Hollywood Sunnyboy mit Cape

"Shazam!" präsentiert einen Superhelden, der mal erfolgreicher als Superman war.

Von Fritz Göttler

Wie viele seiner Kollegen ist Shazam kein Vollzeitsuperheld, das heißt, es gibt ihn erst mal im ganz gewöhnlichen Leben. Eigentlich ist er der wuschelige, aufsässige Teenager Billy Batson (Asher Angel), er hat seine (alleinerziehende) Mutter verloren und ist dann aus sechs verschiedenen Pflegefamilien in sechs verschiedenen Counties ausgerissen. Ein Einzelgänger, ein lost boy. Wenn er sich aber in einen Superhelden transformiert, wird er zu einem unscheinbaren glatthaarigen Erwachsenen, einem Sunnyboy, verkörpert vom Fernsehstar Zachary Levi. Gutbürgerlich sieht er da aus und eher infantil.

Die Psychoanalyse hat die Superhelden gewöhnlich fest im Griff, ihre Werdegänge sind verquere Fallgeschichten und detaillierte Familienromane, ihre Übermenschlichkeit, ihr panischer Zwang zum Handeln ist darin Resultat von Verlusten in der Kindheit. Auch Schuldgefühle spielen mit: Das Einzelkind Superman, von den Eltern auf den weit entfernten Planeten Erde verschickt, der durch den Mord an den Eltern traumatisierte Batman, Spider-Man, der sich schuldig fühlt am Tod des Onkels ... eine Riege nachhaltig verstörter Typen.

In der neuen Pflegefamilie, der siebten, wird Billy gut aufgenommen - eine typisch amerikanische Familie, lässig zusammengefügt, ohne strenge Bindungen und die psychischen Komplexe, die mit ihnen zusammenhängen. Familie als Team, als Crew, man ruft sich zusammen mit einem formalen "Alle Hände an Deck".

Im Halbbruder Freddy Freeman findet Bobby in dieser Familie einen Freund (Jack Dylan Grazer spielt ihn, einer der Jungs aus der Neuverfilmung von Stephen Kings "Es"). Und den braucht er dringend - als ein wuscheliger finsterer Magier ihn als seinen Champion erwählt, der für ihn den Kampf gegen das Böse führen soll, dafür die Kräfte und den Namen des Meisters erhält. Billy muss nur dem Mann voll vertrauen, dessen Namen rufen - "Shazam!" - und im Sprung ins Leere verwandelt er sich in einen Supermann. Für alles weitere sorgt Freddy, das Timing und die Tests - Superkräfte, Flugkünste, Kugelfestigkeit. Natürlich möchte er von der Superhelden-Aura auch profitieren - um sich in der Schule zu behaupten. Die Geburt des Superhelden aus dem Ungeist des Mobbing.

Shazams Doppelexistenz, seine Zerrissenheit - zwei Alter - ist krasser als die der Kollegen, schmerzlicher und komischer. Ein Superheld, der mit teeniehaftem, manchmal albernem Volldampf seine neu entdeckten Superkräfte ausprobiert und manchmal empfindlich dabei abstürzt.

Natürlich ist auch dieser neue Superheld nicht richtig neu. 1939/40 tauchte er erstmals in den Comics auf, unter dem Namen Captain Marvel, 1941 gab's ein zwölfteiliges Kinoserial dazu, in den Vierzigern war er erfolgreicher als Superman. Ab 2000 wollte man im DC-Universum bei Warner einen Film um diese Figur herum entwickeln, auch William Goldman hat sich daran versucht. Es gab Probleme mit dem Namen - mit dem Konkurrenzuniversum Marvel -, und schließlich wurde der Name des Helden weggelassen.

Für einen dunklen Grundton zu all der jugendlichen Ausgelassenheit sorgt Regisseur David F. Sandberg, der bislang mit Horror bekannt wurde ("Lights Out", "Annabelle 2"). Der schrecklichste Moment des Films ist, als Billy die verlorene Mutter suchen geht. Da erlebt er die tiefste Superhelden-Einsamkeit.

Shazam!, 2018 - Regie: David F. Sandberg. Buch: Henry Gayden. Kamera: Maxime Alexandre. Mit: Zachary Levi, Michelle Borth, Djimon Hounsou, Mark Strong, Jack Dylan Grazer, Asher Angel, Marta Milans, Adam Brody, Ross Butler. Warner, 132 Min.