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Im Gespräch: Kent Nagano:"Hollywood ist ein Zwerg"

"Ein langhaariger Kalifornier, der ausschaut wie ein Japaner" - und in München lebt. Dirigent Kent Nagano über Heimat.

München. Alles ist hell. Das Büro ist ein schmaler, langer Raum aus Holz und Stein, man sieht von hier aus auf die Dächer der Maximilianstraße. Keine Bilder, kein Zeugs, der Schreibtisch leer. Nagano spricht im Prinzip Deutsch, freut sich aber, Englisch reden zu dürfen. Er ist ein vorsichtiger Mensch, an dessen funkelnden Augen man tonnenweise Humor ablesen kann, von dem er mal hier, mal da eine Prise abruft. Er spricht so wie er auch dirigiert: ohne jede Effekthascherei, sondern mit heiterer, je nachdem auch melancholischer Klarheit.

Er hat schon viel gesehen von der Welt - seit drei Jahren ist Kent Nagano Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München.

(Foto: Foto: Reuters)

Süddeutsche Zeitung: Mr. Nagano, Ihre ursprüngliche Heimat Kalifornien ist für viele Europäer immer noch eine Art Verheißung.

Kent Nagano: Aus guten Gründen. Wobei die Sehnsucht nach Kalifornien natürlich industriell stark befeuert wird.

SZ: Durch Hollywood.

Nagano: Hollywood ist - physisch - ein Zwerg. Aber einer mit großer Wirkung.

SZ: Könnte man sagen, Ihre persönliche Verheißung hingegen war früh Europa?

Nagano: Ja. Und konkret München. Diese Stadt existierte in meinen Vorstellungen schon früh als teils diffuse, teils konkrete Bilderwelt. Also ist die Tatsache, dass ich seit drei Jahren hier an der Staatsoper bin, die Erfüllung einer alten Sehnsucht.

SZ: Wie kommt ein Kind in Kalifornien dazu, sich nach München zu sehnen?

Nagano: Es ist interessant, dass Sie das erstaunt.

SZ: Es war doch aufregend in den 60er Jahren in Kalifornien. Viele junge Deutsche hätten gerne mit Ihnen getauscht.

Nagano: Das Bild, das sich die meisten Menschen bis heute von Kalifornien machen, entsprach nicht meiner Realität dort. Ich bin nicht im Kalifornien des Entertainments aufgewachsen. Sondern in Morro Bay, Berkeley, Zentralkalifornien. Das ist das Kalifornien der Redwood-Trees, des raubtierhaften Pazifiks, es ist das Kalifornien der wildesten Natur, die Sie sich vorstellen können. Ein Großteil Kaliforniens ist wirklich rasende Wildheit.

SZ: Wahnsinnig schön.

Nagano: Natürlich.

SZ: Nur von Hollywood oder den Doors haben Sie nicht viel mitbe ...

Nagano: ... wie gesagt, der Zwerg Hollywood hat eine immense industrielle Strahlkraft. Aber Kalifornien ist ein weites Land. In München wird man von den Doors mehr mitbekommen haben als ich in Morro Bay. Ich habe von denen kaum etwas mitbekommen. Später, als Student in Santa Cruz, da natürlich schon.

SZ: Was ist mit Haight Ashbury? Den Bürgerrechten, der Liberalisierung?

Nagano: In San Francisco studierte ich erst ab 1974, und, lassen Sie es mich so sagen: Ich bin froh, dass es Haight Ashbury heute wieder besser geht. In den 70ern waren die schönen Träume ausgeträumt. Haight Ashbury war voller Kriminalität und Drogen, all' die guten Vibrationen hatten sich im Nebel aufgelöst.

SZ: Kein Flower Power mehr.

Nagano: Weder Flower noch Power.

SZ: Ist '68 sowohl kulturell wie auch politisch folgenlos an Ihnen vorbeigerauscht?

