Im Kino: 8. Wonderland Rauschen im Medienwald

Eine Internet-Guerilla stellt Kondomautomaten in den Vatikan, und lässt drei Fußball-Millionäre in Asien Trikots nähen. Doch das Politische in "8. Wonderland" schrumpft zu simplen Gags.

Von Rainer Gansera

Unter den Internet-Pionieren gab es eine Fraktion (der französische Fotograf und Filmemacher Chris Marker gehörte dazu), die das neue Medium mit politisch-utopischen Visionen verknüpfen wollte. Digitale Revolution und Internet-Guerilla. Das Netz als Möglichkeit basisdemokratischer Subversionen im Kampf gegen die Bastionen der Supermächte und des technisch-industriell-militärischen Komplexes. 8. Wonderland versucht ein Update solcher Utopie-Entwürfe auf die Leinwand zu bringen und lässt sein Programm munter anrollen.

(Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Da gibt es, in der Art eines Chatrooms, einen virtuellen Staat namens "8.Wonderland", dessen "Bürger" in modernisierter Robin-Hood-Manier Aktionen gegen globalkapitalistische Bösewichter aushecken und in Szene setzen. Die Regisseure Nicolas Alberny und Jean Mach haben sich nette Sponti-Aktionen für ihre Chatroom-Weltverbesserungsbürger ausgedacht: Russisch-iranische Atomverhandlungen werden durch gezielte Falschübersetzungen torpediert; als Protest gegen die Aids-Politik des Papstes installieren die Aktivisten im Vatikan Kondom-Automaten; um auf unmenschliche Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern aufmerksam zu machen, werden drei Fußball-Millionarios entführt und müssen in einer asiatischen Ausbeuterfabrik Trikots für den Europa-Export in mühsamer Handarbeit nähen.

Durch derlei Aktionen gewinnt der virtuelle Wunderland-Staat weltweit Aufmerksamkeit und Macht. Schon biegt der Film ein auf den Pfad der alten Fabel vom Verrat der Ideale. Schnäppchenjäger okkupieren den Gemeinschaftsraum für private Zwecke. Die Geheimdienste der Supermächte schleusen Undercover- Agenten ein. Aus Spaß-Guerilla wird blutiger Ernst. Die Utopie-Community spaltet sich und wird zur Terror-Sekte. Im Schnellkursverfahren wird der katastrophische Verlauf geschichtlicher Revolutionen nachbuchstabiert.

Als Idee und Entwurf hört sich das durchaus interessant an. Auf der Leinwand bleibt davon die Chimäre einer endlosen Zapping-Veranstaltung, die ein globales Nachrichtensprecher-Babel durchquert. Das Politische schrumpft zu simplen Gags, eine durch Charaktere vermittelte Dramatik fehlt völlig. Die Monitorschlangen mit ihren Talking-Heads-Galerien winden sich durch den weißen Raum des Chatrooms, Aktionen werden in Info-Clips abgefeiert.

Im Kern feiert 8.Wonderland das Monitor-Bild des TV-Nachrichtensprechers als Ikone des Hohenpriesters der Aufmerksamkeitsökonomie im Medienzeitalter. Um Aufmerksamkeitsbeschaffung dreht sich im Reich des Zappens und Surfens alles, und der Film geht dieser fatalen Logik gründlich auf den Leim. Auch bei ihm werden die politischen Inhalte zu Kulissen, die Menschen zu Pappfiguren, und von der Erzählung bleibt ein großes Rauschen im Medienwald der plakativsten Zeichen.

8TH WONDERLAND, F 2008 - Buch, Regie: Nicolas Alberny, Jean Mach. Kamera: Antoine Mateau. Musik: N. Alberny. Mit: Matthew Géczy, Eloïssa Florez, Robert William Bradford, Alaïn Azerot, Ahlima Mhamdi. Neue Visionen, 98 Min.