Süddeutsche Zeitung

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb:Literaturbetrieb in der Badehose

Ohne Bauchklatscher aber mit Beißhemmungen: Die Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs zeichnet den Text "Rabenliebe" von Peter Wawerzinek aus.

Nach der ersten Lesung wechselte kein Kandidat des diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs mehr den Platz, um das Urteil auf dem Arme-Sünder-Bänklein entgegenzunehmen. An dieses nämlich erinnerte der Notsitz, den man im Klagenfurter ORF-Theater mitten in die Zahnreihe der Juroren-Tischchen geklemmt hatte. Es hätte einen nicht gewundert, wenn darunter eine Falltür gewesen wäre, durch welche der Delinquent per Knopfdruck geradewegs in die Hölle hinabfährt.

Dass keiner das Angebot annahm, die Moderatorin Clarissa Stadler bald auch nicht mehr dazu einlud, sich umzusetzen, der Stuhl am zweiten Tag gar nicht erst wieder hingestellt wurde, könnte damit zu tun gehabt haben, dass das neue Jury-Mitglied Hubert Winkels (nett war gestern) gleich auf die erste Wettbewerberin den geballten Donner der deutschen Geschichte hatte niedergehen lassen. Nicht zu Unrecht warf Winkels Sabrina Janeschs Text über das Schicksal nach Schlesien umgesiedelter ukrainischer Bauern im Zweiten Weltkrieg völliges Versagen an ihrem Thema vor. Die Brisanz der Vertriebenen-Problematik opfere die Autorin einer hausbackenen Suspense-Dramaturgie "aus dem Setzkasten", alles à la Stephenie Meyer.

Doch dann erinnerte sich die Jury wieder an die Beißhemmung, die sie sich offenbar auferlegt hatte. Die Autoren zogen es trotzdem vor, sich nur mit einem gewissen Sicherheitsabstand zerpflücken zu lassen. Sie übten sich in jener "gefassten Demut", die ihnen Sibylle Lewitscharoff, die Bachmann-Preisträgerin des Jahres 1998, in der Eröffnungsrede als Schutzhaltung empfohlen hatte. Zuvor allerdings hatte sie das Publikum mit ihrer "Lieblingsphantasmagorie" bekanntgemacht, einem imaginären Bachmann-Wettbewerb, der damit endet, dass die Verlierer erwürgt werden. Mit dieser Schreckensphantasie wolle sie, so Lewitscharoff, die Literatur "emporjagen ins Alles oder Nichts, sie befreien vom Laster der Banalität, ihr eine Bedeutung zumessen, die sie nicht hat".

Der 34.Jahrgang in Klagenfurt war nicht zum Erwürgen, aber sehr heterogen. Fünf Ausfälle, fünf diskutable Texte und vier, die kein klares Bild ergaben, bildeten ein steiles Gefälle. Dass geschulte Literaturinstitutsprosa dabei war, mancher an der Hand seines Verlegers, Lektors oder Agenten an den Start ging und viele Romananfänge vorgetragen wurden, sagte nichts über die Qualität aus. Manche Doppelungen fielen auf: In zwei Texten war die DDR-Vergangenheit Thema, zwei spielten im Schnee, zwei erzählten von einer Vergewaltigung, zwei von der Postapokalypse und zwei von der Familie. In zwei Texten ging es um Autisten, in zwei weiteren um Suizidkandidaten und zwei standen unter Pornographieverdacht (soft- und hardcore). Viel mehr lässt sich kaum verallgemeinern.

Falsch abgebogen

Ein Losverfahren hatte die Qualität der Prosastücke einigermaßen gleichmäßig über die drei Tage verteilt. Das Programm wurde straff durchgezogen, spätestens um 15 Uhr war man durch, durfte an den See. Denn nur hier kann man den deutschsprachigen Literaturbetrieb in der Badehose erleben, Gründervater Marcel Reich-Ranicki schwamm seine Runden angeblich sogar ohne.

Beim abendlichen Empfang im Garten von Schloss Loretto am Seeufer hatte der Bürgermeister gesagt, Ingeborg Bachmann habe es ja letztendlich noch zu einer bedeutenden Klagenfurterin gebracht. So viel zur Wertschätzung der Literatur in Kärnten. Da kann man dann schon verstehen, warum die Jury sich zügelte, auch wenn das den Unterhaltungs- und Erkenntniswert gleichermaßen schmälerte. Hinrichtungen wurden schnell vollstreckt. "Ich möchte, dass wir über diesen Text nur möglichst kurz und sachlich sprechen", appellierte Jurypräsident Burkhard Spinnen an seine Kombattanten. Gemeint war "Schnee" von Iris Schmidt, ein Text nach dem Muster "falsch abgebogen". "Stephen King für Arme", murmelt Hubert Winkels in seinen Dreitagebart, und schon streckt die Patin des Textes, Hildegard Elisabeth Keller, die Waffen. "Eine Phantasie in Weiß", verteidigt sie kleinlaut ihre Kandidatin, um es sich hinfort mit herbergsmütterlicher Munterkeit meist an gefahrlosen literarhistorischen Nebenschauplätzen gemütlich zu machen.

