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Jazz-Pianist Brad Mehldau:Drei Kinder in der Küche

Hamburg Jazzpianist Brad Mehldau bei einer Veranstaltung von Steinway in der Elphilharmonie Kleiner

Dieses Frühjahr waren dann alle Touren abgesagt: Der Jazzpianist Brad Mehldau im Jahr 2018 in der Hamburger Elbphilharmonie.

(Foto: imago/Stephan Wallocha)

Experimente unter den Bedingungen von Corona: Der Jazz-Pianist Brad Mehldau kann nicht touren und veröffentlicht jetzt sein Isolations-Album "April 2020".

Von THOMAS STEINFELD

Als sich im vergangenen März die Konzertsäle schlossen, reiste der amerikanische Pianist Brad Mehldau mit seinem Trio durch Europa. Die Tournee musste er abbrechen, alle weiteren Auftritte verschoben sich erst um Monate, dann um mindestens ein Jahr. Brad Mehldau, der gegenwärtig wohl meistbeschäftigte Klavierspieler des Jazz. zog sich daraufhin in die Nähe von Amsterdam zurück, wo seine Familie lebt, auch wenn er selbst eher nach New York gehören dürfte. Wie so viele andere Musiker blieb er bis auf Weiteres zu Hause. Und wie für so viele anderen Menschen, die in diese Art eines erweiterten Hausarrests gerieten, scheint ihm die Erfahrung zwar neu und manchmal bedrohlich, zuweilen aber auch angenehm gewesen zu sein. Man weiß das, weil er seine Gedanken und Empfindungen dokumentierte: Unter dem Titel "April 2020" erschien in der vergangenen Woche überraschend ein Soloalbum Brad Mehldaus. Darin reflektiert er auf die Erlebnisse der jüngsten Zeit, in Gestalt einer Suite aus zwölf musikalischen Skizzen oder Stimmungsbildern, denen er drei Fremdkompositionen als Coda hinzufügte. Und wenn es auch etliche Gründe gibt, an der volkstümlichen These zu zweifeln, dass Zeiten der Krise gute Zeiten für die Kunst seien, so spricht dieses Album doch zumindest dafür, dass es mit dem Plan, den jüngsten Erlebnissen eine musikalische Form geben zu wollen, in diesem Fall ein gutes Ende nahm.

In "Waiting" hält er ein "B" wie einen Pedalton, bis alle begreifen, dass es hier kein Fortkommen gibt

Nicht, dass aus dem Plan programmatische Musik geworden wäre. Die zwölf Teile der Suite sind keine großen Kompositionen, sondern bestehen jeweils aus einer eher bescheidenen, wie aus dem Leben gegriffenen musikalischen Idee, über die dann eine Weile mit den Mitteln eines improvisierenden Pianisten nachgedacht wird, mit sehr viel Fantasie und oft auch mit Witz. In "Stepping Out" meint man ihn zu sehen, wie er in ungewohnter Lage ein paar Schritte hierhin und dorthin tut, ohne dem Gestakse doch eine Orientierung, geschweige denn einen Schluss geben zu können. In "Keeping Distance" spielt Brad Mehldau so, dass seine linke und seine rechte Hand stets in die entgegengesetzte Richtung unterwegs zu sein scheinen, was Brad Mehldau dann in "Remembering All This" zurücknimmt, indem er beide Hände eng nebeneinander führt, bis hin zu einem sehr wehmütigen Ende. In "Waiting" hält er ein "B" wie einen Pedalton, bis auch der letzte Zuhörer begriffen hat, dass es hier kein Fortkommen gibt. Dagegen steht der heitere, aber auch abgeklärte Versuch, in einem Stück mit dem Titel "In the Kitchen" wiederzugeben, wie es unter den Bedingungen der Quarantäne in der Küche einer Familie zugeht, in der drei Kinder leben. Dem Slapstick ist diese kleine Improvisation jedenfalls näher als der Selbstdarstellung.

So sachte wiegt sich der Rhythmus: Der Sehnsucht dieser Interpretation entgeht keiner

So sorgfältig angelegt sind die zwölf Improvisationen der Suite, dass man die Entscheidung, drei Standards an das Ende des Albums zu setzen, nicht für einen Zufall halten kann, zumal sie alle auf einem beinahe freundlichen Ton schließen. Neil Young lieferte die Vorlage für "Don't Let It Bring You Down", und dafür, dass man sich nicht unterkriegen lassen soll, liefert Brad Mehldau selbst den besten Beweis, indem er dem Lied das Pathos nimmt und die Melodie so zart anstimmt, als wolle er ein Kinderlied nicht bloß spielen, sondern auch von ihm erzählen. Von einigem Pathos - oder: von einiger Dringlichkeit - hingegen ist seine Adaptation des Songs "New York State of Mind", Billy Joels Hymne an die gemeinsame Heimatstadt. Der Sehnsucht in dieser Interpretation entgeht kein Zuhörer, so sachte wiegt sich der Rhythmus, und so viel Wärme liegt in den Akkorden. Den Abschluss des Albums bildet der Hoffnungsschimmer des Lieds "Look for Silver Lining", eines beliebten Schlagers aus der Frühzeit des Broadway, für dessen klassische, angemessen in den Unwägbarkeiten des Daseins verlorene Interpretation der Trompeter Chet Baker im Jahr 1954 gesorgt hatte. Und als wären diese Referenzen noch nicht genug, lässt Brad Mehldau seine Version nicht nur in verstreuten Klängen enden, sondern setzt als letzten Ton eine Quinte, als Zeichen, dass am Ende gar nichts entschieden ist. Vielleicht sitzt Brad Mehldau immer noch in der holländischen Tiefebene, an dem hölzernen Tisch, der auf dem Cover des Albums abgebildet ist, vor sich einen Strauß Feldblumen und einen Kaffeebecher ohne Henkel.

© SZ vom 23.06.2020
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