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Im Kino: "Die Lebenden":Tanz der Geschichte

Film "Die Lebenden" im Kino

Sita sucht zwischen Berlin, Wien, Warschau und Auschwitz nach Spuren aus der Vergangenheit ihres Großvaters.

(Foto: Real Fiction Filmverleih)

Andere Studenten kämpfen für eine "bessere Welt", Sita versucht, die SS-Vergangenheit ihres Großvaters zu ergründen. Das Konzept von "Die Lebenden" kennt kein versöhnliches Gespräch. Sie ist ein Tanz.

Von Philipp Stadelmaier

Die Demonstration "für eine bessere Welt" vor der Berliner Uni scheint Sita eher kaltzulassen, und halb aufmerksam folgt sie einer Vorlesung über Bonhoeffer. Ansonsten macht sie Testinterviews für eine Castingshow und lebt ihr Leben - bis sie mit dem israelischen Fotografen Joaquin anbandelt und wenig später entsetzt feststellt, dass ihr Großvater bei der SS war.

Wird hier, wieder einmal, einem jungen Menschen von heute eine Geschichtsbewusstseinskur verschrieben? Nein. Zwar gibt es in Barbara Alberts Film "Die Lebenden" überdeutliche Sätze wie den von Sitas Vater: "Man muss die Vergangenheit auch mal ruhen lassen." Aber das wird ganz unaufdringlich gesprochen und gefilmt, ohne jedes Eindringlichkeitspathos.

So dürfen die Dinge hier frei nebeneinanderstehen. Sita, gespielt von Anna Fischer, ist ganz der Typus des heutigen jugendlichen Historikers. Eine unternehmungslustige Weltenbummlerin ohne Berührungsängste, die zwischen Berlin, Wien, Warschau und Auschwitz nach Spuren aus der Vergangenheit ihres Großvaters sucht. In Warschau macht sie dann Couch-Surfing bei Silver, einer Aktivistin und Hausbesetzerin, die wie die Studenten vom Anfang für eine "bessere Welt" kämpft. Albert hält dieses zum Klischee neigende Konzept angenehm unkonkret, fragt somit eher danach, was das heute überhaupt noch sein kann. Außerdem ist Sitas politisches Bewusstsein nicht abkoppelbar von ihrem Partybewusstsein. Sie will wissen, wie es denn nun wirklich war - sie wird aber auch mit den Leuten, mit denen sie erfolgreich gegen eine Hausräumung demonstriert, tanzen, als wolle sie die ganze Welt umarmen.

Eine Geschichte wie ein Tanz

So filmt Albert die Lockerheit unter europäischen Backpackern. Und zeigt doch, dass die Geschichte, die sie mit sich herumtragen, ein unlösbares Problem bleibt. In Auschwitz trifft Sita eine junge Frau, deren Großmutter hier interniert war. Sita gesteht, ihr Großvater sei Teil der Lagermannschaft gewesen. "Das tut mir leid", sagt die andere. Eine irrwitzige Szene. Denn das sagt natürlich auch, dass die Deutschen sich so unwiederbringlich schuldig gemacht haben, dass man ihnen heute dazu nur noch kondolieren kann.

Daher ist hier auch an Geschichtsaufarbeitung in der Familie nicht zu denken. Der Vater blockt ab, bricht erst am Ende stumm in Tränen aus. Der Großvater selbst kann oder will sich nicht mehr erinnern. Wenn Sita dann doch auf Videoaufnahmen à la Claude Lanzmann mit seinem umfänglichen Bericht der Scheußlichkeiten stößt - dann ist seine Abweisung jeder Schuld eine weitere Art, nichts zu sagen.

Die Vergangenheit bleibt stumm und unversöhnlich weit weg. Und doch ist sie geheimnisvoll präsent: im Herzfehler, den Sita von ihrer Großmutter geerbt hat, genauso wie in den Gedichten, die sie, wie ihr Großvater, schreibt. Oder in dem Moment der Gegenwart, wenn sich Sitas israelischer Freund und ihre polnische Gastgeberin darüber unterhalten, wie Klaus Mann in einem Café Hitler sah und plötzlich dessen Aufstieg ahnte. Sita verlässt traurig den Raum, weil auch sie etwas ahnt: eine allzu große Nähe zwischen den beiden. Es ist die Wiederholung von so etwas Vagem wie einer Ahnung, welche die Geschichte in diesem großartigen Film so lebendig und geheimnisvoll macht.

So bleibt zwischen der Deutschen und dem Israeli alles offen. Am Ende tanzen sie miteinander. Denn die Geschichte kennt kein versöhnliches Gespräch, keine bessere Welt: Sie ist ein Tanz, der die beiden immer wieder auseinander- und wieder zusammenführen wird.

Die Lebenden, Ö/D 2012 - Regie und Buch: Barbara Albert. Kamera: Lorenz Dangel. Mit Anna Fischer, Hanns Schuschnigg, Itay Tiran. Realfiction 112 Min.

© SZ vom 03.06.2013/kath

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