Überhaupt wurde wenig gestritten, aber geschwärmt wurde auch eher hölzern. Schön der Reihe nach tat man seine Meinung kund, wobei Alain Claude Sulzer entweder keine hatte oder eine abwegige, während Karin Fleischanderl ebenso dumm wie borniert mit abgelutschten Adjektiven - "klischeehaft, bieder, konventionell" - durch den Zettelkasten walzte. Analytisch und genau am Text argumentierten Meike Feßmann, Hubert Winkels und Paul Jandl.

Tapfer verteidigte Feßmann den Romanausschnitt "Letzte Fischer" von Volker Harry Altwasser, der sich von der Kurznasenfledermaus, einem mirakulösen Tiefseefisch, zu eher trüben Meditationen über Männlichkeit - Frau oder Freiheit? - inspirieren ließ.

Die Vorzüge von Peter Wawerzineks Text

Zu großer Form lief Feßmann auf, als es galt, die mannigfachen Vorzüge von Peter Wawerzineks Auszug aus dem autobiographischen Roman "Rabenliebe" darzutun. Die schmerzvolle Geschichte eines Kindes, das von seiner Mutter in der DDR zurückgelassen wird, als sie in den Westen ausreist, stammt von einem Autor, der wirklich etwas zu sagen hat und dem differenzierte sprachliche Mittel zu Gebote stehen. Seine vielschichtige Textpartitur hinterließ im Wettbewerb den stärksten Eindruck und ging zu Recht als Siegertext aus dem Bachmann-Wettbewerb hervor. Darüber hinaus trieb Wawerzinek keinen Keil zwischen Fachkritik und Lesergeschmack, denn er konnte auch noch die Stimmen des Publikumspreises auf sich vereinen.

Eine andere Favoritin fand sich überraschenderweise am Tag der Entscheidung gar nicht erst auf der Shortlist. Verena Rossbachers "Schlachten" rekonstruiert den stream of consciousness eines Mannes, der eine Frau vergewaltigt hat. Er versucht, das Verbrechen zu verdrängen, das ihn in der Erinnerung heimsucht. Das hochvirtuose Textgespinst fand keine ungeteilte Liebe in der Jury, "grauenhaft manieriert" jaulte die Mehrheit.

Rehabilitiert wurde Judith Zander. Ihre Auskoppelung aus dem Romanmanuskript "Dinge, die wir heute sagten" erhielt den 3sat-Preis, obwohl die Jury zunächst mit regelrechter Abwehr auf die trostlose Schilderung einer ungewollten Schwangerschaft in der DDR der siebziger Jahre reagierte, deren enorme sprachlichen Qualitäten sie nicht recht sehen wollte.

Zwischendurch hatte man den Eindruck, die Jury wolle nicht den besten Text auszeichnen, sondern den schicksten, um keinesfalls gestrig zu wirken. So wurde die 24-jährige Schweizerin Dorothee Elmiger gleich zum Jungstar ernannte mit ihrer "Einladung an die Waghalsigen", einer Collage, die nach dem Prinzip der Listenprosa dem ewig melancholischen Lebensgefühl der Jugend beizukommen sucht, in dem sie sich in eine bloße Echokammer der Referentialität zurückzieht. Der Jury-Vorsitzende Burkhard Spinnen sah hier eine "schreibende Programmiererin" am Werk und warnte etwas altväterlich davor, das Computerspiel als Vorbild des literarischen Weltzugangs zu wählen.

Sorgenvoll beugte sich Spinnen auch über Aleks Scholz, dessen Text "Google Earth" er "herzlos" fand. Scholz ist das U-Boot, das die Berliner Zentrale Intelligenz Agentur um Kathrin Passig im Wörthersee stationiert hat. Sein Beitrag sollte ein neuerlicher Beweis sein, dass sich der Erfolg in Klagenfurt strategisch planen lässt, legt man dem eigenen Schreiben "automatische", also aus der Wettbewerbsgeschichte empirisch gewonnene Parameter zugrunde. Leider merkt man das seinem Text an, der von einem Mann handelt, der sich sein eigenes Grab schaufelt und sich von seinem autistischen Kind für immer einbuddeln lässt. "Google Earth" hat etwas Simuliertes, man könnte meinen, der Text sei ein sehr gut gemachter Bluff.

Dass Scholz sich wie Dorothee Elmiger einen Nebenpreis abholen konnte, geht dann allerdings schon in Ordnung, dass überhaupt die Richtigen die Preise bekommen haben, spricht für sich. Im Übrigen wird man ohnehin nächstes Jahr wieder baden gehen, die einen so, die anderen so, denn auf die Rabenliebe des Literaturbetriebs ist nun mal Verlass.

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Quelle:
SZ vom 28.06.2010
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