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Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb:Literaturbetrieb in der Badehose

Ohne Bauchklatscher aber mit Beißhemmungen: Die Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs zeichnet den Text "Rabenliebe" von Peter Wawerzinek aus.

Nach der ersten Lesung wechselte kein Kandidat des diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs mehr den Platz, um das Urteil auf dem Arme-Sünder-Bänklein entgegenzunehmen. An dieses nämlich erinnerte der Notsitz, den man im Klagenfurter ORF-Theater mitten in die Zahnreihe der Juroren-Tischchen geklemmt hatte. Es hätte einen nicht gewundert, wenn darunter eine Falltür gewesen wäre, durch welche der Delinquent per Knopfdruck geradewegs in die Hölle hinabfährt.

German writer Peter Wawerzinek reads his text during the annual Festival of German Language Literature in Klagenfurt

Der Bachmann-Preisträger 2010: Peter Wawerzinek.

(Foto: rtr)

Dass keiner das Angebot annahm, die Moderatorin Clarissa Stadler bald auch nicht mehr dazu einlud, sich umzusetzen, der Stuhl am zweiten Tag gar nicht erst wieder hingestellt wurde, könnte damit zu tun gehabt haben, dass das neue Jury-Mitglied Hubert Winkels (nett war gestern) gleich auf die erste Wettbewerberin den geballten Donner der deutschen Geschichte hatte niedergehen lassen. Nicht zu Unrecht warf Winkels Sabrina Janeschs Text über das Schicksal nach Schlesien umgesiedelter ukrainischer Bauern im Zweiten Weltkrieg völliges Versagen an ihrem Thema vor. Die Brisanz der Vertriebenen-Problematik opfere die Autorin einer hausbackenen Suspense-Dramaturgie "aus dem Setzkasten", alles à la Stephenie Meyer.

Doch dann erinnerte sich die Jury wieder an die Beißhemmung, die sie sich offenbar auferlegt hatte. Die Autoren zogen es trotzdem vor, sich nur mit einem gewissen Sicherheitsabstand zerpflücken zu lassen. Sie übten sich in jener "gefassten Demut", die ihnen Sibylle Lewitscharoff, die Bachmann-Preisträgerin des Jahres 1998, in der Eröffnungsrede als Schutzhaltung empfohlen hatte. Zuvor allerdings hatte sie das Publikum mit ihrer "Lieblingsphantasmagorie" bekanntgemacht, einem imaginären Bachmann-Wettbewerb, der damit endet, dass die Verlierer erwürgt werden. Mit dieser Schreckensphantasie wolle sie, so Lewitscharoff, die Literatur "emporjagen ins Alles oder Nichts, sie befreien vom Laster der Banalität, ihr eine Bedeutung zumessen, die sie nicht hat".

Der 34.Jahrgang in Klagenfurt war nicht zum Erwürgen, aber sehr heterogen. Fünf Ausfälle, fünf diskutable Texte und vier, die kein klares Bild ergaben, bildeten ein steiles Gefälle. Dass geschulte Literaturinstitutsprosa dabei war, mancher an der Hand seines Verlegers, Lektors oder Agenten an den Start ging und viele Romananfänge vorgetragen wurden, sagte nichts über die Qualität aus. Manche Doppelungen fielen auf: In zwei Texten war die DDR-Vergangenheit Thema, zwei spielten im Schnee, zwei erzählten von einer Vergewaltigung, zwei von der Postapokalypse und zwei von der Familie. In zwei Texten ging es um Autisten, in zwei weiteren um Suizidkandidaten und zwei standen unter Pornographieverdacht (soft- und hardcore). Viel mehr lässt sich kaum verallgemeinern.

Falsch abgebogen

Ein Losverfahren hatte die Qualität der Prosastücke einigermaßen gleichmäßig über die drei Tage verteilt. Das Programm wurde straff durchgezogen, spätestens um 15 Uhr war man durch, durfte an den See. Denn nur hier kann man den deutschsprachigen Literaturbetrieb in der Badehose erleben, Gründervater Marcel Reich-Ranicki schwamm seine Runden angeblich sogar ohne.

Beim abendlichen Empfang im Garten von Schloss Loretto am Seeufer hatte der Bürgermeister gesagt, Ingeborg Bachmann habe es ja letztendlich noch zu einer bedeutenden Klagenfurterin gebracht. So viel zur Wertschätzung der Literatur in Kärnten. Da kann man dann schon verstehen, warum die Jury sich zügelte, auch wenn das den Unterhaltungs- und Erkenntniswert gleichermaßen schmälerte. Hinrichtungen wurden schnell vollstreckt. "Ich möchte, dass wir über diesen Text nur möglichst kurz und sachlich sprechen", appellierte Jurypräsident Burkhard Spinnen an seine Kombattanten. Gemeint war "Schnee" von Iris Schmidt, ein Text nach dem Muster "falsch abgebogen". "Stephen King für Arme", murmelt Hubert Winkels in seinen Dreitagebart, und schon streckt die Patin des Textes, Hildegard Elisabeth Keller, die Waffen. "Eine Phantasie in Weiß", verteidigt sie kleinlaut ihre Kandidatin, um es sich hinfort mit herbergsmütterlicher Munterkeit meist an gefahrlosen literarhistorischen Nebenschauplätzen gemütlich zu machen.

Überhaupt wurde wenig gestritten, aber geschwärmt wurde auch eher hölzern. Schön der Reihe nach tat man seine Meinung kund, wobei Alain Claude Sulzer entweder keine hatte oder eine abwegige, während Karin Fleischanderl ebenso dumm wie borniert mit abgelutschten Adjektiven - "klischeehaft, bieder, konventionell" - durch den Zettelkasten walzte. Analytisch und genau am Text argumentierten Meike Feßmann, Hubert Winkels und Paul Jandl.

Tapfer verteidigte Feßmann den Romanausschnitt "Letzte Fischer" von Volker Harry Altwasser, der sich von der Kurznasenfledermaus, einem mirakulösen Tiefseefisch, zu eher trüben Meditationen über Männlichkeit - Frau oder Freiheit? - inspirieren ließ.

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