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Horror:Knochen im Garten

Böse Geister, viel Wodka und eine Dorfgemeinschaft außer sich: der Horrorfilm "Dibbuk - eine Hochzeit in Polen".

Piotr, genannt "Pyton", hat große Pläne: Zu Beginn des Horrorfilms "Dibbuk" zieht er aus London in die schrecklich-schöne polnische Provinz. Der alte, verfallene Bauernhof mit Scheune soll wieder hergerichtet werden, als Sommerhaus mit Swimmingpool. Man erzählt sich, er wolle sogar die Brücke wieder aufbauen, welche die Deutschen zerstört haben. Und er möchte Zaneta heiraten. Seine Braut ist die Schwester eines Freundes, man kennt sich noch nicht lange und vor allem über Skype. Selbst der konservative Vater Zanetas findet, dass es etwas schnell geht mit den beiden, aber Hochzeit ist Hochzeit. Sonst gibt es im Dorf ja nicht viel zu feiern.

Piotr ist eigentlich mehr Engländer als Pole. Mit der Sprache hapert es ein wenig, und dieses Land, in dem er wie ein Gespenst erscheint, ist ihm rätselhaft: stumme Menschen, Industrieruinen, verlassene, graue Dörfer inmitten wilder Natur. Rauchende Schlote und Tagebau. Von der Fähre aus beobachtet er eine scheinbar verrückte, wie besessen schreiende Frau, die versucht, sich zu ertränken. Aus der mondänen britischen Hauptstadt hat es ihn an den vergessenen Rand Europas verschlagen. Im Garten seines Grundstücks steht schon der gelbe Bagger für den Umbau bereit. Jetzt, wo er da ist, soll hier nichts so bleiben, wie es ist.

Die Hochzeitsgesellschaft wird von bösen Geistern befallen.

(Foto: Drop-Out Cinema)

Am Tag vor der Hochzeit kommen ihm aber Zweifel. Denn im Garten, wo der Pool hin soll, hat er Knochen gefunden. Stammen sie von einem Menschen? Oder nur von einem Hund? Nachts tobt ein Sturm, der das Grab in einen Sumpf verwandelt. Von unheimlichen Gestalten nach draußen gelockt, wird Piotr von der feuchten schwarzen Erde verschluckt. Oder hat er nur im Auto geschlafen, wo ihn der künftige Schwager am nächsten Morgen findet? Mehrmals gibt der Film dem Zuschauer die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was gerade geschehen ist.

Ein paar Knochen im Garten können aber eine polnische Hochzeit nicht aufhalten. Während in der Scheune gesoffen und getanzt wird, versinkt das Land draußen weiter in einem nicht enden wollenden Unwetter, und Piotr wird immer wunderlicher. Er sieht Gespenster, räkelt sich mit offenem Hemd auf der Tanzfläche, spricht mit einem Mal Jiddisch. Haben ihm die Dorf-Schwager Drogen in den Wodka gemischt? Oder ist er, wie der Pfarrer vermutet, vom Dibbuk besessen, einem jüdischen bösen Geist? Als Einziger weist der alte Lehrer immer wieder auf die Häuser hin, die hier einst standen, und die Menschen, die in ihnen lebten. Der Arzt mit Alkoholproblem und der verhuschte Pfarrer verschwinden gemeinsam, als die Feier langsam außer Kontrolle gerät.

In Piotr konzentrieren sich mit einem Mal alle Ängste der Dorfgemeinschaft: vor dem Fremden, dem Homosexuellen und der eigenen Geschichte. Im Brennglas des neben Geburt und Beerdigung wichtigsten Festes in Polen zeichnet Regisseur Marcin Wrona das unheimliche Bild einer selbstgerechten, ignoranten und brutalen Dorfgemeinschaft. Damit stellt er sich in eine lange Tradition: In Stanisław Wyspiańskis Stück "Hochzeit" von 1901, einem Klassiker der polnischen Literatur, tauchen bei einer Hochzeit Gespenster aus der Vergangenheit des Landes auf und erheben Anklage gegen die Lebenden. In den letzten Jahren haben einige Filme vorsichtig begonnen, die Frage nach der polnischen Beteiligung am Holocaust zu stellen. Ein Thema, das auch die polnische Gegenwartsliteratur beschäftigt, aber in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer tabu ist und sogar aktiv bekämpft wird.

Im vergangenen Jahr wurde "Dibbuk"-Regisseur Marcin Wrona beim Filmfestival in Gdynia, der wichtigsten Leistungsschau des polnischen Kinos, erhängt im Hotelzimmer aufgefunden. Ein junger, ausgelasteter Regisseur, der sich während eines Festivals umbringt? Vielen kam das merkwürdig vor, die Polizei ging aber von Selbstmord aus. In seinem letzten Film bleibt die Kleidung der betrunkenen Hochzeitsgesellschaft trotz des Sturms fast bis zum Ende trocken und sauber. Sogar das weiße Brautkleid nimmt nur sehr langsam vom Saum an aufwärts die Farbe der Erde an.

Dibbuk, Polen 2015 - Regie: Marcin Wrona. Buch: Pawel Maslona, Marcin Wrona. Kamera: Pawel Flis. Mit: Itay Tiran, Tomasz Zietek, Agnieszka Zulewska. Drop-Out Cinema, 94 Minuten.