Filmstarts der Woche:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Kinostart - 'Bis an die Grenze'

Omar Sy und Virginie Efira in "Bis an die Grenze".

(Foto: dpa)

Der neue Bond-Film dominiert alles, es gibt aber noch mehr zu entdecken: Omar Sy etwa als französischer Polizist mit Gewissensbissen, oder eine Doku über Menschen, die keine Gesichter erkennen können.

Von den SZ-Filmkritikern

Bis an die Grenze

Fritz Göttler: Ein Scherz unter Kollegen, in der Mittagspause: Betrügst du mich etwa, gehst du mit einem anderen essen? Omar Sy stellt die Frage an Virginie Efira. Die beiden sind im Polizeidienst in Paris - und es gibt eine intensive Liebesbeziehung zwischen ihnen, schwarz-weiß, Efira aber hat Mann und Kind, sie ist wieder schwanger. Im Dienst werden die beiden täglich mit Gewalt konfrontiert, in einer Ehe, auf den Straßen. Eines Nachts müssen sie einen Asylbewerber zum Flugplatz bringen, der abgeschoben werden soll nach Tadschikistan, wo ihm Folter droht. Sie würden ihn entkommen lassen, er macht nicht mit. Ein düsteres Nachtstück von Anne Fontaine, das im Original lakonisch "Police" heißt. Zu Recht, denn es geht nicht um den einzelnen Fall, sondern um die triste, demoralisierende Arbeit der Polizei.

Baghdad in my Shadow

Philipp Stadelmaier: Sympathische, liberale Exiliraker (eine Architektin, ein Dichter, ein schwuler IT-Ingenieur und kurdische Kommunisten) werden in London vom radikalen Islamismus und einem ehemaligen Folterknecht Saddams eingeholt. Das Bild, das der in Bagdad geborene Schweizer Filmemacher Samir in seinem Quasi-Thriller von den Protagonisten - selbst den "bösen" - zeichnet, ist mal differenziert, mal eher thesenhaft, aber in jedem Fall stark affizierend.

Feuerwehrmann Sam

Ana Maria Michel: Ein fliegender Mann sorgt für Aufregung in Pontypandy. Hinter allem steckt eine böse Professorin, die eine Superbatterie gestohlen hat, um sich als Heldin zu inszenieren. Auch der Junge Norman möchte ein richtiger Superheld sein, sucht deshalb nach dem fliegenden Anzug und macht alles nur noch schlimmer. Die echten Helden müssen es im neuen Animationsfilm zu Feuerwehrmann Sam richten. Er und sein Team zeigen ihren jungen Fans, dass man lieber die Profis ranlassen sollte, wenn es brennt.

Das Glück zu leben

Anna Steinbauer: Eine Tanzperformance, die an die Substanz geht: Die ungarische Regisseurin und Choreografin Réka Szabó überzeugt die 90-jährige, charismatische Auschwitz-Überlebende Éva Fahidi, ihre Lebensgeschichte im getanzten Dialog mit der 60 Jahre jüngeren Tänzerin Emese Cuhorka zu erzählen und hält das Projekt filmisch fest. Ein intensives, intergenerationelles Körperstück zwischen schmerzhafter biografischer Erinnerungsarbeit und Traumabewältigung, das aber auch von unbändiger Lebensfreude erzählt. Zärtlich, traurig und das schönste: im gegenseitigen Austausch.

Keine Zeit zu sterben

Tobias Kniebe: In der Pandemie ist neue Bond immer mehr zum Symbol geworden, genauso oft verschoben wie die Rückkehr von Abenteuer, Hedonismus und großem Spaß. Jetzt ist Cary Fukunagas "Keine Zeit zu sterben" endlich da - und bietet tatsächlich eine große Show zwischen Norwegen, Jamaica, Kuba und italienischen Weltkulturerbe-Gassen. Bekannte Figuren haben noch mal Auftritte, wie Léa Seydoux als Madeleine Swann oder Christoph Waltz als Blofeld, neue kommen dazu (Rami Malek als Schurke, Latascha Lynch als Agentin mit der Nummer 007). Bond aber ist eigentlich schon pensioniert und unendlich müde von der Wiederkehr des Immergleichen, und dieses Daniel-Craig-Abschiedsgefühl dominiert am Ende alles.

