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"Herr Wichmann aus der dritten Reihe" im Kino:Unschuldig, aber unheilbar

Andreas Dresen ist wieder mit "Herrn Wichmann" unterwegs, dem CDU-Hinterbänkler, der nun im Brandenburger Landtag sitzt. Aber der lässt in dem Sequel Überzeugung, Vision und eigene Ideen vermissen.

Herr Wichmann von der CDU hat Karriere gemacht. Schon vor zehn Jahren hat der junge Provinzpolitiker im Bundestagswahlkampf alles gegeben: sein ganzes Urlaubssemester, 30.000 Euro aus eigener Tasche und die Bereitschaft, sich auch mal auslachen zu lassen.

Themendienst Kino: Herr Wichmann aus der dritten Reihe

Wo sich das Schicksal der Welt und Brandenburgs nicht entscheidet: Szene aus "Herr Wichmann aus der dritten Reihe".

(Foto: dapd)

Um "frischen Wind" in die Politik zu bringen war er damals durch die Altenheime, Schulen und Betriebe der Uckermark getingelt. Doch leider roch sein frischer Wind ein bisschen nach Gülle - Wichmann war damals für die Errichtung einer 80.000-Schweine-Mastanlage in Haßleben. Die Brise blies ihm dann aber nur übers Wahlkampftischchen und ließ seine Flugblätter wegflattern. Dann fuhr sie seinem übermächtigen Gegner von der SPD in die Segel: Wichmann bekam am Ende schlappe 21 Prozent, hatte Schulden bei der Bank und wieder was gelernt.

Schade: Der ungelenke Hinterbänkler war das ideale Fressen für Andreas Dresen, der ihn damals mit einem kleinen Team begleitet und den Dokumentarfilm "Herr Wichmann von der CDU" hat. Als kleiner Mann aus Ostdeutschland war er nämlich genau wie die Beamten, Imbissbudenbetreiber und Gebrauchtwagenhändler aus "Die Polizistin", "Halbe Treppe" oder "Willenbrock": schlecht gekleidet, aber noch lange kein schlechter Mensch. Und als Politiker war er genau wie die Alten, Alkoholiker und Krebspatienten in "Wolke Neun", "Whisky mit Wodka" und "Halt auf freier Strecke": unschuldig aber unheilbar.

Dresen wird sich also gefreut haben, als Wichmann 2009 in Brandenburg in den Landtag nachrückte, denn damit bot sich die Möglichkeit für ein Sequel. Willkommen zu "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" - es wird mal wieder ein bisschen lustig werden, auch traurig, und man wird sich auch ein bisschen fremdschämen. Dresen hat endlich den öffentlich-rechtlichen "Stromberg" geschaffen: Wichmanns Absichten sind besser, dafür sind seine Sprüche weniger lustig.

Vor allem hört er zu

"Manchma hilftet ja, wenn die Politik sich einschaltet", sagt er zum Beispiel, und: "Jeder kann nur an seiner Stelle seinen Dschobb so gut wie möglich machen." Das macht er dann auch. Er sammelt Unterschriften gegen die Schließung von Polizeiwachen, ist in der Kantinenkommission und fährt täglich stundenlang durch die Gegend zu Seniorenmodenschauen, Honoratiorendampferfahrten und Kreistagsausschusssitzungen. Aber vor allem hört er zu, schaut den Leuten in die Augen und nickt verständnisvoll. Als eine böse Alte über Hartz-IV-Empfänger geifert und ein Mädchen Schlechtes über Muslime hören möchte, zeigt er sogar Haltung. Ansonsten ärgert es ihn, dass in seiner Region die Schreiadler wohl eine rosigere Zukunft haben als die Kinder aus der 9a. Viel mehr geht nicht: Das Schicksal der Welt und Brandenburgs entscheidet sich anderswo.

Nur eins zeigt der Film erstaunlicherweise kaum: Politik. Zwar ist der Mann Politiker und man sieht auch ein bisschen Parteiengezänk. Das ähnelt aber eher der Rivalität von Sportteams. Ansonsten ist das ganze Leben ein Quiz und Wichmann nur der Moderator: Nicht bloß für den Film, sondern für alle Anliegen. Wenn zwei sich nicht einigen können oder ein Bürokrat unsinnige Entscheidung trifft, dann moderiert er. Und wenn der SPD-Ministerpräsident was lösen soll, stellt Wichmann sich mit ihm an einen Biertisch. Was er aber kaum je äußert, außer in dem von ihm ohne Kommentar aufgehängten Vertriebenenplakat, ist eine wirklich kontroverse politische Meinung. Keine Überzeugung, keine Vision und keine eigene Idee. Die Ära Merkel ist an der Basis angekommen.

Herr Wichmann aus der dritten Reihe, D 2012 - Regie und Buch: Andreas Dresen. Kamera: Andreas Höfer, Michael Hammon, Dresen. Piffl, 93 Min.

© SZ vom 11.09.2012/cag

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