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Haus der Kunst:Schönheit verpflichtet

München:  HAUS DER KUNST - Aufbau POSTWAR

Ein Entwurf für die Eingangshalle im Haus der Kunst von Max Ott.

(Foto: Johannes Simon)

1945 entschieden sich die Amerikaner dafür, Hitlers monumentalen Kunstbau in München weiter zu nutzen. Ausstellungen sollten zur Umerziehung beitragen.

Von Ira Mazzoni

Der Abriss von Hitlers Kunstpalast in München kam nicht infrage. Geschickt getarnt hatte das "Haus der deutschen Kunst" genauso wie die Gebäude der NSDAP-Parteizentrale am Königsplatz den Krieg fast unbeschädigt überstanden. Pragmatisch entschied sich die amerikanische Militärregierung für eine Umnutzung.

Mit seiner intakten Gastronomie bot sich die monumentale Kunsthalle als Offizierskasino der Siegermacht an. In den Büros an der Straßenseite kamen unter anderem Läden und ein Friseur unter. Auf die Marmorböden der Ausstellungshalle wurden die Linien eines Basketballfeldes aufgezeichnet. Die alte "Ehrenhalle" - der Kunst-Propagandaraum Hitlers schlechthin - mutierte zeitweise zum Jazzklub. Die Amerikaner waren begeistert: In ihrer Zeitschrift "The Munich American" hieß es im Juni 1950, das Haus der Kunst sei für viele, die seit 1945 durch seine Portale gegangen sein, eines der "schönsten Gebäude" der Stadt und ein "Must to visit, when in Munich". Die Amerikaner nutzten das Haus noch bis 1955 als Officers' Club.

Der amerikanischen Militärregierung lag daran, das kulturelle Leben schnell wieder aufleben zu lassen. Die alte, gerettete Kunst aus den zerstörten Museen sollte trösten, die zeitgenössische, vor allem abstrakte Malerei wachrütteln. "Extreme Kunst" - so der Titel einer von den Amerikanern lizenzierten Wanderausstellung, war als Antithese zur Kunstdoktrin der Nationalsozialisten gedacht. Zum Programm der Re-Education gehörte selbstverständlich auch die Rehabilitierung jener Künstler, die zuvor als "entartet" gebrandmarkt und aus den Museen und Ausstellungshäusern verbannt worden waren. Alle drei Strategien sollten die Deutschen in die internationale Kulturgemeinschaft zurückholen. Entsprechend beschwor die Süddeutsche Zeitung in ihrer ersten Ausgabe am 6. Oktober 1945 "Moderne Kunst als Hoffnung".

Als Ausstellungsorte etablierten die Amerikaner zunächst den Lichthof des Central Collecting Point in der ehemaligen Parteizentrale der NSDAP, das Amerikahaus, das 1948 im ehemaligen Führerbau unterkam, und schließlich den Westflügel im "Haus der Kunst" - ab 1946 ohne nationale Einschränkung.

Peter A. Ade etablierte im Haus der Kunst ein internationales Programm

Mit der großen, 300 Werke umfassenden, von Ludwig Grote zusammengestellten Schau "Der Blaue Reiter" seien die Marmorhallen 1949, rechtzeitig zur Gründung der Bundesrepublik, endgültig entnazifiziert worden, bemerkte Staatssekretär Dieter Sattler in seiner Eröffnungsrede. Im selben Jahr startete wieder die autonome Große Kunstausstellung der im Nationalsozialismus aufgelösten lokalen Künstlerverbände, die sich zur "Ausstellungsleitung e. V." zusammenschlossen. An der ersten Ausstellung beteiligten sich unter anderen Max Beckmann und Otto Dix. In Folge war auch die "Gruppe der Gegenstandslosen", die sich im Juli 1949 in der Galerie Stangl formiert hatte und bald "Zen 49" nannte, gut vertreten.

Indes sorgte Peter A. Ade in den 1950er- Jahren für ein zunehmend internationales Programm im Haus der Kunst mit internationalen Leihgaben und diplomatischen Kooperationen. Bei der Vermittlung von Kontakten mischten allerdings auch die Kunsthändler und Agenten mit, die während des Nationalsozialismus verfemte Kunst ins Ausland und unter der Hand an Privatsammler verkauft hatten, die auch gerne vorauseilend die Museen zum Tausch Moderne gegen überteuertes Biedermeier gedrängt hatten. So bot etwa Wolfgang Gurlitt, der sich im Galeriebau am Hofgarten niedergelassen hatte, an, sein gesamtes "Kokoschka-Material" für die Retrospektive 1958 zur Verfügung zu stellen. Einzige Bedingung: die Nennung seiner Galerie in der Presse. Von alten Netzwerken zeugt auch die Besetzung des Arbeitsausschusses der Munch-Ausstellung 1954/55, da ist neben den Generaldirektoren der Museen in Köln, Leopold Reidemeister, und München, Ernst Buchner, auch Erhard Göpel beteiligt, der mitverantwortlich für den Kunstraub in den Niederlanden und in Frankreich war. Es stünde dem Historischen Archiv des Hauses der Kunst gut an, solchen Netzwerken einmal nachzugehen: Wer waren die Vermittler, die Leihgeber, die Macher?

Die klassische Moderne Frankreichs spielte im Aussöhnungsprozess eine große Rolle. Zu den Höhepunkten der Ausstellungsreihe zählte allerdings die große Picasso-Schau 1955, die mit "Guernica" im Zentrum von Hitlers Kunstpalast ein bewegendes Zeichen gegen die deutsche Barbarei setzte und zugleich mit dem aktuellen Anti-Kriegsbild "Massacre en Corea" aus dem Jahr 1951 die Kunst in die Pflicht nahm, jederzeit für Humanismus einzustehen.

Im Rahmen der Postwar-Ausstellung, die dem weltweiten Moderne-Aufbruch nachspürt, verweist die Archiv-Galerie des Hauses explizit auf die Ausstellung brasilianischer, neokonkreter Kunst im Jahr 1959. Es war keinesfalls der erste deutsch-brasilianische Kunstaustausch. 1951 hatte in Sao Paolo die erste Biennale stattgefunden, die im Namen der Freiheit und der Wirtschaft diplomatische Beziehungen knüpfen sollte. Max Bill wurde dort groß geehrt. Der Rheinische Kunstverein in Düsseldorf unter Leitung von Hildebrand Gurlitt holte bereits 1954 brasilianische Kunst nach Deutschland und durfte sich höchsten politischen Wohlwollens sicher sein. Bei der Biennale in Sao Paolo 1959 war Westdeutschland mit expressionistischen Werken sowie zeitgenössischer Kunst - etwa Rupprecht Geiger, Karl Hartung und Emil Schumacher vertreten.

Nach Auszug der Amerikaner aus dem Haus der Kunst 1955 wurde das "most beautiful building" zum Problem: Die Architektur sollte endlich auch entnazifiziert werden. Entwürfe des Architekten Max Ott aber zeigen, wie kleinlich diese Ansätze waren. Glastüren am Eingang und abgehängte Decken wirken eher hilflos. Inzwischen dürfte es Konsens sein, dass die historische Architektur mehr zu denken gibt.

© SZ vom 12.10.2016
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