Nagano: Das wiederum war nicht möglich. Man musste sich ja dazu verhalten. Die Umwälzungen waren eminent. Und noch in Santa Cruz hatte ich 1970 nicht nur Musik, sondern auch Soziologie studiert. Ich hatte auch überlegt, Jura zu belegen. Damals studierte man noch Jura, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen.

SZ: Und dann?

Nagano: Und dann?

SZ: ... sind Sie aber zweifellos nicht als Soziologe oder Jurist weltberühmt geworden.

Nagano: Die Musik war stärker, natürlich. Aber wir sprachen über München.

SZ: Woher kam diese Sehnsucht?

Nagano: Als ich ein Kind war, unterrichtete mich Wachtang Korisheli, ein wunderbarer Lehrer. Er war Georgier, und, wie so viele Künstler in Kalifornien war er Exilant. Ausgebildet worden war er einst an der Münchner Musikhochschule, und da er nicht nur Musiker und Philosoph, sondern auch Kunstgeschichtler und Hobbymaler war, hingen in seinem Haus bei uns in Morro Bay von ihm gemalte Bilder, die mir sehr konkret Gebäude aus München zeigten. Ich kannte also Leo von Klenze oder auch den einen oder anderen Barockbau schon lange, bevor ich von Sir Peter Jonas erstmals nach München eingeladen wurde. Ich habe die Gebäude dann bei meiner Reise nach München alle gesucht - und wiedergesehen. Das war bewegend.

SZ: Korisheli hat München vermisst?

Nagano: Er hat München geliebt, vergöttert. Und natürlich seine Komponisten: Mozart, Wagner, Richard Strauss und Orlando di Lasso, die großen Meister ...

SZ: ... und so kam es zur einer Art ...

Nagano: Zu einem Sehnsuchtstransfer. Vom Lehrer auf den Schüler. Auch dafür hat man gute Lehrer, gute Mentoren.

SZ: Dann war also in Ihrer Heimat einerseits diese mächtige Natur, die Berge, die Redwood-Wälder, eine, wie Sie eben sagten, raubtierhafte See ...

Nagano: So ist es.

SZ: ... und andererseits: Bildung, Erziehung, Hochkultur.

Nagano: Sie nennen es Hochkultur.

SZ: Wie nennen Sie es denn?

Nagano: Kultur. Für mich gab es kein E und U in dem Sinne, verstehen Sie?

SZ: Heute soll es das geben, und damals gab es das aber nicht?

Nagano: Das ist nicht die Frage.

SZ: Sondern?

Nagano: Die Frage ist, wie ich es empfunden habe. Meine Eltern und die Schule haben mir den Weg zur Kunst gezeigt. Was wusste ich denn von der Unterscheidung von Kultur zur Hochkultur? Die Künste waren jedenfalls nichts negativ Konnotiertes, die Musik, die Philosophie, die Geschichte, das alles hatte mit Lust zu tun, wohl auch mit harter Arbeit und Selbstüberwindung. Aber nicht mit dem, was man heute als Paukerei bezeichnen würde.

SZ: Sie haben als Achtjähriger schon den örtlichen Kirchenchor dirigiert. Das war ja nun sozusagen Kinderarbeit.

Nagano: Nein, nein.

SZ: Wie würden Sie es nennen?

Nagano: Aktives Entertainment.

SZ: Lustig.

Nagano: Aber es stimmt doch. Schauen Sie, die Industrie Hollywoods hatte sicher die erwähnte Strahlkraft in die Welt - aber wer hatte denn Strahlkraft innerhalb meiner kalifornischen Welt? Das waren die Exilanten, deren Werke mir mein Lehrer vermittelte: Bruno Walter in Palm Springs, Arnold Schönberg, Igor Strawinsky. Diese Titanen hatten ihren Einfluss auf meine kalifornische Kultur.

SZ: Auch auf die Populärkultur?

