Horror Oma, mir graut vor dir

"Game of Thrones"-Star Natalie Dormer im Thriller "The Forest" über einen düsteren, undurchdringlichen Wald in Japan für Selbstmörder.

Von Karoline Meta Beisel

Am Nordwesthang des Mount Fuji wächst ein Wald, in den Menschen gehen, um zu sterben. In den Siebzigern wurde in Japan ein Buch zum Bestseller, dessen liebeskranke Heldin sich zwischen den Bäumen das Leben nimmt. Seitdem zieht der Aokigahara-Wald Lebensmüde an, Dutzende jedes Jahr - und Filmemacher. 2010 spielte hier der US-Horrorfilm "Forest of the Living Dead". Und Gus Van Sants pathetisches Drama " Sea of Trees" mit Matthew McConaughey als suizidalem Waldwanderer lief 2015 im Wettbewerb in Cannes. Jetzt zieht der amerikanische Regisseur Jason Zada mit "The Forest" in den Aokigahara. Aber der Wald scheint mal wieder kein Glück zu bringen, den Filmemachern nicht, und auch nicht den Protagonisten ihrer Filme.

Sara sucht ihre Zwillingsschwester Jess, die im Wald verschwunden ist. "Game-of-Thrones"-Darstellerin Natalie Dormer spielt beide in einer Doppelrolle, was keine allzu große Herausforderung gewesen sein dürfte: Die blonde Sara sieht man in fast jeder Einstellung, die Kamera bleibt dicht an ihr auf ihrem Weg durch den Wald. Die brünette Jess dagegen kommt nur in sehr wenigen Szenen vor - beide Schwestern gleichzeitig sieht man nur ein einziges Mal.

Ein Mädchen steht im Walde: Natalie Dormer in "The Forest".

(Foto: Tobis)

In einem Hotel am Waldrand lernt Sara einen Reporter kennen (Taylor Kinney), der einen Parkwächter auf dessen Leichensammelrunde begleiten will. Sara ist die perfekte Protagonistin für seine Geschichte, die Reisegruppe steht. Aber Sara scheint nicht die Hellste zu sein. Jedenfalls schlägt sie jeden wohlgemeinten Rat in den Wind, weswegen man als Zuschauer nicht richtig warm wird mit ihr. "Verlasse nie die markierten Wege", sagt der Parkwächter - Sara stakst durchs Unterholz. "Bleib nie über Nacht im Wald", sagt der Wächter - Sara bleibt. "Traue den Dingen nicht, die du siehst" - Sara rennt jedem noch so unwahrscheinlichen Spukbild hinterher, selbst wenn es ein Mädchen in einer klischeehaften Matrosen-Schuluniform ist, und das mitten in der Nacht.

Tatsächlich unheimlich ist "The Forest" immer dann, wenn er sich auf seinen eigentlichen Hauptdarsteller konzentriert: den Wald selbst, der von Kameramann Mattias Troelstrup als düsterer, undurchdringlicher Dschungel in Szene gesetzt wird. Hinter jedem Stamm, jedem Farnvorhang könnte das Grauen lauern.

"The Forest" lebt vom Schauder der wahren Geschichte, dem Klassiker "Blair Witch Project" nicht unähnlich, nur dass es in diesem Fall eben alles wirklich gibt: die Selbstmorde, die bunten Bänder, mit denen Wanderer und Sterbewillige ihren Weg markieren, auf dass man sie - oder ihre Leiche - finden möge; und die Parkwächter, die vor Beginn der Wandersaison die Erhängten von den Bäumen schneiden. Aber statt auf dieses reale Schaudern zu vertrauen, setzt Regisseur Zada auf unnötige Erschreckmomente mit zu Zombies geschminkten Grusel-Omis, Maden, oder eben jenem harmlosen Schulmädchen. Bisweilen wünscht man sich, sie würden allesamt in einer der Höhlen verschwinden, die sich unter dem Waldboden auftun.

Dabei ist es nicht so, dass die vergangenen Jahre gar keine stimmungsvollen Aokigahara-Filme hervorgebracht hätten. Nur laufen die wackeligen Aufnahmen von neugierigen Touristen nicht im Kino, sondern auf Youtube.

The Forest, USA, 2016 - Regie: Jason Zada. Buch: Ben Ketai, Sarah Cornwell, Nick Antosca. Kamera: Mattias Troelstrup. Mit: Natalie Dormer, Taylor Kinney, Yukiyoshi Ozawa, Eoin Macken, Rina Takasaki, Yûho Yamashita, Jozef Aoki, Gen Seto. Splendid Film, 94 Minuten.