Historische Monografie Viele Würste, viele Biere

Der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor, Gründungsintendant des Humboldt-Forums, hat einen lehrreichen Bilderbogen zur deutschen Geschichte arrangiert.

Von Jens Bisky

Deutschheit, beschied bündig der romantische Dichter Novalis, sei "Kosmopolitismus mit der kräftigsten Individualität gemischt". Er folgerte dies aus der Neigung und der Fähigkeit seiner Landsleute, sich vieles übersetzend anzueignen und in der Übersetzung über sich hinauszuwachsen. Es passt zu dieser Definition, dass die Deutschen der Gegenwart sich ihre Geschichte gern aus einer fremden Perspektive erzählen lassen, über Preußen am liebsten die Bücher von Christopher Clark lesen und jede Berlin-Bemerkung in der New York Times wie einen Orakelspruch des Weltgeistes empfangen. Deutschsein heißt längst auch, sich in den Augen der anderen spiegeln.

Das neue Buch des britischen Kunsthistorikers und Germanisten Neil MacGregor "Deutschland - Erinnerungen einer Nation" ist daher hoch willkommen. Es trifft in eine Situation, in der das Land, es mag wollen oder nicht, sich wieder einmal neu erfindet, so wie es nach 1989 ein neues Selbstbild entwerfen musste.

Statt um Mächte und Ideen geht es hier um Artefakte, Kunst und allerhand Überbleibsel

Neil Mac Gregor hat seit 2002 das Britische Museum in London geleitet, er war dort auch für die viel beachtete Ausstellung "Germany - Memories of a Nation" verantwortlich. Nicht aus der Perspektive des Jahres 1940, sondern aus der des überraschend vereinigten Landes wurde dessen Geschichte betrachtet. Zur Ausstellung brachte die BBC eine Folge von Radiosendungen zum Thema. Die Entstehungsgeschichte erklärt zwei Eigenarten, die den Leser historischer Bücher verstören mögen. Nicht Frauen und Männer oder Mächte und Ideen sind die Protagonisten dieser Gesamtdarstellung, sondern Artefakte: Kunstwerke, Münzen, Bauten, Bierkrüge, Karten, Geldscheine, Überbleibsel. Wie schon in seinem Bestseller "Geschichte der Welt in 100 Objekten" erzählt Neil MacGregor als und wie ein Kurator. Er versteht es, die entschwundene Welt der Hanse vor dem Porträt zu vergegenwärtigen, das Hans Holbein des Jüngere 1532 vom Danziger Kaufmann Georg Gisze anfertigte; er skizziert Deutschland am Ende des Ersten Weltkriegs, indem er lokales Notgeld betrachtet. Und wann immer er sich Künstlern widmet, dem Bildhauer Tilmann Riemenschneider, Käthe Kollwitz oder Ernst Barlach und seinem Güstrower schwebenden Engel, reißt seine Begeisterung den Leser mit - der will hinaus in die Welt, ins Museum.

Das Buch ist üppig und sorgfältig bebildert, man wird lange in ihm blättern, bevor man es endlich durchliest. Dabei stößt man dann regelmäßig auf lange Zitate, mündliche Äußerungen, mal von Hilary Mantel, mal von Monika Grütters, von vielen Historikern und Fachleuten mehr. Was in einer Radiosendung belebend wirkt, stört bei der Lektüre.

Die historische Revue beginnt mit dem Siegestor in München, einem Denkmal, anders als Denkmäler in anderen Ländern sind. Die "eher quälende Erinnerung an Niederlage und Schuld" stehe der "ursprünglich feierlichen Absicht" entgegen. Wo Deutschland liegt, wie es imaginiert wurde, wie mit Geschichte umgeht, so lauten die Fragen, mit denen der Leser ins Dickicht des Vergangenen gelockt wird. In vielem wirkt dieses Buch wie eine populäre Version der "Deutschen Erinnerungsorte" von Étienne François und Hagen Schulze. Doch die leichte, virtuose Erzählung ruht auf einigen Grundwahrnehmungen, über die sich lange streiten ließe.

"Die Meister des Metalls sind deutsch", schreibt Neil MacGregor, der Erfolg von VW, hier ein Wagen aus dem Jahr 1953, steht in einer langen Tradition.

(Foto: Ben Stansall/AFP)

Die deutsche Geschichte sei irreparabel beschädigt - den Teil "Der Abstieg" beginnt Mac Gregor sehr richtig mit Bismarck, um beim Tod von Buchenwald zu enden. Daher müsse sie immer neu betrachtet und zusammengesetzt werden. Das haben viele Historiker versucht, wobei es jedoch keinem "wirklich gelungen sei", "die großen intellektuellen und kulturellen Leistungen des 18. und 19. Jahrhunderts überzeugend mit dem moralischen Absturz der NS-Zeit zusammenzufügen; es gibt kein nachvollziehbares Muster". Immerhin lassen sich vier Traumata benennen: der Dreißigjährige Krieg, die napoleonische Besetzung, das "Dritte Reich" und die deutsche Teilung. Diese Erfahrungen seien ein Grund dafür, dass Geschichte in Deutschland sich nicht nur dem Vergangenen widmet, "sondern, anders als in anderen Ländern Europas, nach vorne blickt".

