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"I Am Airen Man":Ich bin pervers, tut mir leid

Nachdem Helene Hegemanns Skandalbuch den Blogger Airen berühmt machte, wird nun sein zweites Buch veröffentlicht: I Am Airen Man. Aus dem Tagebuch eines Techno-Taugenichts.

Airen, so nennen wir einen jungen Mann von noch nicht dreißig Jahren, der sich diesen Künstlernamen zugelegt hat, weil er unerkannt bleiben will, anonym. Eine Tarnung braucht Airen gerade deshalb, weil er sich unausgesetzt verlautbart und offenbart; lange blies der Blogger freilich, was er über sich zu sagen hatte, nur in Gestalt eines Tagebuchs in alle vier Winde des Internets.

Dass sein Name Anfang des Jahres trotzdem plötzlich in aller Munde war, hatte er nicht sich selbst zu verdanken, sondern der damals 17-jährigen Helene Hegemann, die Airen ihrerseits gleichfalls einiges zu verdanken hat. Schließlich haben in ihren Debütroman "Axolotl Roadkill" einige Sätze aus Airens Blog und aus seinem Erstlingsroman "Strobo" wortwörtlich Eingang gefunden und sind so einer geldwerten Zweitverwertung zugeführt worden, woraufhin eine heftige Plagiatsdebatte entflammte.

Denn während "Axolotl Roadkill" sofort zum Bestseller wurde, dümpelte das vom Berliner Kleinverlag Sukultur herausgegebene Buch Airens in der Nische Techno-Prosa.

Seither haben sich die Dinge so entwickelt, dass Airen mittlerweile noch bei zwei weiteren, deutlich strahlkräftigeren Verlagen unter Vertrag steht, was Helene Hegemann nicht von sich behaupten kann. Ullstein, bei dem "Axolotl Roadkill" herauskam, hat angekündigt, Airens "Strobo" im Herbst als Taschenbuch zu verlegen, und im Blumenbar Verlag ist nun die Fortsetzung von "Strobo" unter dem brusttrommelnden Titel "I Am Airen Man" erschienen.

Erhobenen Hauptes

Dieser vor Selbstbewusstsein strotzende Titel wirkt, als müsste da einer, der den Zynismus der Branche am eigenen Leib erlebt hat, sich Mut machen, nun ohne jede falsche Scham, mit rechtschaffenem Stolz und erhobenen Hauptes die große Bühne zu betreten.

Hier präsentiert sich der moralische Sieger im Streit um das Buch der jungen Helene Hegemann, der es verstanden hat, seinen Namen im Spiel und einen Fuß im Türspalt zu halten, ehe ihn der scharfe Wind des Literaturbetriebs wieder vom Trittbrett schleudert. War anfangs er der Wirtskörper und Hegemann die Nutznießerin, so bewirtschaftet Airen inzwischen recht abgebrüht seine Rolle als verfolgte Unschuld.

Man kann die wechselseitige Abhängigkeit der beiden eine Schicksalsgemeinschaft nennen oder ein erzwungenes Joint Venture. Vom parasitären Verhältnis zeugt allein schon der Umstand, dass die Vertragsunterzeichnung mit Airen, laut Blumenbar Verlag, am selben Tag stattfand wie der Book-Release von "Axolotl Roadkill".

In die Nachbeben des Skandals musste möglichst schnell ein zweites Buch geworfen werden, bevor alles wieder ruhig wird, und so beruht auch "Airen Man" wie schon "Strobo" auf Airens Blog.

Beim Lesen leuchtet einem nicht nur inhaltlich, sondern auch formal unmittelbar ein, warum der Autor unter Pseudonym schreibt. Der Deckname hat fast etwas von einem Kunstgriff, da der Ich-Erzähler mehr Typus ist als Individuum, und zwar der Typus des romantischen Helden, der sich erst verlieren muss, um sich zu finden. Ein Eichendorffscher Taugenichts, dessen Lebenstaumel Drogen und Sex zeitgerecht beglaubigen.

Ein junger Mann aus gutem und gut behütetem Hause zieht hinaus in die Welt, verliert jeden Halt, bevor er unverhofft die wahre Liebe erfährt, das kleine Glück von Vaterschaft und echter Bindung. Geläutert alsdorten und gefestigt kehrt er nach Hause zurück, auch desillusioniert und stellt fest: Die Tage seiner Jugend sind vorüber.

Out of Rosenheim

Dies ist das Muster der Selbstwahrnehmung, das aus dem Erlebten erst eine Erzählung macht, als Airen nach Mexiko geht, im Nachtleben - "Evita el Exceso" - abstürzt und sich im rauschhaften Leben nach einer wahren Berufung ("dieses eine Extrem, das mich so fickt, dass ich ihm alles widme") sehnt. Eine Frau, Lily, gibt ihm die Kraft, die Welt nüchtern zu ertragen. Denn jenseits der Clubs sieht Mexiko aus wie seine Heimatstadt "Rosenheim hinterm Wertstoffhof".

Ein Entwicklungsroman also in Tagebuchform - schilderte "Strobo" die Lehrjahre des wilden Lebens in Berlin, so folgen nun die Wanderjahre. Genregemäß geht der Prozess der Häutung nicht ganz ohne jaulende Larmoyanz ab, ruft Airen immer wieder die ranzigen Pathosformeln der Pop-Rebellion herbei: "Ich bin pervers, tut mir leid, ich such den Abgrund, ich brauche Techno, und ohne Verzweiflung fühl ich nichts."

Doch jenseits solcher Pflichtsätze, die zum Protokoll des Generationenporträts gehören, hat das Buch auch seine guten Momente, in denen aus dem unbehauenen Sound der Szene unverhofft scharf geschliffene Beobachtungssplitter hervorleuchten.

Am Ende ist der bürgerliche Bildungsgang erfolgreich abgeschlossen. Airen hat nicht nur eine Frau gefunden, die sein Kind unterm Herzen trägt, sondern auch das Extrem, das ihn so richtig fickt: das Schreiben. Oder, wie es bei Eichendorff heißt, "und es war alles, alles gut!"

AIREN: I Am Airen Man. Roman. Verlag Blumenbar, Berlin 2010. 176 Seiten, 17,90 Euro.