Nagano: Natürlich - in zweiter Linie auch das. Jedes Kind, das sich für Musik, Kunst, Philosophie oder Literatur begeisterte, profitierte von den Exilanten in dem Maße, wie diese Intellektuellen und Künstler in Deutschland und Europa - diesem einzigartigen Kulturraum - plötzlich fehlten. Man hat sich einer kulturellen Vielfalt beraubt, die nur schwer wiederherzustellen ist. In allen Bereichen der Kultur, und auch der Unterhaltung ...

SZ: ... ich befürchte, sie ist gar nicht mehr wiederherzustellen.

Nagano: Eine pessimistische Einschätzung.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Nagano von der Popkultur isoliert wurde.

SZ: Schauen Sie manchmal fern hier in Deutschland?

Nagano: Nein. Oder: selten.

SZ: Hatten Sie daheim in Kalifornien einen Fernseher?

Nagano: Wir hatten einen, aber was dort zu sehen war, hing nicht zuletzt vom Wetter ab. Oft kam nicht viel an. Und die großen Filme liefen bei uns in Morro Bay erst dann im Kino, wenn sie in den richtigen Städten keiner mehr sehen wollte.

SZ: Normalerweise begehrt die Jugend auf, wenn sie von der Popkultur isoliert wird.

Nagano: Ich fühlte mich räumlich isoliert, wegen der wirklich rauen Natur dort an der Central Coast Area, aber wie gesagt: nur räumlich, nicht gedanklich, nicht kulturell. Womöglich habe ich diese Form der Isolation als junger Mensch auch als eine positive Provokation empfunden.

SZ: Inwiefern?

Nagano: Wir mussten damals selbst etwas tun, es bestand wenig Anlass zur Passivität oder zu einer Flucht in eine irgendwie geartete Virtualität. Es gab die Natur, und es gab die Kultur und die Bildung. Ich fühlte mich mit Informationen gut versorgt, die deutsche, italienische, französische, portugiesische Kultur, mein Lehrer Korisheli, all' das hat mich über die Maßen fasziniert. Ich habe das als Schatz empfunden.

SZ: Wie war die soziale Hackordnung?

Nagano: Ich erinnere mich nicht an sehr arm oder sehr reich. Heute, wenn ich recht informiert bin, ist es ein Problem, dass gerade in armen Familien Fluchttendenzen in die Virtualität, ins Fernsehen vor allem gepflegt werden. Ich erinnere mich nicht daran, dass von den Medien auf mich oder meine Freunde ein Sog ausging. Es gab eine hohe soziale Durchlässigkeit und außerdem in allen Familien ein starkes Bedürfnis nach Bildung. Ich hatte Klassenkameraden, Kinder von Bauern oder Fischern, für die war es selbstverständlich, nach San Francisco, nach Los Angeles oder nach San Diego zu gehen und Medizin oder Musik zu studieren.

SZ: Man könnte sagen, dass das eine bessere Kindheit war, ohne Fernseher und Computer. Aber dies klänge restaurativ, oder?

Nagano: Ja. Lassen Sie uns besser mal nicht die Moderne verteufeln, weder die moderne Technik, noch die moderne Musik!

SZ: Ihre Heimat, das war also Natur plus Hochkultur. Das ergibt bei Ihnen Ying und Yang. Wer weiß, was sonst aus Ihnen geworden wäre.

Nagano: Lassen Sie es mich so sagen, und es ist mir damit wichtig: Mein Elternhaus, meine Lehrer haben mir Werte vermittelt. Wir sind hier bei dem entscheidenden Wort: Vermittlung. Die Frage ist, was wir unseren Kindern, auch, was wir allen anderen Menschen vermitteln.

SZ: Was sage ich meinem 12-jährigen Sohn, der zu Metallica will statt in die Oper?

Nagano: Was, wenn er im "Parsifal" oder der "Elektra" motivische Ähnlichkeiten zu Metallica entdeckt? Dazu müsste er den "Parsifal" nur sehen und hören.

