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Interview mit russischem Kunstsammler:"Was ich haben will, das kaufe ich"

Der russische Oligarch und Kunstsammler Pjotr Awen über explodierende Kunstmärkte, patriotische Pflichten und seine museumsreife Sammlung.

Sonja Zekri

Russische Sammler gelten als eine kaufkräftige, aber scheue Spezies. Sie fliegen im eigenen Jet zu den Auktionen in London oder New York, reisen mit ihren Käufen ab - und schweigen. Auf dem Kunstmarkt fürchtet man diese neuen Sammler, denn sie zahlen Preise, die sich kein Museum mehr leisten kann. Einer der wenigen Kunstliebhaber der ehemaligen Sowjetunion, der offen über seine Sammlung spricht, ist Pjotr Awen, der Präsident der Alfa-Bank.

Picassos "Dora Maar mit Katze" wurde im vergangenen Mai von einem unbekannten Oligarchen gekauft

(Foto: Foto: AP)

SZ: Im vergangenen Mai hat ein unbekannter Oligarch Picassos "Dora Maar mit Katze" bei Sotheby's für 95 Millionen Dollar gekauft. Bis heute grübelt die Branche darüber, wer es war. Sie gehören zum Kreis der Verdächtigen.

Awen: Ich war es nicht. Aber ich weiß, wer es hat. Ein berühmter Oligarch, ein Georgier. Das Bild ist jetzt in Georgien, wo er es im Museum für Moderne Kunst ausstellen wird.

SZ: Das wissen Sie genau?

Awen: Da wird's gezeigt, hundertprozentig. Er hat es mir gesagt.

SZ: Für Sie war der Picasso nicht interessant?

Awen: Ich kaufe nur russische Kunst. Bis jetzt habe ich 250 Werke an drei Orten: Auf unserer Datscha, einem Holzhaus eine halbe Stunde von Moskau entfernt, in London und hier in Moskau. Im wesentlichen sammele ich Künstler aus der Zeit vor der Avantgarde.

Das beginnt mit den Reminiszenzen an die französische Kunst des 18. Jahrhunderts, geht über in die Gruppe "Blaue Rose" Anfang des 20. Jahrhunderts, dann folgt das Übliche, vor allem die Künstler der Gruppe "Bubnowy Walet", "Karobube" ...

SZ: ...einer Cezanne-inspirierten Moskauer Künstlergruppe, die zwischen 1910 und 1917 ausstellte.

Awen: Da sind wir bereits nah am deutschen Expressionismus. Von den "Karobube"-Künstlern habe ich die wichtigsten Werke, die finden Sie nicht mal im Museum. Ich habe das Beste von Michail Larionow, von Natalia Gontscharowa, Ilja Maschkow, Pjotr Kontschalowsky. Über die Jahre habe ich vielleicht ein, zwei Bilder verpasst, mehr nicht. Wenn ich etwas wirklich haben will, dann kaufe ich es. Das bereitet mir ein physisches Vergnügen - wie beim Sport oder im Geschäft. Nur ist Kunst entspannender.

SZ: Sie sammeln Künstler aus dem "Silbernen Zeitalter", aus den Jahrzehnten vor der Sowjetunion. Warum?

Awen: Es ist eine untergegangene Welt. Die Lyrik, die Literatur, alles ist verschwunden. Ich war der erste in Moskau, der sich ernsthaft für diese Periode interessiert hat. Die anderen sammelten Maler des russischem Realismus' aus dem 19. Jahrhundert wie Schischkin. Aber dann kauften sie ähnliche Werke wie ich, und die Bilder wurden sehr teuer. Larionow verkauft sich heute für 3,2 Millionen Euro. Und glauben Sie mir, das ist nicht das Ende. Inzwischen gehe ich gar nicht mehr zu Auktionen.

SZ: Zu teuer?

Awen: Irrational.

SZ: Aber Sie haben doch mitgeholfen, die Preise so explodieren zu lassen.

Awen: Ja. Aber was passiert ist, ist passiert. Die Bieter bei Sotheby's oder Christie's bauen heute keine Sammlungen auf so wie ich. Und wer nur Einzelwerke kauft, zahlt jeden Preis.

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