Italien:Der 18. Brumaire des Matteo Renzi

Der europäische Krisenfall Italien, von Perry Anderson gnadenlos durchleuchtet.

Von Gustav Seibt

Italia docet: Italien macht es vor, so lautete eine Formel seit den Zwanzigerjahren. Sie fasste den interessanten Befund zusammen, dass Italien zweimal in seiner Geschichte schneller als Deutschland war, zuerst bei der nationalstaatlichen Einigung, dann beim Weg in die Diktatur. Risorgimento und Faschismus kamen vor Bismarck und Hitler. Das Urteil über Italien im europäischen Vergleich schwankt ohnehin seit jeher: Ist das Land eine Anomalie, zerrissen, korrupt, im Süden stagnierend, oder ist es vielmehr ein besonders deutlicher Exponent europäischer Tendenzen, ein symptomatischer Fall, in einzelnen Phasen sogar besonders modern wie beim kapitalistischen Aufbruch des Spätmittelalters und der Renaissance?

Perry Anderson, der irisch-britische Universalgelehrte mit der schärfsten marxistischen Feder, die derzeit geführt wird, liest die vergangenen zwanzig Jahre der italienischen Geschichte als gesamteuropäischen Krankheitsfall. Diese Krankheit habe drei, auf nationaler wie auf europäischer Ebene, überall verbreitete Symptome: Demokratiedefizit, Korruption, neoliberales Wirtschaftsregime. Die Dinge hängen für Anderson zusammen. Die EU regiere als bürokratisch-gouvernementaler Komplex, der bei den Völkern unbeliebte Reformen per Sachzwang und Dekret durchsetzt, durch eine Elite, die sich ungeniert bereichert, vor allem aber den Interessen von Finanzinstituten und Aktionären, von Staats- und Energieunternehmen diene.

Italien: Digitaler Populismus - der "Fünf Sterne"-Chef Beppe Grillo.

Digitaler Populismus - der "Fünf Sterne"-Chef Beppe Grillo.

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Dieser Interessenkomplex kann inzwischen Regierungen stürzen, wie der schrittweise Untergang Berlusconis seit 2010 zeigt. Den Übergang von ihm zu Matteo Renzi zerlegt Anderson in eine Schrittfolge äußeren Drucks, parteipolitischer Manöver und verfassungspolitischer Coups, die in ihrem erzählerischen Sarkasmus und ihrer soziologischen Fundierung ihresgleichen sucht - wenn man nicht zurückgeht bis zum "18. Brumaire des Louis Bonaparte", wie ihn Karl Marx beschrieben hat; ein Kabinettstück von geradezu furchterregender Brillanz. Dass hier ein politischer Soziologe schreibt, ist das eine; dazu kommt eine Kunst der Personencharakterisierung, die Anderson als passionierten Leser der Romane des 19. Jahrhunderts ausweist. Das Porträt des verwöhnten, herrischen und skrupellosen Narzissten Renzi gehört jetzt schon in die Galerie der großen historischen Typen, fahl abgesetzt vom biedermännischen Opportunismus des allseits verehrten Uraltpräsidenten Napolitano, den Anderson mit geradzu liebevoller Verachtung zeichnet.

Natürlich geht es vor allem um objektive Probleme. Italiens Reformbedarf, das gibt auch Anderson zu, kam nicht nur durch europäischen Druck zustande, er hat innere Gründe. Der korrupten Selbstversorgung in Politik und Demokratie entspricht eine gerontokratische Besitzstandwahrung bei Gewerkschaften, die inzwischen vor allem Rentner vertreten und mit der Blockade des Arbeitsmarkts die demografische Spirale weiter nach unten treiben. So gnadenlos treffend Andersons Darstellung der gemeineuropäischen Verflechtungen von Kapital und Politik ist, so zwingend ist allerdings auch die bei ihm nicht gestellte Frage, was an den von ihm kritisierten Reformen äußerem Globalisierungsdruck folgt. Deutschlands Stärke komme, so Anderson, weniger aus den Reformen der Agenda 2010 als aus "Lohndrückerei", dem Absenken der Lohnstückkosten also, vor allem im Vergleich zu den gestiegenen Lohnkosten für jene hartleibige, alternde Minderheit, die in Italien überhaupt noch sichere Arbeitsplätze hat. Nun, es gibt kaum ein härteres globales Wettbewerbskriterium als Lohnkosten.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Essay "Das italienische Desaster" stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Die einzige Alternative, die sich in diesem düsteren Szenario zeigt, ist Beppe Grillos Bewegung der "Fünf Sterne", die italienische Variante des gemeineuropäischen Populismus. Anderson ist nicht ganz ohne Sympathie für Grillo und seine Leute, die wenigstens nicht Teil der alten Kaste sind. Doch haben die "Fünf Sterne" ihre Möglichkeiten durch moralischen Fundamentalismus, die mangelnde Bereitschaft, mit den anderen Kräften zu kooperieren, vertan.

Unterdessen haben sich, nicht zuletzt durch den digitalen Tribunen Grillo, die Bedingungen politischer Herrschaft überhaupt verändert: Der bürokratisch-korrupte Komplex wird herausgefordert durch eine "Youtube-Demokratie", die Helden aus dem Nichts so schnell schaffen wie wieder ins Nichts stürzen kann. Max Webers charismatischer Herrschaftstypus kehrt so in extremer Volatilität zurück. Auf dieser Welle reitend macht sich Matteo Renzi daran, Italien auf zwei Ebenen umzubauen: durch eine Verfassungsrevolution mit autoritären Zügen und durch einen neoliberalen Wirtschaftsumbau, De Gaulle und Thatcher auf einmal also. Das Experiment läuft noch. Der politische Schriftsteller Perry Anderson wird es zweifelsohne weiter beobachten.

Perry Anderson: Das italienische Desaster. Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Edition Suhrkamp digital, Berlin 2015. 87 Seiten, 8,30 Euro.

© SZ vom 02.12.2015
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