Lost in Face

Fritz Göttler: Carlotta hat Prosopagnosie, Gesichtsblindheit, Gesichter sind für sie nichts als ein grauer Fleck. Wenn sie eins malen soll, hält sie das Papier vor die eigene Brust und malt ohne aufzuschauen, eine verquere Intuition, und dabei kommt tatsächlich eine surreale Ähnlichkeit mit dem Gesicht heraus, das sie gar nicht erkennen kann. Der Neurowissenschaftler Valentin Riedl hat einen bewegenden Film mit ihr gemacht, der alles andere als eine Fallstudie ist, der uns zeigt, wie vital und kreativ Carlotta ist. Sie streift durch den Wald, dreht täglich kleine Filme, kümmert sich um ihr Pferd. Und zu ihren Traumerzählungen gibt es kleine Animationsstücke, die einem wirklich den Atem verschlagen.

Josef Grübl: Die Geschwister Dietrich und Anna Brüggemann machen seit Jahren gemeinsam Filme (er: Regie und Buch, sie: Buch und Schauspiel), jetzt erzählen sie von einem Mittdreißiger-Paar, das sich liebt und trotzdem über Trennung nachdenkt. Ähnlich disparat wirkt diese Liebeskomödie, die in 15 One-Shot-Szenen daherkommt, von denen einige herrlich überdreht sind, andere umständlich und um Originalität bemüht.

Die Pfefferkörner - Schatz aus der Tiefsee

Ana Maria Michel: Gestohlene Forschungsunterlagen und eine Entführung treiben die Pfefferkörner in ihrem zweiten Kinoabenteuer um. Die Jungdetektive, zu denen es seit mehr als zwanzig Jahren eine gleichnamige Fernsehserie mit wechselnden Charakteren gibt, wollen einen Unternehmer stoppen, der Müll ins Meer kippt. Dazu braucht es bei Christian Theede Action, Mut und Zusammenhalt. Viel erfährt man dabei nicht über die einzelnen Figuren. Klar wird aber, dass jeder etwas tun muss, um die Umwelt zu schützen.

Le Prince

Martina Knoben: Eine Liebesgeschichte: Monika ist Mitte vierzig und Kuratorin einer Frankfurter Kunsthalle, Joseph ein Geschäftsmann aus dem Kongo mit unklarem Aufenthaltsstatus. Kann das gutgehen? Ist eine Beziehung auf Augenhöhe möglich? Lisa Bierwirth hat sich durch die Geschichte ihrer Mutter zu ihrem Debüt inspirieren lassen und schaut ganz genau hin: auf postkoloniale Strukturen, rassistische und chauvinistische Vorurteile, gegenüber dem schwarzen Mann und der Frau in der Kunstwelt. Ein Film über Fremdheit und Intimität, klug und mit tollen Darstellern. Liebe als das ultimative Abenteuer, kulturell und emotional.

Träum weiter

Doris Kuhn: So viele Weltverbesserer sind unterwegs, hier kann man sie mal von Nahem sehen: Valentin Thurn porträtiert fünf davon, er lässt sie ihre Projekte vorstellen, er guckt zu, wie sie ihr Leben danach ausrichten. Es geht um Flöße aus Müll oder die Besiedelung des Mars - die Ideen sind mal realitätsnah und praktikabel, mal ein bisschen verstiegen; über manche möchte man gern noch mehr erfahren, für manche reicht das angenehm nüchterne Reportageformat völlig aus.

Walter Kaufmann

Philipp Stadelmaier: Welch ein liebevolles Porträt, das Karin Kaper und Dirk Szuszies dem 2021 verstorbenen jüdischen Schriftsteller Walter Kaufmann gewidmet haben, der nach seiner Flucht aus Nazi-Deutschland die ganze Welt bereiste und bis zuletzt Antifaschist blieb. Kaufmann erzählt sein abenteuerliches Leben, während die Filmemacher dessen Stationen abfahren und so die Zuschauer in Länder wie Australien, Israel oder Japan mitnehmen, die Kaufmann einst bereiste und beschrieb.

Zu den Sternen

Annett Scheffel: Früher spielten sie zusammen in der DDR-Combo Die Kosmonauten. Dann wurde der eine verhaftet und der andere machte nach der Wende Karriere als Schlagersänger. Jahrzehnte später kommt es zur Aussprache: Hat der eine die Fluchtpläne des anderen an die Stasi verraten? Und was heißt das eigentlich: Schuld und Unschuld in einem Unrechtssystem? Nicolai Tegeler inszeniert diese Konfrontation mit der Vergangenheit als psychologisches Kammerspiel, das sich mit kleinem Budget und etwas mechanischen Dialogen zu einem Krimi mit drastischen Verhörsituationen hochschaukelt.

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