SZ: Soll ich Gewalt anwenden?

Nagano: Hm, nein, aber vielleicht sanfte Gewalt? Ich halte es für zwingend, dass wir nicht nur den Kindern, sondern der ganzen Gesellschaft immer wieder ein Angebot machen: Kommt in die Oper, fürchtet euch nicht, hier wird eure, hier wird unsere Gegenwart verhandelt, hier geht es um unsere großen Lebensfragen.

SZ: Was, wenn die Gesellschaft ...

Nagano: Verstehen Sie? Ihr Sohn muss jetzt nicht mit in die Oper. Vielleicht geht er auch in fünf Jahren nicht. Aber vielleicht in sechs. Vielleicht wird er sich eines Tages, ausgelöst durch einen zweiten und initiierenden Funken, daran erinnern, dass da noch etwas war. Er wird sich erinnern, dass sein Papa ihm immer wieder angeboten hat, ihn mit in die Oper zu nehmen, dass Sie über Opernabende gesprochen haben, dass Sie fasziniert oder entrüstet waren, jedenfalls nicht gleichgültig.Und dann wird er die Möglichkeit nutzen - in einer Stadt wie dieser, mit einem derart phantastischen Opernhaus.

SZ: Natürlich wirkt die Oper einschüchternd, als Institution, als Bau.

Nagano: Wie meinen Sie das?

SZ: Das schleicht sich natürlich alles nicht so lecker subtil in Kinderhirne wie irgendwelche Popvideos im Internet.

Nagano: Die Frage ist: Sollte es das denn? Wir dürfen uns nicht anbiedern. Eine gewisse Überwindung sollte schon dazugehören, das ist nichts Schlechtes. Die Unterhaltungsindustrie ist ...

SZ: ... erheblich Schuld an der geistigen Verwahrlosung der Gesellschaft!

Nagano: Sagen wir so: Sie ist ein Markt. Und natürlich wird so ein Markt immer aggressiver, umso größer die wirtschaftliche Krise ist, in der wir uns befinden. Und die Oper? Sie sollte sehr gut besucht sein, was sie in München ist. Sie muss dann kulturelle Gewinne erzielen, aber keine finanziellen. Müssten wir es, wäre das der Tod.

SZ: Einschüchternd ist die Perfektion, die einen hier in der Oper anweht. Für einen Pubertisten wirkt ja gerade das Nicht-Perfekte im Pop verführerisch, oder?

Nagano: Aber unsere Musik ist doch nicht auf eine Perfektion im Sinne von Glätte aus. Wie widerspenstig viele moderne Werke sind, die wir aufführen!

SZ: Ich meine die Anmutung. Die Welt hier wirkt so vorbildlich und wohlerzogen. Wenn man die randalierenden Herrschaften an der Garderobe mal außen vor lässt!

Nagano: Sie meinen, die Oper könnte auf Ihren Sohn zu steif wirken?

SZ: Steif ist das falsche Wort. Eher würde ihn die Perfektion einschüchtern.

Nagano: Aber Perfektion muss das Ziel sein. Ich verrate die Kunst wie das Publikum, wenn ich die Perfektion aufgebe.

SZ: Ich sah jetzt in der Oper Ihre sehr schöne Frau und Ihre sehr schöne, aber erst zehnjährige Tochter Ihrem "Parsifal" lauschen. Fünfeinhalb Stunden lang.

Nagano: Und was haben Sie da gesehen?

SZ: Eine perfekte Familie.

Nagano: Sie sind überaus amüsant. Ich habe ein perfekte Familie?

SZ: Nicht viele Zehnjährige schauen sich fünfeinhalb Stunden den "Parsifal" an.

Nagano: Meine Tochter macht das freiwillig, glauben Sie mir bitte! Ich würde wetten, dass ich Ihrem Sohn den "Parsifal" schmackhaft machen könnte. Die Opernfestspiele jetzt sind übrigens eine gute Gelegenheit, Kinder mitzunehmen. Wir haben tolle Sachen gerade für Kinder im Programm.

