte von anderen lernen. Und viele der Museumsdirektoren - aus Polen, Ungarn, Bosnien, Libanon, Ruanda, Deutschland, Armenien - kamen am Wochenende nach Istanbul, um ihre Erfahrungen zu teilen. Auf dem Weg zu dem Workshop mussten alle an den Polizeisperren vorbei. Der Veranstaltungsort - der Glaspalast einer türkischen Großbank - lag direkt neben dem Sammelpunkt der Samstagsmütter.

Erinnerungsarbeit scheint ein besonderes Anliegen von Frauen zu sein, jedenfalls werden viele Gedenkstätten von Frauen geleitet oder von Aktivistinnen angeregt.

"Das Verschwindenlassen ist immer ein politisches Projekt", sagte Diana Taylor von der New York University, "es beraubt die Opfer des staatlichen Schutzes" - und eines offiziellen Gedenkens. Taylor sprach über Mexiko und Argentinien, und im Saal dachten viele an die Frauen unten auf der Straße. Erinnerungsarbeit scheint ein besonderes Anliegen von Frauen zu sein, jedenfalls werden viele Gedenkstätten von Frauen geleitet oder von Aktivistinnen angeregt. In Istanbul berichtete die Architektin Mona El Hallak, wie sie seit 25 Jahren in Beirut um ein Bürgerkriegsmuseum ringt. Ein großartiger Ort dafür ist gefunden, ein historisches Gebäude, das einst auf der Frontlinie lag. Aus dem Schutt rettete Hallak Tausende Negative, das Archiv eines Fotoateliers. "In unseren Schulbüchern steht nur ein einziger Satz über den Bürgerkrieg", sagte Hallak, und die Regierenden hätten gern, dass es so bleibt.

In Südafrika ist man weiter, hat Täter und Opfer miteinander konfrontiert. Die Aufarbeitung der Apartheid sei aber längst nicht abgeschlossen, sagte Emilia Potenza, Kuratorin des Apartheid Museums in Johannesburg. Im südafrikanischen Cape Town bewahrt ein anderes Museum die Erinnerungen jener Menschen, die dort aus dem "District Six" vertrieben wurden, als dieser zum Wohngebiet nur für Weiße erklärt wurde. Direktorin Bonita Bennett sagte, die früheren Einwohner hätten ihr Hausschlüssel und Familienfotos gebracht.

Wird irgendwann ein türkisches Museum die Haushaltsgegenstände von Menschen bewahren, die vor einem Vierteljahrhundert aus kurdischen Dörfern im Südosten vertrieben wurden? Das dürfte noch lange dauern. Rakel Dink, die Witwe Hrant Dinks, beklagte die "Polarisierung" in der türkischen Gesellschaft.

Hrat Dinks Stiftung, in seinem Todesjahr gegründet, hat sich einer "Kultur des Dialogs verschrieben.

Als Istanbuler Bürger den Antrag stellten, die Straße, in der Dink von einem 16-jährigen Ultranationalisten erschossen wurde, nach dem Ermordeten zu benennen, lehnte die Stadtverwaltung mit der Begründung ab, damit entstehe ein "Sicherheitsrisiko". Der Täter hatte vor dem Gebäude gewartet, in dem sich die Redaktion der Zeitung Agos befand. Die hatte Dink 1996 gegründet, zweisprachig: Armenisch und Türkisch. Agos gibt es noch, aber die Redaktion ist umgezogen. In dem alten Gebäude entsteht der Gedenkort.

Der wird den Namen "23 und Einhalb" tragen, wie ein Artikel Dinks. Darin schrieb er über die Nacht vom 23. April - in der Türkei der "Feiertag der Kinder" - auf den 24. April, an dem die Armenier weltweit an den Genozid erinnern. "Versöhnt die Kinder", schrieb Dink. Die Stiftung, die seinen Namen trägt, wurde im Jahr seines Todes gegründet. Sie hat sich einer "Kultur des Dialogs" verschrieben und ist in einem schwierigen Umfeld ein mutiger zivilgesellschaftlicher Akteur geworden.

Die türkischen Samstagsmütter haben vor eine Weile damit begonnen, bei ihren Protesten auch Bilder von 1915 verschwundenen Armeniern zu tragen. Am Samstag konnten das die Tagungsteilnehmer nicht sehen, weil die Mütter ausweichen mussten, in eine einen halben Kilometer entfernte Gasse. Die Polizei ließ ihnen keinen Raum.