Italien-Analyse Das ist gar nicht komisch

Beppe Grillo gilt als „Clown“, weil er als Komödiant arbeitete. Zum anderen hält man seinen moralischen Fundamentalismus für unpolitisch.

(Foto: ROPI)

Über Italien heißt es immer wieder, das Land werde von Unfähigen geführt und müsse jetzt endlich erwachsen werden. Warum eigentlich?

Von Thomas Steinfeld

Als Staatspräsident Sergio Mattarella im Dezember bekannt gab, dass die nächsten Wahlen zum italienischen Parlament Anfang März stattfinden würden, publizierte die Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera einen Leitartikel mit der Schlagzeile: "Noch zwei Monate, um erwachsen zu werden". Die Gedankenfigur, auf die der Chefredakteur in seinem Aufsatz zurückgriff, gehört dabei, was Italien betrifft, zu den ältesten Tropen überhaupt - innerhalb Italiens, aber mehr noch im Ausland: Vom "Land, wo die Zitronen blühn", sang Mignon in Goethes "Wilhelm Meister", und es vermischte sich in ihrem Lied eine Idee von kindlich-verantwortungslosen Zuständen mit einer irdischen Geografie. Gut sechzig Jahre später, bei Ferdinand Gregorovius, dem Historiker, lautet der Satz so: "Die Italiener sind wie die Kinder; sie glauben, in zwei Monaten frei sein zu können." Letztere Äußerung bezog sich auf den entstehenden Nationalstaat. Diesen gibt es nun 150 Jahre. Doch die Idee, man habe es in Italien mit politisch womöglich nicht ganz zurechnungsfähigen Menschen zu tun, ist keineswegs verschwunden - alle paar Wochen kehrt sie wieder, im Inland wie im Ausland, und jetzt, im Wahlkampf, mehr denn je.

Es ist der Glaube an die Fiktion des Herbeiregieren-Könnens, der den "Verschrotter" auf den Plan ruft

Die Unzurechnungsfähigkeit ist zuerst ein Gedanke, den viele Italiener gegenüber der eigenen Nation hegen. Es verbirgt sich dahinter aber nichts Kindliches, sondern ein gründliches (und begründetes) Misstrauen gegen jede Politik. Der Glaube, die italienische Politik sei ein "casino" - ein "haltloses Durcheinander" -, begleitet die volkstümliche Vorstellung, das Land sei eigentlich zu Höherem bestimmt, werde aber von unfähigen und bestechlichen Menschen an seinem Erfolg gehindert. Um ein Beispiel zu nennen: Vor ein paar Wochen, an einem Morgen im Januar, entgleiste ein aus Cremona kommender Regionalzug bei Mailand. Er beförderte hauptsächlich Pendler. Drei von ihnen starben, mehrere Dutzend wurden verletzt. "L'Italia è un treno di pendolari" , lautete daraufhin die Überschrift im viel gelesenen Internet-Magazin Linkiesta, "Italien ist ein Pendlerzug".

Tatsächlich lassen sich an diesem Unglück viele Eigenheiten des italienischen Alltags ablesen, etwa die Bedeutung, die das Pendeln zwischen Wohnort und Arbeitsstelle besitzt. Große Teile der Landschaft wären nicht besiedelt, wenn die Menschen nicht morgens und abends unterwegs wären. Investiert wird aber hauptsächlich in den schnellen Fernverkehr, während die Regionalzüge und ihr Streckennetz oft noch aus den Zeiten des "miracolo economico", des Wirtschaftswunders, zu stammen scheinen, woran, wie das Magazin meint, vor allem die üblichen italienischen Laster schuld seien: der Dilettantismus, die Bürokratie, die Korruption.

"Wir verlangen die Wahrheit, und das schnell, denn es ist nicht hinzunehmen, dass man auf dem Weg zur Arbeit stirbt," sprach Graziano Delrio nach dem Unglück. Aber wer, wenn nicht der Minister für Infrastruktur und Verkehr, sollte die Wahrheit herausfinden können? Eine beträchtliche Distanz zum eigenen Amt macht sich in diesem Satz bemerkbar, wobei Linkiesta die dazugehörige Aversion gegen die Politik nicht nur teilt, sondern grundsätzlich wird: "Italien ist ein Pendlerzug, weil jedes Mal die Aufregung groß ist, wenn etwas passiert. Es werden radikale Veränderungen verlangt, und dann bleibt doch alles so, wie es schon seit Jahrzehnten ist." Wer so argumentiert, interpretiert als allgemeines Versagen, wofür es doch vielleicht objektive Gründe gäbe - etwa die Differenz zwischen Italiens Anspruch, zu den erfolgreichsten und glanzvollsten Industrienationen der Welt zu gehören, und der Zahlungsfähigkeit eines Staatsunternehmens bei einem Schuldenstand von rund 133 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Kindlich wäre daran wenig, es sei denn, man hielte die Verwechslung einer ökonomischen Notlage mit Charaktereigenschaften von Politikern für etwas Infantiles. Aber diese Verwechslung findet sich überall, nicht nur in Italien - nur dass italienische Politiker, anders als etwa deutsche, nicht besonders viel Eindruck machen, wenn sie behaupten, sie könnten den Erfolg der Nation herbeiregieren.

