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Nachruf auf Jim Steinman:Der Mann für den Autounfall-Song

Jim Steinman

Wagnerianismus wurde Steinman oft vorgeworfen. Zumindest die Wallefrisur des jungen Siegfried trug er tatsächlich.

(Foto: Evan Agostini/AP)

Der Komponist Jim Steinman war der geradezu offizielle Spezialist für die wirklich großen Entwürfe. Ein Pop-Wagner, der Rock 'n' Roll und Musiktheater vereinte.

Von Joachim Hentschel

Die windige These, dass Popmusik immer in ein schulterbares Kofferradio hineinpassen muss, dass sie auf keinen Fall größer sein dürfe, ignorierte und bekämpfte er von Anfang an. Die Songs, die Jim Steinman erst zusammenfantasierte, dann irdisch niederschrieb, produzierte und meistens von anderen Leuten singen ließ, kamen an einem Ende immer von der hintersten Ecke des weiten Horizonts her. Und verschwanden am anderen wieder in der Ferne, im Irrlicht. Wenn die einen Liebeslieder schrieben, machte Steinman stattdessen fünfaktige Königskinder-Tragödien. Wenn andere sangen, wie fein sich die Fahrt im Cadillac am Samstagabend anfühlt, baute Steinman ein sechsspuriges Roadmovie-Drama. Inklusive Hasenfußrennen und finalem, explosivem Wetterleuchten am Firmament.

Im Prinzip habe er nur "den ultimativen Auto- oder Motorradunfall-Song" schreiben wollen, sagte er einmal in einem Interview über "Bat Out of Hell", das Stück, das 1977 seinem berühmtesten Opus den Namen gab. Das von Steinman komponierte und produzierte Debütalbum des bis dahin eher im Kunsthandwerk aufgefallenen texanischen Sängers Meat Loaf verkaufte sich am Ende rund 50 Millionen Mal. Es wurde für seine beiden Schöpfer zu einer Art Schicksalswerk.

Steinman, 29 zur Zeit der Aufnahmen, fusionierte hier den sexuellen, nach Aufklärung und Erlösung aller Art strebenden Drive des ganz alten 50er-Rock-'n'-Roll mit den dramaturgischen, raumfüllenden Mitteln des Musiktheaters. Dass er sich dafür ausgerechnet Musiker aus der Band von Bruce Springsteen lieh, folgte seiner messerscharfen Beobachtung. Wagnerianismus wurde Steinman oft vorgeworfen, zumindest die Wallefrisur des jungen Siegfried trug er tatsächlich stets. Aber wo bei Wagner hinter jedem Donnerhall ein assoziatives Raunen steht, ein mythischer Appellativ, strebte Jim Steinman immer nach höchstmöglicher Klarheit, nach der Benennung der Dinge. Die dialektischen Klammersetzungen in seinen Songtiteln sind Legende: "I'd Do Anything for Love (But I Won't Do That)", sang Meat Loaf 1993, zur ersten Fortsetzung von "Bat Out Of Hell".

Andrew Lloyd Webber sagte er für "Phantom der Oper" ab: zu beschäftigt

James Richard Steinman kam am 1. November 1947 in New York City zur Welt und entdeckte schon früh seine Liebe zum klassischen Musical. Als Student des Elite-Colleges Amhurst in Massachusetts, schrieb er Musik für Brecht-Inszenierungen und fürs Puppentheater, brachte 1969 sein komplett allein erdachtes, völlig irres Werk "The Dream Engine" auf die Studentenbühne. Viele seiner späteren Großerfolge waren als musikalische Motive schon im Frühwerk enthalten, und spätestens nach dem Welthit mit Meat Loaf gab es kein Halten mehr für ihn.

"Bad for Good", den direkten Nachfolger von "Bat Out Of Hell", sang Steinman 1981 selbst, da sein Frontmann zu der Zeit mit Stimmproblemen kämpfte. Es wurde ein Flop - und bleibt ein Album, das man unbedingt wieder hören sollte. Mit "Total Eclipse of the Heart" für Bonnie Tyler, "Making Love (Out of Nothing at All)" von Air Supply oder seinen Arbeiten mit Céline Dion und den Gothic-Rockern Sisters of Mercy blieb er in den 80er- und 90er-Jahren der geradezu offizielle Spezialist für die wirklich großen Entwürfe. Andrew Lloyd Webber soll damals auf ihn zugekommen sein und gefragt haben, ob er nicht die Texte für sein "Phantom der Oper" schreiben wolle, eine Megaproduktion. Steinman sagte ab. Er sei gerade noch zu sehr mit der Arbeit am neuen Bonnie-Tyler-Albums beschäftigt.

Aus dem Privatleben von Jim Steinman erfuhr man nie allzu viel. Schon kurz nach der Jahrtausendwende habe er mit gesundheitlichen Problemen gekämpft, immerhin so viel hörte man. Mit seinem wichtigsten Partner Meat Loaf lieferte er sich 2006 einen kleinkariert geführten Gerichtsstreit über die Namensrechte an "Bat Out of Hell". Vor einigen Jahren versöhnten die zwei sich dann doch wieder, produzierten 2016 sogar ein weiteres Album zusammen. Ansonsten widmete Steinman sich zuletzt wieder seiner zeitlebens größten Leidenschaft, dem Musicaltheater. Nun ist bekannt geworden, dass er bereits am Montag in Connecticut verstorben ist, an nicht näher benannten medizinischen Komplikationen. Jim Steinman wurde 73 Jahre alt, und wenn es einen Himmel geben sollte, dann ist er dort sicher auf einer schweren Maschine eingefahren.

© SZ/biaz
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