bedeckt München 15°
vgwortpixel

Jazz und Hip-Hop:Kreisförmiges Denken

Jazz und Hip-Hop sind musikalische Geschwister im Geiste, weil sie konsequent in die Zukunft ausgerichtet sind. Deswegen ist es so rätselhaft, dass sie sich so schwertun zusammenzufinden.

Thema: Robert Glasper
Credit: Samantha J.
Honorar: Nein
Online: Ja

Danke
Herzlich 
AK

Die Frustration vernünftig denkender und toleranter Menschen erfasst: Robert Glasper lässt sich den Titel seines Albums tätowieren.

(Foto: Samantha J)

Zu den vielen Gründen, warum man gerne Modern Jazz hört, zählt seine unbedingte Ausrichtung in die Zukunft. Seit den Vierzigerjahren im Minton's Playhouse in Harlem versuchen Musiker, sich mit immer wilderen Ideen zu übertreffen und damit ihre Musik ständig zu erneuern. Diese Rolle übernahm in den Achtzigerjahren der Hip-Hop, der wohl die Form mit den meisten und radikalsten Erneuerungen des Rhythmusverständnisses in der Musikgeschichte ist. Der Pianist Robert Glasper war einer der Ersten, die das begriffen.

Es ist jetzt schon acht Jahre her, dass er in dieser Zeitung bei einem Interview zu seinem Meilensteinalbum "Black Radio" die Stagnation des Jazz zwischen den Achtziger- und den Nullerjahren erklärte: "Früher war Jazz die coolste, aufregendste, modernste Musik, die sich um nichts geschert hat. Es war immer etwas Neues. Heute wird nur noch Tribut gezollt, ohne modern zu sein. Was den Jazz mal ausgemacht hat, leistet heute der Hip-Hop."

Glasper verstand auch, dass der Hip-Hop die Rolle des Soundtracks der kritischen Gegenwart übernommen hat, die Rock, Folk und Soul längst wohlfeil aufgegeben haben. Zu den vielen Dingen, die Robert Glasper auf seinem neuen Album richtig gemacht hat, gehört deswegen der Titel "Fuck Yo Feelings" (Loma Vista/Universal), den man familienfreundlich mit "Du kannst mich mal mit deinen Gefühlen" übersetzen könnte. Der bringt das höchst aktuelle Lebensgefühl vernünftig denkender und toleranter Menschen auf den Punkt, für die jetzt doch mal Schluss ist mit Rücksichtnahmen und Höflichkeiten. Glaspers Titel ist das Leitmotiv für Leute wie Susanne Hennig-Wellsow, Nancy Pelosi und Greta Thunberg, für alle, die nicht mit Rechten reden, sich vor Linken ducken oder sonstigen Formen des emotionalen und institutionellen Konformismus nachgeben wollen. Da entlädt sich Frustrationsüberdruck, was in einem Tonstudio mitten in Hollywood zu ein paar wirklich brillanten Momenten geführt hat.

Das Album ist laut Glasper übrigens kein Album, sondern ein Mixtape, wie die unabhängig zusammengeschusterten DJ-Mixe im Hip-Hop genannt werden, die in den Nullerjahren das Einstiegsmedium für Anfänger und Aufsteiger waren. Auch wenn "Fuck Yo Feelings" streng genommen mit den traditionellen Methoden eines Jazzalbums aufgenommen wurde. Glasper hatte das Studio selbst angemietet. Zentrum der Aufnahmen war das Trio mit ihm an den Keyboards, Derrick Hodge am Bass und Chris Dave am Schlagzeug. Dazu hatte er so ziemlich alle Freunde und Bekannte eingeladen, die an den beiden Tagen in L. A. waren. Rapper wie Denzel Curry und Rapsody, Sängerinnen wie Yebba, Andra Day und Muhsinah. Herbie Hancock kam angeblich unangekündigt vorbei und spielte auf zwei Nummern. Yasin Bay schickte Aufnahmen aus Tokio dazu.

Der stärkste Moment ist wahrscheinlich auf halber Strecke des Tracks "Endangered Black Woman", wenn die Lyrikerin und Aktivistin Staceyann Chin ein Gedicht rezitiert, das die Stimmung in Amerika stellvertretend für sehr viele jener vernünftig denkenden und toleranten Menschen wiedergibt:

"Fick dich dafür, dass du mich brauchst, um dir oder deine vielen Sünden gegen mich zu vergeben.

Fick dich dafür, dass du die Bedürfnisse aller vor meine eigenen stellst: Schwarze Männer, Weiße, schwarze Frauen, den verdammten Hund, die Katze, meinen Chef, das Kaninchen des Nachbarn, die verdammte Regierung, die gefährdeten Scheißschildkröten. Warum sind die Bedürfnisse aller anderen dringender als meine eigenen, wann sorgen wir uns um mich, meine Gefühle, meine Bedürfnisse, meine Rechte, meinen Körper, meine Sicherheit, mein verdammtes Leben?

Es gibt ein paar solcher großen Momente. "Fuck Yo Feelings" ist ein grandioses Leitmotiv, das die politische Gegenwärtigkeit konsequent weiterdenkt, die sich der Jazz früher mal erlaubte, auf den zornigen Alben von Archie Shepp, Nina Simone oder Max Roach etwa.

Auch musikalisch tut sich was. Gleich zu Beginn führen die Tracks "This Changes Everything" und "Gone" vor, warum der Hip-Hop für Hörer, die Modern Jazz gewohnt sind, so schwierig zu erfassen ist. Glasper und seine Mitspieler denken da musikalisch nicht in den Akkord-Progressionen, die den Modern Jazz seit seinen Anfängen zu immer neuen Höhepunkten geführt haben. Sie denken in Loops, also in kreisförmigen Motiven und Ostinati, wie man sie im Sampler erzeugt. Das ist ein weitgehend neuer Ansatz.

Für Hörer wie Musiker ist das Umdenken nicht leicht.

So bleibt "Fuck Yo Feelings" verblüffend unbefriedigend. Glasper schafft es nur in Einzelmomenten, die ekstatische Kraft des Jazz mit der zornigen Wucht des Hip-Hop zu vereinen. Viel hat mit seiner Selbstgefälligkeit zu tun, die seine Konzerte zu zähen Angelegenheiten machen. Er verlässt sich viel zu sehr auf seine Rolle als Rebell und Charismatiker, die im Making-of-Video des Albums deutlich wird, sich aber nicht in Ideen niederschlägt.

Und doch ist er auf der richtigen Spur. Es gibt noch ein paar Neuerscheinungen, die das belegen. Der Schlagzeuger Makaya McCraven hat beispielsweise das ursprünglich sehr elektronische letzte Album des Lyrikers und Vorvaters des Rap Gill Scott-Heron als Jazzalbum neu interpretiert. Auf "We're New Again" (Xl) findet man genau jenes neue Verständnis des zirkularen Musikverständnisses, das die Schnittmenge aus Jazz und Hip-Hop definiert. Oder das neue Album des Gitarristen Jeff Parker "Suite for Max Brown" (International Anthem), das den Loop-Gedanken in die Avantgarde transportiert.

Schade also, dass der intellektuelle Pionier dieses neuen musikalischen Denkens einmal mehr im selbstgefälligen Mittelmaß stagniert. Robert Glasper scheint das schon seit einigen Jahren nicht mehr zu scheren. Seinen Platz in der Musikgeschichte hat er ja schon.

© SZ vom 08.02.2020
Zur SZ-Startseite