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Nachruf auf Janet Malcolm:Seelenforscherin

Janet Malcolm

1939 aus Tschechien geflohen, musste Janet Malcom die Sprache erst erlernen, in der sie später schrieb.

(Foto: George Nikitin/AP)

Janet Malcolm überforderte sich und ihr Publikum - war aber gerade deshalb eine der wichtigsten Stimmen des "New Yorker". Nun ist sie mit 86 Jahren gestorben.

Von Willi Winkler

Janet Malcolm ist die grausamste und deshalb wahrscheinlich auch einzig richtige Selbstbeschreibung des ganzen Berufsstands zu verdanken: "Wer als Journalist nicht zu dumm oder zu eingebildet ist, um zu merken, was los ist, muss wissen, dass sein ganzes Treiben moralisch unhaltbar ist." Sie gewann das Vertrauen des Psychoanalytikers Jeffrey Masson, der das Sigmund-Freud-Archiv in New York übernehmen sollte, und konnte ihn in seiner ganzen Angeberhaftigkeit bloßstellen. Masson wollte Freud als Opportunisten enttarnen und damit gleich die ganze Psychoanalyse erledigen, Malcolm demontierte den "intellektuellen Gigolo". Natürlich, so viel Kunst musste sein, formatierte sie für ihre Geschichte die stunden- und tagelangen Gespräche mit Masson zu einem einzigen zeitschriftentauglichen Mittagessen, denn sie schrieb für den New Yorker, der es elegant liebte. Masson klagte wegen unbelegter Zitate und Rufschädigung und unterlag in einem elfjährigen Rechtsstreit in den meisten Punkten gegen die Autorin.

Janet Malcolm wurde 1934 in Prag geboren, floh 1939 über Großbritannien in die USA, wo sie die englische Sprache erst erlernen musste. Beim New Yorker legte sie es darauf an, sich und die Leser zu überfordern. Sie ließ sie immer teilhaben an ihrem Schreibprozess, zeigte, wie sie unsicher war, wo sie schwankte, wem von den Zeugen, die sie befragt hatte, sie denn nun trauen sollte. Mit philologischer Besessenheit untersuchte sie auch die vielen Mythen, wie sie die Lyrikerin Sylvia Plath und ihren Mann Ted Hughes umgaben. Vielen Kollegen galt sie nicht bloß als intellektuell, sondern als gefährlich, weil sie Berufsgeheimnisse nicht also solche behandelte, sondern zum Thema machte. Am erfolgreichsten wurde ihr Buch "The Journalist and the Murderer" (1990) über die zweifelhafte Zusammenarbeit, die der Autor Joe McGinnis im Interesse einer besseren Story mit dem Mörder Jeffrey MacDonald pflegte. Am 16. Juni ist die Seelenforscherin Janet Malcolm 86-jährig in New York gestorben.

© SZ
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