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Hausfrau, Nationaldichterin:Das gehetzte Huhn

Clarice Lispector, ca. 1960

Clarice Lispector in ihrer Wohnung in Leme, nördlich der Copacabana in Rio de Janeiro.

(Foto: privat)

Die Henne oder das Ei? Dass die brasilianische Mystikerin Clarice Lispector, Jahrgang 1920, wusste, was zuerst da war, beweisen ihre Erzählungen. Vierzig davon hat Luis Ruby ins Deutsche übersetzt: "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau".

Die Legende, das öffentliche Bild, das man sich von Clarice Lispector gemacht hat, zeigt, wie man sich Mitte des vorigen Jahrhunderts eine Frau als Intellektuelle gerade noch so vorstellen konnte: Geheimnisvoll, mystisch begabt, traumwandlerisch mit den Weltgeistern, dem Unterbewussten und der tierischen Menschennatur vertraut. Einen Mann hätte man ein Genie genannt, in ihr sah man das "monstre sacré", ein unfassbares Wesen. Zumal sie katzenhaft schön war als junge Frau und dramatisch derangiert als ältere, mit notorisch verrutschtem Lippenstift und einer rechten Schreibhand, die bei einem Wohnungsbrand im Jahr 1966 verunstaltet worden war, verursacht durch eine ungute Kombination aus Beruhigungsmitteln und Rauchen im Bett. 1973 kam die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann durch ein ähnliches Unglück ums Leben.

In Brasilien ist Clarice Lispector Nationaldichterin und war eigentlich von ihrem 1944 erschienenen Debütroman an eine Ikone. Er heißt "Nahe dem wilden Herzen" und darin spürte man schon einen gewissen Hang zur Unlesbarkeit: Mikrologisch zeichnete sie die Affektlagen einer jungen Frau auf, Stimmungen, die sich innerhalb eines Satzes vollkommen drehen können. Das ist so wahnsinnig faszinierend in seiner Genauigkeit, wie es unmöglich im Einzelnen nachzuvollziehen ist. Der Lispector-Effekt wirkt, weil die Idee dermaßen ansteckend ist, man könne sich selber so genau beobachten, seine Wesenszüge von Minute zu Minute verwandeln.

Clarice Lispectors Leben ähnelte dem der "suburban housewifes" - und auch wieder nicht

In der englischsprachigen Welt hat in den letzten Jahren der Literaturkritiker Benjamin Moser viel für Lispectors Popularität getan, eine umfassende Biografie veröffentlicht und ihr Gesamtwerk im US-amerikanischen Verlag New Directions herausgegeben. Dazu gehört eine Sammlung ihrer Erzählungen, deren ersten Band es in einer Übersetzung von Luis Ruby jetzt auch auf Deutsch gibt. Passend zur Legende heißt er "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau". Eine der ersten, die Lispector übersetzten, war übrigens die Dichterin Elizabeth Bishop. "Ihre Romane sind NICHT gut," schrieb sie 1963, "die ,Essays', die sie für Senhor schreibt, sind sehr schlecht, aber in den Erzählungen hat sie außerordentlich interessante Dinge zu sagen."

Wir lesen hier also Lispector in ihrer konzentriertesten Form, wobei einem auffallen muss, wie formbar ihr Stil war. Der Band beginnt mit frühen, Anfang der Vierzigerjahre entstandenen Geschichten, die sich wie Vorübungen zu ihrem ersten Roman lesen: Die psychologische Genauigkeit ist schon da und in den Liebesbeziehungen eine Fremdheit, die, so hoch sie in Gefühle und Metaphern aufgelöst ist, doch offenkundig mit Machtunterschieden zwischen Männern und Frauen zu tun hat: "Mein Wunsch war mit ihm zu gehen, um auf der Seite des Stärkeren zu sein, damit er mich verschonte", heißt es in "Obsession", "Ich wollte ihn, wie sich ein Dürstender nach Wasser sehnt, ohne Gefühle, ja, ohne glücklich sein zu wollen."

