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Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb:Die Vorzüge von Peter Wawerzineks Text

Zu großer Form lief Feßmann auf, als es galt, die mannigfachen Vorzüge von Peter Wawerzineks Auszug aus dem autobiographischen Roman "Rabenliebe" darzutun. Die schmerzvolle Geschichte eines Kindes, das von seiner Mutter in der DDR zurückgelassen wird, als sie in den Westen ausreist, stammt von einem Autor, der wirklich etwas zu sagen hat und dem differenzierte sprachliche Mittel zu Gebote stehen. Seine vielschichtige Textpartitur hinterließ im Wettbewerb den stärksten Eindruck und ging zu Recht als Siegertext aus dem Bachmann-Wettbewerb hervor. Darüber hinaus trieb Wawerzinek keinen Keil zwischen Fachkritik und Lesergeschmack, denn er konnte auch noch die Stimmen des Publikumspreises auf sich vereinen.

Eine andere Favoritin fand sich überraschenderweise am Tag der Entscheidung gar nicht erst auf der Shortlist. Verena Rossbachers "Schlachten" rekonstruiert den stream of consciousness eines Mannes, der eine Frau vergewaltigt hat. Er versucht, das Verbrechen zu verdrängen, das ihn in der Erinnerung heimsucht. Das hochvirtuose Textgespinst fand keine ungeteilte Liebe in der Jury, "grauenhaft manieriert" jaulte die Mehrheit.

Rehabilitiert wurde Judith Zander. Ihre Auskoppelung aus dem Romanmanuskript "Dinge, die wir heute sagten" erhielt den 3sat-Preis, obwohl die Jury zunächst mit regelrechter Abwehr auf die trostlose Schilderung einer ungewollten Schwangerschaft in der DDR der siebziger Jahre reagierte, deren enorme sprachlichen Qualitäten sie nicht recht sehen wollte.

Zwischendurch hatte man den Eindruck, die Jury wolle nicht den besten Text auszeichnen, sondern den schicksten, um keinesfalls gestrig zu wirken. So wurde die 24-jährige Schweizerin Dorothee Elmiger gleich zum Jungstar ernannte mit ihrer "Einladung an die Waghalsigen", einer Collage, die nach dem Prinzip der Listenprosa dem ewig melancholischen Lebensgefühl der Jugend beizukommen sucht, in dem sie sich in eine bloße Echokammer der Referentialität zurückzieht. Der Jury-Vorsitzende Burkhard Spinnen sah hier eine "schreibende Programmiererin" am Werk und warnte etwas altväterlich davor, das Computerspiel als Vorbild des literarischen Weltzugangs zu wählen.

Sorgenvoll beugte sich Spinnen auch über Aleks Scholz, dessen Text "Google Earth" er "herzlos" fand. Scholz ist das U-Boot, das die Berliner Zentrale Intelligenz Agentur um Kathrin Passig im Wörthersee stationiert hat. Sein Beitrag sollte ein neuerlicher Beweis sein, dass sich der Erfolg in Klagenfurt strategisch planen lässt, legt man dem eigenen Schreiben "automatische", also aus der Wettbewerbsgeschichte empirisch gewonnene Parameter zugrunde. Leider merkt man das seinem Text an, der von einem Mann handelt, der sich sein eigenes Grab schaufelt und sich von seinem autistischen Kind für immer einbuddeln lässt. "Google Earth" hat etwas Simuliertes, man könnte meinen, der Text sei ein sehr gut gemachter Bluff.

Dass Scholz sich wie Dorothee Elmiger einen Nebenpreis abholen konnte, geht dann allerdings schon in Ordnung, dass überhaupt die Richtigen die Preise bekommen haben, spricht für sich. Im Übrigen wird man ohnehin nächstes Jahr wieder baden gehen, die einen so, die anderen so, denn auf die Rabenliebe des Literaturbetriebs ist nun mal Verlass.

© SZ vom 28.06.2010
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