Indem er die oft gestellte Frage nach dem "Sonderweg", nach der Heraufkunft des Nationalsozialismus, nach der einen und einzigen Logik unserer Nationalgeschichte einklammert, gewinnt Neil MacGregor die Möglichkeit, den Reichtum, die verblüffende Fülle, die Vielfalt des Begeisternden und des Schrecklichen darzustellen. Königsberg, Prag und Straßburg kommen ebenso zu ihrem Recht wie Johannes Gutenberg, der Nürnberger Schlossermeister Peter Henlein, wie die von den Nazis aus Deutschland vertriebene Keramikerin Grete Loebenstein, spätere Marks oder ein Leiterwagen der Flüchtlinge aus Hinterpommern. Wie beiläufig gelingen dabei immer wieder treffende Formulierungen: "Berlin ist eine Stadt, die in Architekturen träumt." De Gaulle soll sich beklagt haben über die Schwierigkeiten, ein Land zu regieren, dass 246 Käsesorten kennt. "Er hätte glücklich sein sollen darüber, dass er es nicht mit einem zu tun hatte, in dem es viel, sehr viel mehr Wurstsorten gibt", heißt es unter der erhellenden Kapitelüberschrift "Ein Volk, viele Würste". Und wohl auch sehr viele Biersorten.

Wie die akademische Geschichtsschreibung zeichnet auch MacGregor ein überwiegend positives Bild des Heiligen Römischen Reiches, das borussische Historiker lange und folgenreich verspottet haben. Dem auf nationale Einheit und Fortschritt versessenen 19. Jahrhundert mochte es schwach, zersplittert und ineffizient erschienen. Heute schätzt man die Vielfalt, die Kunst des Aushandelns und der Kompromisse, die Schulung in Toleranz und geregelten Verfahren.

Tischbeins "Goethe in der Campagna", 2014 in der Deutschland-Ausstellung des Britischen Museums.

(Foto: Ben Stansall/AFP)

Alexander und Wilhelm von Humboldt kommen in diesem Buch nicht vor

Es gibt zur Zeit keine besser kulturhistorische Einführung in die deutsche Geschichte. An einigen Stellen aber wirken die vielen Geschichten nicht auserzählt, zu stark verkürzt, etwa im Fall der Währungsunion oder auch in den Passagen über den Palast der Republik. Besonders schade ist die Verknappung im Lebenslauf des Kommunisten, Architekten und Designers Franz Ehrlich. Der Bauhausschüler war 1934 wegen Hochverrats verurteilt worden, 1937 kam er ins Konzentrationslager Buchenwald. Dort schuf er sein bekanntestes Werk, den Schriftzug im Lagertor: "Jedem das Seine". Er wählte dafür Buchstaben in charakteristischer Bauhausschrift. 1939 wurde Ehrlich entlassen, arbeitete unter den Nazis. MacGregor teilt noch mit, dass Franz Ehrlich in der DDR tätig war und dort Informant des MfS wurde. Die Geschichte war noch verwickelter. Als Bauhäusler hatte es Ehrlich in der DDR nicht einfach, immerhin gelangen ihm mit dem Ost-Berliner Funkhaus in der Nalepastraße und Möbeln für die Deutschen Werkstätten Hellerau Entwürfe, die Bestand haben. Seine Stasi-Kontakte nutzte er, um Konkurrenten anzuschwärzen, aber er erzählte seinen Mitarbeitern davon, machte sich lustig über den Arbeiter- und Bauernstaat, über die Plattenbauten. Ende der Siebziger begann die Stasi, der er bis 1975 berichtet hatte, auch ihn zu überwachen. Ein paar Details mehr aus diesem deutschen Lebenslauf des 20. Jahrhunderts hätten dem Buch gut getan. MacGregor meint, wer kein Deutscher sei, könne nur froh sein, "dass er nicht unter solchen Umständen leben musste und nicht vor solchen Entscheidungen stand".

Demnächst wird Neil MacGregor als Gründungsintendant des Humboldt-Forums im Schlossneubau vor der eigentlich unlösbaren Aufgabe stehen, das Selbstbild der Berliner Republik zu inszenieren. In seinem Buch über die Erinnerungen der deutschen Nation kommen Alexander und Wilhelm von Humboldt nicht vor.

Neil MacGregor: Deutschland. Erinnerungen einer Nation. Aus dem Englischen von Klaus Binder. Verlag C.H. Beck, München 2015. 640 Seiten, 39,95 Euro.