Für Lispectors erste Frauenfiguren ist es das Maximum an Freiheit, sich von einer Abhängigkeit in eine andere zu retten, die Männer bewegen sich viel selbstverständlicher in der Welt. Sie geben aus der Perspektive der Erzählerinnen kuriose Rationalisten ab. "Wünsche sind Gespenster, die sich auflösen, wenn man das Licht des gesunden Menschenverstandes einschaltet", schreibt Lispector in "Die Flucht": "Warum sind Ehemänner der gesunde Menschenverstand?" Das weibliche Ich spaltet sich in diesen Erzählungen häufig in einen Teil, der sich dem bürgerlichen Glück "ohne glücklich zu sein" anzupassen versucht und einen Teil, der eigensinnig und grausam sein kann und mit der Tierhaftigkeit des Daseins in Verbindung gebracht wird.

Die seelischen Folgen fehlender Gleichberechtigung, die Clarice Lispector beschreibt, ähneln in vielem dem, was zwei Jahrzehnte später die Feministin Betty Friedan in "The Feminine Mystique" analysierte: Man erwarte, heißt es in dem Klassiker der Frauenbewegung von 1963, von der Mittelklasse-Hausfrau, in der Sorge um Mann, Haushalt und Kinder aufzugehen, aber es nage an ihr ein geheimnisvolles Unglück. Wie Lispector in der titelgebenden Geschichte des Bandes schreibt, findet sie sich "enttäuscht, resigniert, vollgestopft, verheiratet, zufrieden, mit einer vagen Übelkeit" wieder. In der Nachkriegszeit, erklärte Friedan, drohte man hinter den relativen Fortschritt der Emanzipation zurückzufallen, der Frauen Zugang zu den Universitäten verschaffte, und auch hinter ihre selbständigere Rolle in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Als Ehefrau und Mutter sollten sie sich wieder am Ziel ihrer Wünsche fühlen, egal was sie vorher gedacht und geträumt hatten. An die daraus erwachsenden Schuldgefühle, Ersatzbefriedigungen und die (Auto-)Agressivität der suburban housewife erinnern heute noch die Werke von Sylvia Plath und die weiblichen Figuren der Serie "Mad Men".

Clarice Lispectors Leben ähnelte diesem eigentlich in der US-amerikanische Gesellschaft beobachteten Schema - und auch wieder nicht. Sie wurde als Tochter jüdischer Eltern 1920 in Tschetschelnik, Podolien geboren, in der heutigen Ukraine. Ihre Familie floh vor grassierenden anti-jüdischen Pogromen 1922 nach Brasilien. Ihre Mutter war von russischen Soldaten vergewaltigt und mit Syphilis angesteckt worden. Eine Folge der Krankheit war eine zunehmende Lähmung, an der sie später starb. An die Stadt Recife im am weitesten in den Atlantik ragenden Winkel Brasiliens hatte Clarice ihre prägenden Kindheitserinnerungen. Unter dem integralistischen Regime, der brasilianischen Version des Nationalsozialismus, lebte die Familie weiter in Angst vor antisemitischer Verfolgung. Clarice Lispector begriff sich später ganz als Brasilianerin, behielt aber vom Jiddischen ihrer Eltern in der gesprochenen und der geschriebenen Sprache eine Fremdheit zurück, die einen Teil ihrer Faszination ausmacht. In Übersetzungen überträgt sich das nicht unbedingt, auch wenn sie selber ihre Übersetzer mahnte, es zu versuchen.