SZ: Ich bin sicher, dass es bei Ihnen daheim anders zugeht als bei mir. Ich würde Sie nicht zur Tür 'reinlassen.

Nagano: Tun Sie mir einen Gefallen?

SZ: Bitte.

Nagano: Kommen Sie uns, die Familie Nagano, unbedingt in unserer Wohnung besuchen, okay? Sie werden alle Vorstellungen von Perfektion über den Haufen werfen.

SZ: Was werde ich sehen?

Nagano: Das pure Chaos. Dissonanzen. Am Konzertflügel in unserem Musikzimmer, aber nicht nur dort. Das ist sehr, sehr komisch, ich werde meiner Frau berichten, wie akkurat wir auf Sie wirken.

SZ: Mit Pop haben Sie nichts am Hut, oder?

Nagano: Können Sie Ihre Frage konkretisieren?

SZ: Ein Beispiel: Ich höre - für meine Verhältnisse tief bewegt - hier in München Bob Dylan zu, und einen Abend später ebenso tief bewegt Ihnen, wie Sie Schuberts "Unvollendete" zur Aufführung bringen.

Nagano: Und?

SZ: Ich denke, Mr.Nagano, dass es für viele E-Musik-Hörer umgekehrt nicht möglich ist, sich in ein Folk- oder Blues-Schema zu verlieben. Man braucht dann wohl Elaborierteres, damit die Seele seufzt.

Nagano: Oft, womöglich, ja.

SZ: Und das andere Zeugs, also Pop, das ist dann einfach zu doof, zu simpel - oder?

Nagano: Oft ist es mir zu simpel. Ja.

SZ: Wenn Sie Radio hören, wie müssen Sie leiden! Da wird ja mir schon schlecht.

Nagano: Ich höre kein Radio.

SZ: Oft läuft es einfach, das blöde Radio. Im Taxi. Im Hotel. In Fitnessbuden. Überall.

Nagano: Ich verlange mitunter, es auszumachen.

SZ: Wenn ich das verlange, werde ich feindselig behandelt.

Nagano: Sie müssen es höflich tun. Wir alle haben ein Recht auf Ruhe. Ruhe ist wichtig.

SZ: Was ist große Kunst?

Nagano: (Pause) Ist es nicht die Suche nach einer Wahrheit hinter den Dingen? Nach einer Schönheit hinter den Dingen? Einer Schönheit, die nichts mit der Oberfläche, nichts mit Happy-End zu tun hat. Sondern eine tiefere Schönheit.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wer darüber entscheidet, was große Kunst ist.

SZ: Was ist mit dem Gott der Ekstase?

Nagano: Dionysus?

SZ: Klar, auch den wollen wir doch durch die Kunst rasen sehen, oder?

Nagano: Und welche Kunstform eignete sich besser zur Ausschweifung als die Oper!

SZ: Ich habe Dionysus hier im "Wozzeck" oder in der "Elektra" regelrecht vom Dache grinsen sehen, Mr. Nagano.

Nagano: Ich danke Ihnen, denn ich nehme an, es handelt sich um ein Kompliment. Nur, was ich noch anfügen möchte: Natürlich können Sie Momente tiefer Wahrheit, tiefer Schönheit auch in einem Song von Bob Dylan finden, oder im Jazz, oder in einem Bossa Nova ...

SZ: Wer entscheidet, was große Kunst ist?

Nagano: Die Zeit.

SZ: Das können Sie so schnell sagen?

Nagano: Natürlich. Die Zeit allein. Viele einst gepriesene Meister sind heute vergessen. Andere waren verkannt - heute werden Sie vergöttert. Sie haben Franz Schubert erwähnt, er war ein unglücklicher Mann. Heute wird er, mit großem Recht, verehrt. Bei Bob Dylan wissen wir schon zu seinen Lebzeiten, dass er ein großer Künstler ist. Sein widerspenstiges Werk, sein nicht umarmendes Auftreten, also: seine Kunst ist heute schon über Zweifel erhaben.

