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Literatur-Jubiläum:Erschreckend modern

Helmut Heißenbüttel

"Wenn ich eigentlich nichts zu sagen habe, so bedeutet das nicht, dass es überhaupt nichts zu sagen gibt": Helmut Heißenbüttel.

(Foto: Anita Schiffer-Fuchs)

Der Dichter und geniale Literatur-Redakteur Helmut Heißenbüttel wäre hundert Jahre alt geworden.

Von Willi Winkler

"Am Vortragspult", so malte Jean Améry die Ur-Szene später aus, "stand ein hochgewachsener einarmiger Mann mit stahlblauen Augen, deren deutsches Strahlen jedoch durch die Versehrtheit des Vortragenden gemildert war und darum etwas Bewegendes hatte." In Brüssel begegnete Anfang 1964 der Auschwitz-Überlebende Améry einem Angehörigen des Mördervolks, dem ehemaligen Wehrmachtssoldaten Helmut Heißenbüttel, der sein Retter werden sollte.

Was der Lyriker las, erschreckte Améry, es schien ihm so modern, dass er sich selber "gestrig" vorkam, doch Heißenbüttel war im Hauptberuf Redakteur, er leitete die Abteilung Radio-Essay beim Süddeutschen Rundfunk und konnte Améry in den zwölf Jahren, die er noch zu leben hatte, ernähren.

Heißenbüttel, der, wäre nicht 1996 gestorben, am Montag hundert Jahre alt geworden wäre, war ein Dichter. 1943, mitten im Krieg, schickte er seine Sonette an den Schriftsteller Hermann Kasack, den Lektor im Suhrkamp-Verlag. Kasack retournierte die gewiss kunstfertigen Werke des jungen Mannes mit dem zeitüblichen "Heil Hitler!" und der nicht ganz so üblichen Frage: "Können Sie nicht etwas moderner schreiben?"

Heißenbüttel konnte, aber erst nach dem Krieg, erst nachdem er den linken Arm in diesem Krieg gelassen hatte und von einer Kriegsversehrtenrente von 161 Mark in einem sechs Quadratmeter großen Zimmer in Hamburg über einer Dissertation des Anakreontikers Johann Nikolaus Götz verzweifelte. 1955 debütierte er bei der Gruppe 47 so abstrakt, dass sich einer der Teilnehmer sicher war, "das Entsetzlichste" überhaupt gehört zu haben. Das Entsetzliche war die Sprache, war die Grammatik, ein Programm, das keine Gnade oder jedenfalls keine Zugeständnisse kannte: "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt."

Dem Intendanten, der Heißenbüttels erste beiden Bändchen auf dem Tisch liegen hatte, war ebenfalls bang. Beim Einstellungsgespräch musste er fragen: "Aber das wollen Sie nicht machen bei uns?" Der Rundfunk kam mit dem Schrecken davon.

Er gab Nachhilfe in der Avantgarde, untersuchte Comics

"Was der deutschen Literaturkritik fehlt", hat Heißenbüttel einmal geschrieben, "ist Lockerung. Lockerung, was die Blickrichtung betrifft, in die die Kritiker sich zu starren gewöhnt haben." Sie waren sich ihrer Sache sicher, er nicht. Er suchte weiter, er wollte überrascht werden, er wollte Neues entdecken, und das fand er nach Arno Schmidt in Deutschland nur mehr selten. Der allgemeine Literaturgeschmack ging zur Allgemeinverträglichkeit, verbunden mit pausbäckiger Ahnungslosigkeit bei der Literatur der Welt draußen. Aber er gab nicht auf, als kritischer Vermittler, oft auch in der SZ, gab Nachhilfe in der Avantgarde, untersuchte Comics. Unermüdlich verwies er auf Henri Michaux, auf Gertrude Stein, auf John Dos Passos, und arbeitete weiter an seinen "Textbüchern".

Die Moderne als Avantgarde ist ja ziemlich heruntergekommen, und nicht erst in den letzten Jahren. Das Unterhaltungsprogramm hat gesiegt, oder das, was Heißenbüttel als das "Verhängnis der Deutschen" bezeichnete, "diese Mischung aus Bildungshochmut, falsch verstandener Geschmackskultur und moralischer Überlegenheit. Diese Vorliebe für den ethischen Theaterdonner und das Nichtzurkenntnisnehmen dessen, was an leidendem Erfahren Literatur und Kunst bestimmt."

Als er 1969 den Büchnerpreis erhielt, meinte er am Ende seiner Dankesrede: "Ich habe eigentlich nichts zu sagen. Aber wenn ich eigentlich nichts zu sagen habe, so bedeutet das nicht, dass es überhaupt nichts zu sagen gibt."

Zu seinem Siebzigsten widmete ihm die gerade verstorbene Friederike Mayröcker ein "amikables Proëm": "als wir in Stuttgart gingen/ BOTTNANG DONIZETTISTRASZE in dieser Stadt die ich immer geliebt habe weil sie hügelig ist und sanft von begabter Natur und die südlichsten Gärten hat und eine atmende Wärme/fluktuierende Schwüle/ und ich an seiner Seite ging die steile Hügelstrasze hinauf verweilte die Abendsonne auf seinem Profil und ich sah sein Gesicht von einer Purpurfarbe erleuchtet also Flammen auf seinem Gesicht wie es ringsum auch auf der Landschaft lag ...".

© SZ/kni
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