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Im Kino: "Jerichow":Verzweifelt unerotisch

Bei Petzold ist der Ehemann Ali, gespielt von dem grimmig melancholischen Hilmi Sözer, ein türkischer Unternehmer in Sachsen-Anhalt, der in der Kleinstadt Jerichow und Umgebung ein Imbissbuden-Imperium aufgezogen hat und auf die denkbar mühsamste Art und Weise wohlhabend geworden ist: Die 2,99-Asiapfanne vor dem Einkaufszentrum macht am Ende eben auch Mist. Mit seinem Geld hat er eine blonde deutsche Ehefrau freigekauft, aus Knastvergangenheit und drückender Schuldenlast.

Dieser Laura, einer ungewöhnlich verlebten und doch rätselhaft mädchenhaften Nina Hoss, traut er nun genauso wenig wie seinen Subunternehmern, die ihn andauernd übers Ohr hauen. Dazu kommt dann Benno Fürmann, animalisch, gehetzt, als ehemaliger Afghanistan-Kämpfer Thomas, unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen, finanziell und auch sonst am Ende. Ali heuert ihn als Fahrer an, nicht ganz freiwillig, er hat den eigenen Führerschein gerade eingebüßt, und doch entsteht nun eine Art Vertrauen zwischen den Männern, augenblicklich unterminiert von einer explosiven Anziehung zwischen Thomas und Laura. Das geht, wie es die Vorlage vorzeichnet, bis zum Mordkomplott.

Das ist aber nur der Hintergrund, vor dem Petzold seine Entdeckungsreisen in die Wirklichkeit unternimmt, darin Visconti und seinem frühen Neorealismus ähnlich. Der Nicht-Geschmack der Asiapfanne soll auf den Lippen haften, die Verlorenheit der Getränkegroßmärkte und Fernfahrer-Autohöfe widerhallen, damit auch die Macht der Gefühle spürbar wird, die hier aufbrechen.

Brillant erschreckend

In den Fluchten aus dem Alltag wird das besonders klar: Wenn die drei zum Meer aufbrechen und versuchen, am Strand ein wenig zu feiern; wenn der betrunkene Ali seine Frau und den Angestellten eng zusammenschiebt, tanzen sollen sie, ausgelassen sein, nicht ewig so deutsch; und wenn daraus wenig später ein Fast-Beischlaf wird, so verzweifelt und unerotisch, dass einem der Ausdruck Notzucht wieder in den Sinn kommt. Die Not, die sich hier Bahn bricht, ist aber gar keine sexuelle.

Hier wird es dann wirklich interessant, gerade im Vergleich mit den anderen Verfilmungen des Stoffes. Den Sex einfach als zentrale Bewegungskraft zu behaupten und einzusetzen, in einem Nicholson-Lange-Küchentisch-Szenario, das geht im deutschen Film nicht, nicht mehr seit Fassbinder. Genauso wenig trägt noch die Dualität von materieller Sicherheit versus verzehrende Leidenschaft. Diese Ehefrau steht gar nicht mehr vor einer solchen Wahl. Über ihre Schulden mit Gefängnisvergangenheit und Ehevertrag muss Petzold sie doppelt und dreifach festketten, mehr als all ihre Vorgängerinnen, sonst würde sie sofort aus dem Film verschwinden.

Ihr Mann, der ein sehr deutsches Erfolg-durch-Fleiß-Credo verkörpert, bricht das mit seiner türkischen Identität, sonst würde auch das nicht mehr funktionieren. Und die Traurigkeit, mit der er die Sinnlosigkeit der eigenen Ambitionen durchschaut, macht ihn zur anrührendsten der drei Figuren. Der Rivale schließlich, bisher immer ein Drifter, hat hier nicht einmal mehr die Option des Weiterziehens.

Es stimmt, dass die Figuren unter der Tonnenlast dieser Zwänge seltsam unlebendig wirken - aber es taugt doch nicht als Vorwurf gegen diesen brillanten und erschreckenden Film. Seine Ausweglosigkeit ist aus den aktuellen Verhältnissen des Landes herausdestilliert, das in "Jerichow" erforscht wird, und nicht nur aus dem Formbedürfnis einer strengen Kino-Ästhetik.

JERICHOW, D 2008 - Regie, Buch: Christian Petzold. Kamera: Hans Fromm. Schnitt: Bettina Böhler. Musik: Stefan Will. Mit Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer. Piffl Medien, 92 Minuten.