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Jahr der deutschen Sprache:Mann spricht deutsch

Bei der Eröffnung seiner Sprach-Kampagne gibt sich Guido Westerwelle selbstironisch - und verwendet mehr Zeit auf seinen Schnee-Schipp-Liberalismus als auf den Konjunktiv I.

J. Bisky

Es war, sollte man meinen, ein Traumtermin im Kalender des Außenministers, ein Abend, an dem er allen hätte zeigen können, wozu er imstande ist und dass doch ein Staatsmann in ihm steckt. Das Auswärtige Amt hatte ins Radialsystem V geladen, einen Veranstaltungsort an der Spree, der sich "New Space for the Arts in Berlin" nennt.

Es ging darum, das "Jahr der deutschen Sprache" zu eröffnen, ein Jahr der Kampagnen für Goethe-Institute und Auslandsschulen. Gegenwärtig lernen weltweit 14,5 Millionen Menschen Deutsch; der Erfolg dieses Jahres wird sich auch daran messen lassen, ob es danach mehr sein werden. Es ging an diesem Abend also darum, die eigene Kultur taktvoll zu ehren, für sie zu werben, aber Guido Westerwelle verschenkte auch diese Gelegenheit und demonstrierte in erster Linie seinen mal verkrampften, mal aggressiven Schnee-Schipp-Liberalismus.

Westwelle läd nicht ein, er belehrt

Auch wenn er sich selbstironisch gab - man habe nichts gegen das Englischlernen - wirkte es wie Pflichterfüllung. Deutsch sei, sagte er, "der Schlüssel zu über 350 deutschen Universitäten und Hochschulen, zur größten Volkswirtschaft Europas." Die eigene Außenpolitik sei ebenso werteorientiert wie interessengeleitet, man wolle Freiräume schaffen, intellektuelle Freiheit fördern. Kaum einer würde widersprechen, wäre da nicht das argwöhnische Gefühl, Westerwelle wolle Freiheit am liebsten befehlen. Er lädt nicht ein, er belehrt und dekretiert.

Gern vernahm man das Bekenntnis, wie wichtig auswärtige Kultur- und Bildungspolitik sei. Immerhin ein Viertel seines Haushalts, so der Außenminister, gebe er dafür aus. Wer so gern von Leistungsgerechtigkeit spricht, hätte an dieser Stelle Frank-Walter Steinmeier danken müssen, dem die neue Aufmerksamkeit für Kultur und Sprache zu verdanken ist. Stattdessen wurde die Rolle der neuen Staatsministerin Cornelia Pieper herausgestrichen: Wenn diese sich aber jetzt in einem Grundsatzartikel rühmt, das Auswärtige Amt habe in nur zwei Jahren ein Netzwerk von 1.500 Schulen weltweit aufgebaut, dann schmückt sie sich einfach nur mit den Leistungen der Vorgänger.

"Demokratische Freunde verkaufen dir den Zwang als Spielregel", hieß es in einem geistreichen Essay der in Berlin lebenden Japanerin Yoko Tawada. Sie erweckte den Eros des Deutschen, den dann Péter Esterházy in Erinnerung an die Schenkel einer beleibten Sprachlehrerin entfaltete.

Eine beflissene Variante des Munterseins

Der Tenor Christoph Prégardien sang Heine-Lieder von Wilhelm Killmayer so hinreißend, dass selbst abgenutzte lyrische Gags frisch wirkten. Und für einen Augenblick dachte man, der Abend werde doch besser als erwartet. Seltsamerweise nutzten die Nicht-Muttersprachler den Reichtum des Deutschen, während die Formation der Maulwerker Silben, Worte, Satzfetzen rhythmisch intonierten: das wirkte wie Sozialpädagogen-Kunst.

Dann gab Nina 'Fiva' Sonnenberg "Spoken Word und Rap-Musik" zum Besten: Rap aus dem Leistungskurs "Anbiedernde Jugendlichkeit", eine beflissene Variante des Munterseins.

Es fehlte jene Leidenschaft für das Deutsche, die der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, vorher beschworen und im Ausland gefunden hatte: In Kabul, wo ein Germanistikstudium mit sehr viel und gut begründeter Hoffnung verbunden ist, in Indien, wo das Modell des "emanzipatorischen Kindertheaters" Nachahmung fand, in Thailand, wo der Konjunktiv I als Gegengift gegen Propagandalügen gepriesen wurde.

Andrei Plesu, berichtete Lehmann, habe Deutsch gelernt, weil man ihm gesagt habe, dass es ohne Kenntnis der deutschen Sprache unmöglich sei, richtig Philosophie zu studieren. Man schaue sich die philosophischen Fakultäten der Republik an, an denen englischsprachige Aufsätze wie Himmelsschlüssel angestaunt werden, man verfolge die Gespräche unter Wissenschaftlern. Längst sind sie in den Käfig des global english gesperrt. Diesen aufzuschließen, die Wissenschaftssprache deutsch zu fördern, dürfte mehr nutzen als solche Werbeabende.

© SZ vom 27.02.2010/lmne/kar

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