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Roman von Jan Koneffke:Körperlose Wanderjahre

Im Amazonasbecken nimmt der Erzähler etwa 1780 seinen Ausgang.

(Foto: All mauritius images OBACHT: Online-Recht auf's Bild, NUR wenn es "zusätzlich in Print erscheint"./mauritius images / Lake Erie Map)

Virtuosenstück und Zeitreise: In Jan Koneffkes "Die Tsantsa-Memoiren" erzählt ein Schrumpfkopf von seinen Abenteuern.

Von Harald Eggebrecht

Tsantsa, ein Wort aus der Jívaro-Sprache, bezeichnet jene makabren Präparate, die aus der Kopfhaut eines toten Menschen gefertigt und in einem mehrstufigen Herstellungsverfahren zu sogenannten Schrumpfköpfen gebildet werden. Diese dann durchaus robusten Objekte spielten für einige Kopfjäger-Völkerschaften im Amazonasbecken einst eine große rituelle Rolle, denn Schrumpfköpfe wurden nur von getöteten feindlichen Kriegern gewonnen. Der Träger eines Tsantsa glaubte damit, dass die Kraft des Getöteten auf ihn übergehe. Zugleich hatte diese Präparation das Ziel, die möglicherweise bösen Kräfte des Getöteten zähmen und besänftigen zu können und sich gewissermaßen untertan zu machen.

Als um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Tsantsas zu begehrten Sammel- und damit auch Handelsobjekten in Europa und anderswo wurden, ging es, um die steigende Nachfrage befriedigen zu können, nicht mehr nur um feindliche Krieger, sondern es wurden nun auch Frauen, sogar Kinder und des weiteren dann Affen hergenommen, für Schrumpfköpfe auf dem europäischen Markt.

Jan Koneffke, Jahrgang 1960, vielbeschäftigter Literat und mehrfach für sein Schaffen preisgekrönt, hat einen solchen Tsantsa zum Mittelpunkt eines farbigen und gestaltenreichen Romans gemacht, sogar zum Icherzähler. Das könnte sich rasch im schaurig Grotesken erschöpfen, doch Koneffke weiß sich mit schmissigem Witz davor zu hüten und unangestrengt elegant zu erzählen: Sein Tsantsa erlangt nämlich nicht nur ein ureigenes Bewusstsein, sondern kann sich bald auch verständlich machen in verschiedenen Sprachen. Koneffke entfaltet diese Hybridbiografie im erzählerischen Tempo so versiert wie gelassen, angelegt als Schelmen- und Bildungsroman in vier Teilen mit einem Zeithintergrund, der sich von 1780 bis heute erstreckt und geografisch in vielen Episoden vom südamerikanischen Caracas bis ins Grinzing unserer Tage führt.

Eine Psychoanalyse bringt ihm die Erinnerung an sein "Vor-Ich"

Es wird eine Grand Tour daraus: Beginnend im tropischen Dschungel, weiter ins Haus von Don Francisco, dessen böses Söhnchen Pepito dem Tsantsa mit einer grauenvollen Tat unwissentlich den ersten Schrei entlockt. Mit dem Schrumpfkopf fahren wir über den Ozean, landen in Rom bei einem romantisch sich verliebenden Engländer, der den "Helden" Pewee nennt und ihm seine Geheimnisse anvertraut. Nach dessen traurigem Tod gelangt Pewee in die Hände des deutschen Dichters Heise, der in Bamberg Gerichtsschreiber wird, dabei antinapoleonisch und daher nationalistisch von Revolution träumt. Pewee macht mit, hält sogar vom Westenknopf seines Besitzers aus Volksreden und dichtet besser als Heise. Es folgen die "Wanderjahre" - Koneffke ist dabei in seinen zahlreichen Anspielungen auf andere Literaturwerke oder in den Camouflagen tatsächlicher historischer Persönlichkeiten immer ironisch bestens im Bilde - unter anderem mit einer Schaustellertruppe von Berlin über Pommern bis nach England.

Damit nicht genug: Im Wien vor dem Ersten Weltkrieg macht der Tsantsa eine echte Psychoanalyse durch, die ihm die Erinnerung an sein "Vor-Ich" bringt: Einst im 17. Jahrhundert suchte er in Südamerika nach Gold, ein Landsknecht aus Augsburg im Dienste der Welser, dann auf eigene Faust. Darüberhinaus aber quälen unseren körperlosen "Helden" zunehmend menschliche Begierden.

Jan Koneffke: Die Tsantsa-Memoiren. Galiani Verlag, Berlin 2020. 560 Seiten, 24 Euro.

Wie Koneffke seinen Tsantsa dann Ersten Weltkrieg, Zwanziger- und Dreißigerjahre mit heraufziehendem NS-Unheil und Zweiten Weltkrieg erleben lässt und zugleich in einem geschmeidigen Slalomstil umfährt, ohne mit falschen Zungenschlägen die Ungeheuerlichkeiten zu verharmlosen, ist so raffiniert wie imponierend. Allerdings werden Nachkriegszeit, Kalter Krieg, Mauerfall und Folgendes bis ins Heute dann mehr oder weniger aberzählt. Dem letzten Teil wohnt natürlich nicht mehr der Zauber des furiosen Beginns inne, und die Menschwerdung des Tstantsa hat ihre natürlichen Grenzen. So ergeht es aber dieser Art von episodischen Abenteuerromanen zum Schluss hin fast immer. Angesichts der Tsantsa-Unsterblichkeit liegt gewissermaßen das "Fortsetzung folgt" in der Luft.

Aus dem tragikomischen Ansatz seiner Schrumpfkopf-Geschichte hat Jan Koneffke einen so aparten wie geistreichen, so unterhaltsamen wie anregenden Schmöker, das Wort sei erlaubt, entwickelt, den erzählerische Leichtfüßigkeit und Freiheit von jeglicher Tiefsinnsuche auszeichnet.

© SZ
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