SZ: Sie erwähnten Arnold Schönberg. Von ihm gibt es diese Passage: "In der Kunst sollte es keine Aufgeregtheit geben. Wahre Kunst ist kalt." Ist wahre Kunst kalt?

Nagano: Ja. Natürlich nicht in dem Sinne, dass es in ihr keine emotionalen Koordinaten geben darf. Schönberg ging es um das Echte, die Wahrheit, das Unverstellte ...

SZ: ... eben das nicht Aufgeregte.

Nagano: Oder sagen wir: das nicht Affektierte.

SZ: Wie aufregend ist München?

Nagano: Oh, jetzt wollen Sie auf etwas ganz Bestimmtes hinaus.

SZ: München war stets Ihr Traum. Hat die Realität Sie eingeholt?

Nagano: Es gibt ein Klischee: Das aufregende Berlin, das konservative München. Aber da muss ich Sie enttäuschen. Ich weiß, da ich in beiden Städten große Institutionen und viele Menschen erlebt habe: Mitunter ist das aufregende Berlin nur aufgeregt. Und das starke Traditionsbewusstsein Münchens ist kein Konservatismus. Die Bayerische Staatsoper ist eines der bedeutendsten Musikhäuser der Welt - vielleicht das bedeutendste. Das Publikum hier weiß um diese Tradition. Und es weiß noch etwas, und da sind wir beim nicht im eigentlichen Sinne Konservativen: Es legte stets Wert auf eine Tradition des Nach-vorne-Schauens. Denken Sie an Mozart, Wagner, Orlando di Lasso!

SZ: Sie wollen sagen, es gibt in München eine Sehnsucht nach Neuem?

Nagano: Das waren alles doch keine Traditionalisten. Sondern Revolutionäre. Wir sprachen eben von Strahlkraft: Wagners "Tristan" - uraufgeführt hier an diesem Hause - das war ein Ereignis, das in die ganze Welt strahlte. Es ist bis heute die Aufgabe dieses Ausnahmeorchesters, diese Revolutionäre der Musik insgesamt am Leben zu erhalten - und gleichzeitig immer wieder neue Komponisten zu entdecken, die große Arbeit leisten.

SZ: Der Münchner Opernbesucher gilt nicht eben als innovationsfreudig, oder?

Nagano: Ein Klischee. Ich bin seit drei Jahren hier und teile diesen Eindruck nicht. Sowohl im Opernrepertoire wie auch in den Akademiekonzerten des Staatsorchesters setzen wir stark auf moderne Komponisten und Inszenierungen, und mir geht es ja nicht darum, dass das Publikum jedes Mal zufrieden ist. Gemütlichkeit darf in einem Opernhaus nicht einziehen, sonst ist es tot. Begeisterung ist das eine, heftige Ablehnung das andere. Beides sind leidenschaftliche Reaktionen, und beide Reaktionen sind typisch für das Münchner Publikum. Die Leute hier sind nicht konservativ, sondern sie sind im britischen Sinne: sophisticated. Womöglich liegt das daran, dass man hier ein kreativ begabtes Königshaus hatte.

SZ: Man sagt München dementsprechend eine erhebliche Blasiertheit nach.

Nagano: Also, vielleicht sollten wir uns erst wieder sprechen, wenn ich aus München fortgejagt worden bin.

SZ: Wieso sollten wir das?

Nagano: Weil ich ja sogar diese Blasiertheit mag.

SZ: Wie äußert sie sich in Ihren Augen?

Nagano: An der Anstrengung, die die Museen, die Theater, die die musikalischen Einrichtungen hier unternehmen - einerseits.

SZ: Andererseits?

