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Hörbücher für den Sommer:Seid ein bisschen netter

VLADIVOSTOK, RUSSIA - MAY 5, 2021: A red fox in a suburb of Vladivostok on Russky Island off Russia s Pacific coast. The

Warum ist "die Gruppe, die so viel kann, so böse?", fragt die Titelfigur in George Saunders' "Fuchs 8" die Menschen. Gelesen von Stefan Kaminski ein bitterernster Spaß.

(Foto: Yuri Smityuk via www.imago-images.de/imago images/ITAR-TASS)

Jens Harzer arbeitet sich in Paul Celans Gedichte ein, George Saunders' "Fuchs 8" macht den Menschen Vorwürfe, und das Werk von Stanisław Lem wird immer aktueller: neue Hörbücher.

Von Florian Welle

Paul Celan gilt als der undurchdringlichste Lyriker deutscher Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon Dürrenmatt fragte, ob dessen "Gedichte ohne Zeit und Ton, schwarze Sprachlöcher" überhaupt "sprechbar" seien. Celan selbst sah das anders, doch den Rat, den er einem Leser gab - "Lesen Sie! Immerzu nur lesen, das Verständnis kommt von selbst" -, schienen die wenigsten zu beherzigen. Stattdessen war es für viele einfacher, Celan als Überlebenden der Schoah und Dichter der "Todesfuge" untrennbar mit einem einzigen Thema verbunden zu sehen. Der literarhistorische Ort war gefunden. Dass damit ganze Werkabschnitte ausgespart wurden, nahm man in Kauf.

Auf Grundlage der von ihr herausgegebenen "Kommentierten Gesamtausgabe" hat die Celan-Kennerin Barbara Wiedemann gemeinsam mit Jens Harzer für den Speak-Low-Hörverlag eine Auswahl zusammengestellt, die "manch gewohntem Bild des Dichters zuwiderläuft" und den Titel "Eine Annäherung" trägt (2 CDs mit Booklet, 110 Minuten). Unter sieben Oberthemen - darunter Liebe, psychische Erkrankung, Schreiben - sind die Texte geordnet, alle Werkphasen berücksichtigt. Die "Todesfuge" bleibt bewusst ausgespart, man macht Entdeckungen. Viele Gedichte haben entgegen Dürrenmatts Ansicht sehr wohl ihre ganz konkrete Zeit. So reagiert das aus dem Nachlass veröffentlichte "Die Menschenscherben" direkt auf den Tod des Studenten Jan Palach, der sich aus Protest gegen die Zensur im Januar 1969 in Prag mit Benzin übergoss: "die Benzin-/Götter/nabeln im nackten/Gedanken-Gestänge ..."

Der Hörbuch-Titel deutet an, dass Jens Harzer keine letztgültigen Versionen liefern will. Stattdessen sitzt man mit ihm im Studio, lauscht seinem Atem, hört, wie er Manuskripte blättert. Und mit den Worten und Zeilen Celans ringt, ansetzt, abbricht, sich vorwärts tastet, der Magie und Musikalität der Sprache nachspürt. "Schöne Zeile", entfährt es dem Schauspieler einmal. Häufiger jedoch sind Kommentare wie "komplexe Veranstaltung", "Das ist wirklich kaum mehr zu kriegen", "Ich mache noch eine". Work in progress. Bis er ein Gedicht melancholisch verhangen und in sich gekehrt in einem Zug liest und als vorläufige Fassung stehen lässt: "Ich würde sagen, das lassen wir mal." Ein Ereignis, frei nach Celan: Hören Sie! Immerzu nur hören, das Verständnis kommt von selbst.

Stefan Kaminski wird oft als Stimmwunder bezeichnet. Mit seiner unbändigen Freude, für Figuren den passenden Ton zu finden und sie damit zu glaubhaften Charakteren werden zu lassen, hat er Hunderte Kinder- und Erwachsenen-Hörbücher geprägt. Nun ist mit Fuchs 8, dem tierischen Erzähler von George Saunders' gleichnamiger Geschichte von 2019, eine weitere unverwechselbare Figur hinzugekommen (Schall & Wahn, 1 CD, 46 Minuten). Der wissbegierige Fuchs 8 hat den Menschen zugehört und so "Mänschisch" gelernt. Seine neu gewonnene Fähigkeit nutzt er dazu, ihnen einen Brief zu schreiben. Voll kindlicher Schreibfehler, aber mit der bitterernsten Frage: Warum ist "die Gruppe, die so viel kann, so böse?" Die Natur musste einer Einkaufsmall weichen, die "Fükse" hungern. Gemeinsam mit Fuchs 7 macht er sich auf in die "Mol" - die Begegnung mit den Menschen endet für seinen Freund tödlich. Stefan Kaminski performt die von Frank Heibert vorzüglich ins Deutsche übertragene Fabel so überzeugend mit nasaler Stimme, dass dem Hörer der Fuchs leibhaft vor Augen steht. Zwischen ungläubigem Staunen und schierer Verzweiflung über die Gattung Mensch: "Seid einfach mal ein bisschen netter. Ich warte auf eine Antwort."

Der Wissenschaftler Lymphater nennt sich selbst einen "kuriosen Menschen". Martin Held hat Stanisław Lems Erzählung "Die lymphatersche Formel" 1973 für den WDR so eingesprochen, dass ihr Icherzähler mehr als kurios rüberkommt: nicht nur abgewirtschaftet und fahrig, starrsinnig und versponnen, sondern wahnsinnig. Mit seiner Formel kann die Welt das nächste Evolutionsstadium erreichen, in dem der Mensch abgeschafft ist. Die Lesung findet sich neben sieben weiteren Produktionen in "Stanisław Lem - Die große Hörspiel-Box" (8 CDs mit Booklet, 7 Stunden 53 Minuten). Erschienen bei DAV zum 100. Geburtstag des Science-Fiction-Autors im September, enthält sie Hörspiele aus den 1970er-Jahren wie "Rückkehr zur Erde" bis hin zur MDR-Produktion "Der Unbesiegbare" von 2018, eine Raumschiff- und Wüstenstory. "Schichttorte", eine Geschichte, in der ein Rallye-Fahrer seine zahlreichen Unfälle nur dank immer weiterer absurder Organ-Transplantationen überlebt, stellt die Frage nach der Identität des Menschen. Eine philosophische Frage, klar, aber auch eine juristisch und versicherungstechnisch ziemlich vertrackte Angelegenheit. Lems Visionen von damals werden heute immer realer.

© SZ/masc
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