1937 begann Clarice ein Jurastudium, arbeitete als Journalistin, veröffentlichte die ersten Erzählungen, schrieb "Nahe dem wilden Herzen", hatte Erfolg und heiratete einen Diplomaten. Dessen Stationen führten sie unter anderem nach Neapel und Bern. Spätestens in der Schweiz langweilte sich Clarice in ihrer dekorativen Funktion als Diplomatengattin, litt unter Heimweh und Schreibblockaden. Sie bekam einen Sohn, lebte in Washington, D. C. eine Weile wirklich als suburban housewife, bekam einen zweiten Sohn, verließ ihren Mann und kehrte 1959 nach Brasilien zurück, wo man sie fast vergessen hatte. Als Autorin verschiedener Zeitschriften und mit dem Roman "Apfel im Dunkeln" (1961) wurde sie dann endgültig berühmt.

Lispectors Ei ist konkreter Gegenstand und zugleich sein Urbild und universelles Symbol

Aus diesen verschiedenen Zeiten ihres Lebens stammen die Erzählungen des neuen Bandes. Man merkt, wie ihre literarische Souveränität daran wächst. Einzigartig ist Clarice Lispector, wo melancholische Ironie ihre Sätze trägt. Eine sehr kurze Geschichte beginnt mit dem Satz: "Sie war ein Sonntagshuhn. Noch am Leben, weil es erst neun Uhr war." Die Henne ahnt, was ihr blüht, sie flieht, und einen Moment sieht es aus, als käme sie davon: "Dumm, schüchtern und frei. Nicht triumphierend, wie es ein Hahn auf der Flucht gewesen wäre. Was in ihren Eingeweiden machte aus ihr ein Wesen?", fragt die Erzählerin in plötzlichem Ernst.

Dann kommt die Antwort: Der "Hausherr" zerrt die Henne an den Flügeln zurück in die Küche: "Und da geschah es. Aus purer Gehetztheit legte die Henne ein Ei." Die Familie ist voller Ehrfurcht für "die frischgebackene Mutter. Während diese ihr Junges wärmte, war sie weder sanft noch scheu, auch nicht fröhlich oder traurig, sie war nichts, sie war eine Henne." In derselben Gleichzeitigkeit steht sie für eine weibliche Figur - und ist doch nur eine Henne: Der "Ausdruck ihres leeren Schädels", schreibt Lispector, sei "derselbe, der am Anbeginn der Zeiten entworfen wurde. Nachdem die Henne verschont wurde und Clarice Lispector noch eine Weile beschreibt, wie sie im Haushalt der Familie weiterlebt, geht der letzte Satz wie eine Klinge durch die Seite: "Bis sie sie eines Tages umbrachten und aßen, und dann vergingen wieder Jahre." Die existenzielle Komik der Parabel "Eine Henne" steht in einsamer Größe.

Wie ein philosophischer Kommentar wirkt dazu die für Lispectors Werk zentrale Erzählung "Die Henne und das Ei". Sie selbst kommentierte, "wenn Sie versuchen, die Geschichte rein verstandesmäßig zu begreifen, wird sich alles, was gesagt wird, Ihrem Verständnis entziehen." Diese Geschichte ist auch ein Parallelfall zu Georges Batailles berühmter "Geschichte des Auges", die mit der phonetischen Ähnlichkeit der Wörter für "Ei" und "Auge" im Französischen spielt und beide als obskure Objekte durch die Begierden seiner Figuren gleiten lässt. Lispectors Ei ist konkreter Gegenstand und zugleich sein Urbild und universelles Symbol. Dadurch wird es zum semantischen Passepartout: "Dem Ei widme ich die Nation China", heißt es: "Denkt das Ei über mich nach?" Zur Über-Metapher Ei verhält sich die Henne als Über-Kreatur: "Damit das Ei die Zeiten durchqueren kann, existiert die Henne". Und à propos: "Was die Frage angeht, wer zuerst da war, so hat das Ei die Henne gefunden." Mit überlegener Leichtigkeit nimmt Clarice Lispector in diesen kurzen Hühner-Geschichten ihren Ruf als große Mystikerin an.

Clarice Lispector: Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau. Sämtliche Erzählungen I. Aus dem Portugiesischen von Luis Ruby. Penguin, München 2019. 415 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 06.02.2020

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