Nagano: Andererseits habe ich noch nie in einer Stadt gelebt, die sich so wenig darum kümmert, was der Rest der Welt von ihr denkt. Ich habe den Eindruck, den Münchnern ist das total gleichgültig. Die Menschen an den anderen Orten, in denen ich lebte, sie waren in ihrem Lokalpatriotismus stets recht bestätigungssüchtig. Das entfällt hier. Es erscheint mir hier wie eine Familie, die zusammenhält ...

SZ: ... egal, was die Leute draußen sagen ...

Nagano: ... exakt. Die Menschen besitzen zum Beispiel dieses Haus hier.

SZ: Wie bitte?

Nagano: Sie betrachten die Staatsoper als Teil ihres geistigen Eigentums. Eine einzigartige Identifikation. Ich höre in Abendgesellschaften Sätze wie diesen hier: "Herr Nagano, die Inszenierung, die ich in XY gesehen habe, sie hat mir weniger gefallen als die Inszenierung an meiner Oper." An meiner Oper! So etwas habe ich in Berlin nicht gehört.

SZ: Da steht ja auch eine Oper neben der anderen.

Nagano: Aber das ist nicht der Grund.

SZ: Sondern?

Nagano: Der Grund ist, dass es in München eine kreativ hochexplosive Mischung gibt: einerseits diesen sehr anarchischen Geist, dazu den absoluten Ehrgeiz, sich mit Qualität zu umgeben, und das Ganze in einem hoch ausgebildeten Bürgertum.

SZ: Eben daher rührt der Vorwurf des Elitären: Das dionysische Bürgertum.

Nagano: Mag sein. Aber: Na und?

SZ: Na und?

Nagano: Elitär heißt nun mal nicht konservativ. Es heißt hingegen: anspruchsvoll. Und ich glaube, dass dieses engagierte Bürgertum das eigentliche Geheimnis dieser Stadt ist. Die Menschen hier haben den starken Ehrgeiz, gemeinsam für ihre Oper, ihr Theater, für die Qualität in ihrer Stadt einzustehen. Das kenne ich in diesem Ausmaß nicht aus anderen Städten.

SZ: Das war eine Liebeserklärung.

Nagano: Na gut.

SZ: Ist München inzwischen für Sie und Ihre nicht perfekte Familie ...

Nagano: ... wissen Sie, was ich zu meiner Frau sagte, als der Ruf nach München kam?

SZ: Nämlich?

Nagano: "Was, meine Liebe, werden die Münchner von einem langhaarigen Kalifornier halten, der ausschaut wie ein Japaner?"

SZ: Und? Heute?

Nagano: Es ist eine Ehre, hier zu arbeiten.

SZ: Ist München heute Ihre Heimat?

Nagano: Heimat ist ein großes Wort. Das wissen Sie. Man muss vorsichtig sein.

SZ: Eben drum frage ich.

Nagano: (Pause) Jetzt kann ich das, um ehrlich zu sein, aber doch so sagen: Die Stadt ist meine, sie ist unsere Heimat geworden.

Kent Nagano, 57, leitet nach viel beachteten Stationen in Lyon, Los Angeles und Berlin seit 2006 als Generalmusikdirektor die Bayerische Staatsoper in München und das Orchestre symphonique de Montréal. Er gilt als einer der führenden Dirigenten im weltweiten Musikbetrieb. Nagano wuchs als Enkel japanischer Einwanderer in Kalifornien auf. Sein Vater war Architekt und Mathematiker, seine Mutter Mikrobiologin - nach der Erkrankung der Großeltern väterlicherseits übernahmen Naganos Eltern deren Farm und arbeiteten als Bauern. Gleichwohl begeisterten sie das Kind von früh an für Musik. Nagano lebt heute mit seiner Frau, der japanischen Pianistin Mari Kodama, in München. Das Paar hat eine Tochter. Informationen zur Bayerischen Staatsoper und zu den am Samstag beginnenden Opernfestspielen unter: www.staatsoper.de