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Jazz:Gespür für Talent

Den Traum vom eigenen Jazz-Label erfüllte sich Siggi Loch vor mehr als 20 Jahren, als er in München "Act" gründete. Nun wird er 75.

(Foto: Christian Lohse)

Der Act-Labelchef Siggi Loch feiert seinen 75. Geburtstag - Nils Landgren gratuliert ihm

"Plattenboss aus Leidenschaft" hat Siggi Loch seine Autobiografie betitelt. Was das nicht für jeden verträgliche jugendliche Feuer andeutet, mit dem der am 6. August 1940 im pommerschen Stolp geborene Loch eine beeindruckende Karriere in der Musikindustrie hingelegt hat. Nachdem er früh erkannt hatte, dass sein Talent als Schlagzeuger nicht zum Berufsmusiker reichen würde, entschloss er sich, hinter den Kulissen der geliebten Musik nahe zu bleiben. Er begann als Platten-Vertreter, wurde sehr schnell Labelmanager bei Phillips und mit 26 bei Liberty der weltweit jüngste Labelchef. Fast 20 Jahre als Warner/WEA-Chef erst für Deutschland, dann für Europa machten ihn endgültig zu einem der Mächtigen in der Branche.

Seinem Gespür für Talent haben unzählige Musiker ihre Karrieren zu verdanken, von Klaus Doldinger, Helen Schneider und Al Jarreau bis zu Katja Ebstein und Marius Müller-Westernhagen. Daran änderte sich wenig, als Loch 1992 in München mit "Act" endlich seinen Traum vom eigenen Jazz-Label verwirklichte. Dank Entdeckungen wie Michael Wollny, Esbjörn Svensson oder Nguyen Lê und einem stimmigen Gesamtkonzept gehört Act heute zu den erfolgreichsten Independents. Zum Beispiel ist es das wichtigste Label für schwedischen Jazz, weshalb Loch vor fünf Jahren auch zum "Ritter des Nordsternordens" ernannt wurde. Zu seinem 75. Geburtstag, an dem bei Act eine CD-Box mit ausschließlich von Loch produzierter Musik erscheint, würdigt ihn an dieser Stelle der Posaunist und Sänger Nils Landgren.

Enge Freunde geworden

1994 durfte ich mit meiner Band Nils Landgren Unit beim Jazz Baltica Festival auftreten. Als Stargast war der Funk-Meister Maceo Parker eingeladen, einfach toll, wir haben richtig losgelegt. Nach dem Konzert kam Festivalchef Rainer Haarmann zu mir und sagte: "Der Siggi Loch möchte dich und deine Frau morgen zum Frühstück einladen." Siggi Loch? "Er war der Chef von Warner Europa und hat jetzt sein eigenes Label gegründet, Act." Aha, dachte ich, vielleicht ist das jetzt meine große Chance. Am nächsten Morgen sind wir dann mit Rainer zu Siggis Sommerhaus in Bredenbek gefahren, wo uns ein wunderbares Frühstücksbuffet erwartete. Siggi und seine sehr charmante Frau Sissy begrüßten uns herzlich, und wir verbrachten einen wunderbaren Vormittag zusammen.

Siggi sagte mir, dass er von meinem Auftritt begeistert gewesen wäre und fragte, ob ich denn Interesse hätte, zu Act zu kommen. Es gäbe nur eine Bedingung: Ich müsse den Bandnamen ändern, zu Nils Landgren Funk Unit. Warum, fragte ich. "Weil du Funk spielst", sagte er. Ich musste keine Sekunde nachdenken. Jetzt haben wir 2015, und ich bin immer noch dabei. Über die Jahre sind wir enge Freunde geworden. Ich weiß, dass ich es ohne Siggi nicht dahin geschafft hätte, wo ich jetzt bin.

Siggi und sein Act-Label sind heute ein Begriff. Mit der Kombination aus Knowhow und Power hat er es geschafft, Act so auf dem Markt zu positionieren, dass niemand seine Bedeutung mehr in Zweifel ziehen kann. Ohne unermüdliche Arbeit wäre so ein Erfolg nicht möglich. Sein Team darf man dabei keinesfalls unterbewerten, aber der Motor ist Siggi Loch. Dass er jetzt seinen 75. Geburtstag feiert, ist fast ein Beweis ewiger Jugend: Er sieht immer noch so aus wie mit 25. Siggi Loch, Hut ab!

Nils Landgren ist einer der erfolgreichsten europäischen Jazzmusiker.

© SZ vom 06.08.2015
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