Es ist eben dieser Glaube an die Fiktion des Herbeiregieren-Könnens, der die in Italien mittlerweile beliebte Figur des "rottomatore" ("Verschrotters") auf den Plan ruft. Matteo Renzi vom Partito Democratico war der erste Politiker, der sich mit diesem Titel schmückte, als er sich 2014 um den Posten des Premierministers bewarb.

Schon seit vielen Jahren gibt es in Italien keine große Partei mehr, die nicht bei jeder Gelegenheit erklärte, alle vorhandene Politik (oft einschließlich der Politik der eigenen Partei in ihren frühen Inkarnationen) sei von Grund auf verwerflich. Das gilt zuallererst für den "Movimento Cinque Stelle", die basisdemokratische Partei des Schauspielers Beppe Grillo. Vor acht Jahren mit dem Anspruch gegründet, unter den Verrätern in den italienischen Parlamenten aufzuräumen, schickt sie sich jetzt an, selbst regierungsfähig zu werden, was ihr nicht wenige innere Widersprüche beschert. Etwa wenn es um die Zusammenarbeit mit anderen Parteien geht. Doch hält sie an vielen ihrer ursprünglichen Vorsätze fest: an der absoluten Transparenz der persönlichen Verbindungen von Politikern, am unbedingten Schutz der natürlichen Ressourcen, an einem ordentlich funktionierenden Verkehrswesen. Und auch dieses Programm kann man drehen und wenden, wie man will: Als Beschwerde über die Politik, so wie sie praktisch betrieben wird, sind eben dieselben Forderungen auch nördlich der Alpen weit verbreitet.

Der Unterschied zwischen den in Deutschland verbreiteten Vorbehalten gegen die Verkehrsformen der Politik und den Forderungen des "Movimento Cinque Stelle" besteht vor allem darin, dass das Beschwerdewesen in Italien in Gestalt einer radikalen Partei institutionalisiert ist, während es hierzulande das Alltagsgeschäft der Politik als Appelle begleitet.

Beppe Grillo gilt im Ausland als "Clown", zum einen aus dem schlichten Grund, dass er über den größten Teil seines erwachsenen Lebens hinweg sein Auskommen als Komödiant bestritt - ein Beruf übrigens, der in Italien eine ehrenwerte Tradition besitzt. Zum anderen aber gilt der moralische Fundamentalismus, mit dem der "Movimento Cinque Stelle" auf den Rest der italienischen Politik losging, als unrealistisch und also im Kern unpolitisch. Er ist es tatsächlich (oder genauer: er war es), und zwar in dem Maße, wie er als reine Opposition auftrat und absolute Forderungen stellte, nach sauberem Wasser, unbestechlichen Politikern oder was auch immer.

Ihre Kraft zieht diese Partei aus den Misserfolgen der politischen Konkurrenz, das geschieht nicht zufällig im Gefolge einer Finanzkrise, die sichtbar machte, in welchem Ausmaß der sich über Jahrzehnte hinziehende Versuch Italiens, den ökonomischen Vorsprung der europäischen Großmächte aufzuholen, gescheitert ist. Und wenn sich nun die Frage stellt, ob sich die Mühen und die Opfer überhaupt lohnen, liegt es nahe, den Wettbewerb aufzugeben und sich womöglich auch das Nachdenken darüber zu ersparen, welche Mühen und Opfer dann stattdessen verlangt werden. In Konflikt geraten hier wiederum Selbstbewusstsein und objektive Lage - und das ist nicht komisch, auch wenn es Bürger jener Großmächte gibt, die sich über diese Differenz lustig machen.

Seit Berlusconi wurde in Italien Politik nur mit der Skepsis gegenüber Politik gemacht

Staatstragende Parteien, im institutionellen wie im politischen Sinne, hatte es in Italien bis in die frühen Neunziger gegeben, so lange, wie die Christdemokraten und die Kommunisten gegeneinander und miteinander regierten - was in "Tangentopoli", dem größten aller Korruptionsskandale, und der Wahlrechtsreform von 1993 endete. Angefangen mit der ersten Regierung unter Silvio Berlusconi, also mit dem Jahr darauf, wurde in Italien Politik nur mehr mit der Skepsis gegenüber Politik gemacht - und zugleich mit der immer wieder erneuerten Ankündigung, es werde jetzt endgültig aufgeräumt unter den Versagern und den Bestechlichen.

Berlusconi, dessen Versprechen es gewesen war, auch als Politiker Unternehmer zu bleiben, ist nach wie vor der erfolgreichste unter den antipolitischen Politikern. Er gilt nördlich der Alpen als komischer Gernegroß, weil er sich selbstbewusst als Retter der Nation präsentierte, ohne tatsächlich über die Mittel für eine derart demonstrative Unabhängigkeit zu verfügen. Auch daran ist weder etwas Kindliches noch etwas Kindisches: Es wiederholte sich in Silvio Berlusconi nur das italienische Verhängnis, einen verlorenen Wettbewerb dadurch noch gewinnen zu wollen, dass man die Erfolgskriterien der überlegenen Mächte übernimmt - der Rest ist Selbstdarstellung und hat mit tatsächlicher Politik, und vor allem: mit Ökonomie, nur bedingt etwas zu tun.