bedeckt München 34°

Im Gespräch: Christian Petzold:Noch einmal zwölf sein

SZ: Das ist typisch deutsche Provinz, irgendwie aber auch sehr amerikanisch.

Petzold: Bei "Yella" war auch der Schauspieler Hinnerk Schönemann dabei, der aus der Pregnitz stammt, und während der Dreharbeiten kamen wir ins Gespräch, warum das alles dort so amerikanisch aussieht. Diese Autobahnen, die ja noch die Nazis so gerade gebaut hatten, diese grade Weite und die vielen Malls dort - das hat etwas wahnsinnig Amerikanisches. In Brandenburg gibt's viele Städte, die heißen Neu Boston oder Neu Philadelphia. Ich hatte immer gedacht, Heimkehrer hätten diese Städte gebaut. Aber dann erzählte man mir, dass es im 18. Jahrhundert ungeheuere Ausreisewellen aus Preußen gab. Sie haben fluchtartig Europa verlassen, das merkt man heute noch, an dem Hass der Amerikaner auf europäische Politik, vom Iren bis zum polnischen Emigranten - dass sie immer nur missbraucht worden sind. Der alte Fritz hat dann, um diese Welle zu stoppen, den Leuten Land geschenkt, und den kleinen Dörfern und Weilern, die sie geschenkt bekamen, haben die Leute die Namen gegeben von den Kolonien, in die sie wollten. Diese alten Namen erzählen, dass man eigentlich weg wollte. Und da hat sich diese Postman-Geschichte von James M. Cain reingeschmuggelt. Wenn das schon so amerikanisch ausgeträumt ist, dann kann man auch diese Geschichte aus der amerikanischen Depression benutzen, um von dieser Gegend zu erzählen. Das hat sich nicht darübergelegt, sondern ist fast aus der Region hervorgerufen worden.

SZ: Eine durch die Depression geprägte, zerstörte Region . . .

Petzold: Das war die Frage - was bleibt, wenn die Industrie weg ist. Es gibt nur ganz wenige Fabrikbilder im amerikanischen Kino. Wir haben uns auch "Deer Hunter" angeschaut, weil Pennsylvania was mit der Pregnitz zu tun hat. Die Kraft und die Sehnsucht, etwas herzustellen, dann werden die Männer in den Krieg geschickt. Nun gibt es hier keinen Krieg mehr, es gibt Hartz IV. Wo holen die Menschen jetzt ihre Träume her, gehen sie in die Baumärkte?

SZ: Das sind alte Träume, sich ein Nest bauen . . . oder ein Baumhaus.

Petzold: Das zog sich beim Drehen durch, Gedanken, die nie zu Ende gedacht sind, die immer weiter arbeiteten. Obwohl es im Film gar nicht gefilmt wird: Man sieht einen Getränkemarkt, eine Straße, die Einsamkeit eines Hauses an einer Bahnlinie. Aber weil wir so viel darüber geredet haben, glaube ich, dass die Schauspieler das in ihren Zwischenräumen und in ihrer eigenen Körperlichkeit verinnerlicht hatten. Einen Punkt hat Nina sehr gut benennen können. Sie sagte, sie fühlte sich wie eine Elf-, Zwölfjährige. Da wurde mir klar, dass die Kompliziertheit dieser Figuren auch daher kommt, dass sie keine richtige Reifung haben. Sie sind Mitte dreißig und haben ihr Leben in den Sand gesetzt, und nun träumen sie von einer neuen Chance - und zwar dadurch, dass man so tut, als ob man noch einmal siebzehn wäre. Diese Unschuldssehnsucht, diese Regression war nicht im Drehbuch, das hat sich beim Drehen so hergestellt. Ein zweiter Punkt: Ein Jurist erzählte, es gäbe bei ihnen den Ausdruck "retardierter Schmerz" - das ist, wenn man auf dem Oktoberfest ein Messer reingerammt kriegt, aber man ist betrunken und merkt nichts, erst zu Hause sieht man, wie alles voll Blut ist, und man spürt den Schmerz. So ist das auch bei Benno, als er mit Nina Sex hat auf dem Flur, da beißt sie ihm, um sich nicht zu verraten, in die Hand, und erst als er gegangen ist und an der Haltestelle auf den Nachtbus wartet, merkt er das. In dem Moment erst beginnt, retardiert, die Liebe, die Leidenschaft. Es hat zwischen den beiden keine eigentliche Verführung gegeben, plötzlich taucht da etwas auf, sie infizieren sich. Ein klassisches Film-noir-Motiv.

SZ: Und der Film noir war ja nicht nur schwarz und depressiv, sondern hatte auch immer etwas Eruptives, Lustvolles.

Petzold: Es gibt doch diesen Film "D. O. A.", dead on arrival. Ein Typ geht zum Arzt und der sagt ihm, er sei radioaktiv vergiftet, habe nur noch einen Tag zu leben. Der Mann rennt los, durch die ganze Stadt, dann ist er völlig erschöpft, an einem Punkt, an dem er noch nie gewesen ist. Und da beginnt sein Leben, ein komprimiertes Leben - und dieser Lustaspekt hat auch mit Bennos Bisswunde zu tun. Mit der Überraschung, dass sie alle drei nicht nur Getriebene sind, von ihrer Geldgier, ihren Gefühlen, der Ökonomie getrieben, sondern auch endlich das Leben leben, das eine Verdichtung, einen Reiz, auch eine Erotik hat.