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Habib Tengour:Eine Revolution, wie es noch keine gab

Der algerische Lyriker berichtet von der Begeisterung eines Landes, das seine Kräfte wiederentdeckt.

Algerien kommt nicht zur Ruhe, und viele finden: zum Glück. Seit Wochen dauern die Proteste schon an. Zuerst gegen die Kandidatur des Endlos-Präsidenten Abdelaziz Bouteflika, nun, da er seine Kandidatur zurückgezogen hat, gegen die heimliche Machtsicherung. Der algerische Lyriker, Anthropologe und Soziologe Habib Tengour ist gerade aus Algerien zurückgekehrt und beantwortet Fragen per Email. Seine Antworten sprühen vor Hoffnung.

SZ: Ihr stärkster Eindruck in Algerien?

Habib Tengour: Ich bin aufgewühlt und auch dankbar der algerischen Jugend gegenüber, die einem ganzen Volk den Weg gewiesen hat. Ohne zu glauben, dass er eintritt, habe ich mir einen solchen Moment immer gewünscht. Ich habe in all den Jahrzehnten an vielen Demonstrationen teilgenommen, aber zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit 1962 - damals war ich 15 - schreit ein Volk seine Freude auf den Straßen heraus. Die Menschen lachen und singen, Frauen, Kinder, Männer, alle Altersklassen. Ein Volk im Freudentaumel fordert seine Freiheit, einen Rechtsstaat. Einer der Slogans lautet: "1962 = Befreiung des Landes. 2019 = Befreiung der Menschen". Natürlich gibt es die Angst, dass morgen alle Illusionen platzen, aber das will ich mir nicht ausmalen.

Bouteflika hat mit dem Rückzug seiner Kandidatur die Lage nicht entschärft?

Bouteflika existiert nicht mehr. Er existierte schon während seiner vierten Amtszeit nicht mehr. Nachdem die Algerier zunächst spontan aufbegehrt haben gegen seine fünfte Amtszeit, verlangen sie jetzt den Abgang des gesamten Systems. "Système dégage, le peuple s'engage" - das ist der Slogan, hinter dem sich alle versammeln: Hau ab, System, das Volk engagiert sich. Keiner traut Bouteflika, seiner Entourage, den beiden regierungstreuen Parteien, ja nicht mal mehr den Oppositionsparteien zu, dass sie eine "zweite Republik" errichten können. Die Leute rufen "Alles Lügner und Diebe". Sie wollen neue Repräsentanten, die nichts mit den alten Machenschaften zu tun haben.

Referendum in Algerien, 1961

Algerische Frauen 1962 bei der Stimmabgabe in einem Wahllokal in der Kabylei im ländlichen Algerien während des Referendums über die Unabhängigkeit. Heute lautet der Slogan der Demonstranten: "1962 = Befreiung des Landes. 2019 = Befreiung der Menschen."

(Foto: UPI)

Haben die Proteste Sie überrascht?

Was mich überrascht hat, ist ihre Wucht. Nachdem um das Jahr 2000 die letzten islamistischen Widerstandsgruppen geschlagen wurden, gab es mehrere Protestwellen, die aber immer lokal blieben. In den sozialen Medien machte sich die junge Generation Luft gegen ein korruptes Gewaltregime, das ihren Beschwerden gegenüber taub war. Ich staune über das politische Niveau und gesellschaftliche Bewusstsein der Demonstranten und den beißenden Humor ihrer Slogans. Sie konterkarieren alle Klischees über die Algerier: Es heißt, sie seien gewalttätig und aggressiv, und jetzt marschieren sie friedlich und trage Gandhibilder durch die Straßen. Sie gelten als misogyn, ja als Volk von Vergewaltigern, aber auf den Straßen demonstrieren Männer und Frauen miteinander und überbieten einander an Höflichkeit. Sie gelten als schmutzig und räumen nach den Demos auf. Weil sie die Macht der Bilder kennen, nutzen sie sie zu ihrem Vorteil.

Wer demonstriert? Arbeiter? Studenten? Digitale Mittelklasse?

Alle. Und es werden täglich mehr.

Während des Bürgerkrieges standen die Intellektuellen und Künstler im Visier der Islamisten. Welche Rolle spielen die Intellektuellen heute?

Die Macht hat immer nach Leuten gesucht, die Loblieder auf sie singen. Die unabhängigen Intellektuellen wurden vom Regime aber marginalisiert. Zu Beginn der Unabhängigkeit ging es darum, einen modernen Staat aufzubauen, um das Land aus der Unterentwicklung herauszuführen. Deshalb wurde die "sozialistische Option", die Houari Boumedienne predigte, der Präsident von 1956 bis 1978, grundsätzlich positiv begleitet. Umso schärfer war dann die Kritik am Bankrott dieses Systems ab den achtziger Jahren. Die Vordenker der islamistischen Bewegung agitierten gegen die "sozialistische Ausrichtung". Die Schriftsteller, Künstler und viele Professoren kämpften hingegen für Meinungsfreiheit.

Welche Rolle spielen die Islamisten? Als sie 1991 um ihren Wahlsieg gebracht wurden, brach der Bürgerkrieg aus mit Hunderttausenden Toten in den nächsten zehn Jahren.

Vorläufig warten die Islamisten ab, wie alle anderen Oppositionskräfte. Sie schauen, ob sie auf den Zug aufspringen können. Aber es ist auffällig, dass die Demonstranten keine islamistischen Slogans rufen, obwohl die Gesellschaft tief von Religion, ja reaktionärer Bigotterie geprägt ist. Die meisten Algerier scheinen dem politischen Islam zu misstrauen. Die tiefen Wunden der "schwarzen Dekade" sind noch nicht verheilt.

Habib Tengour, 2004

Der Lyriker, Soziologe und Anthropologe Habib Tengour, geboren 1947 im algerischen Mostaganem, lebt seit 1959 in Frankreich. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt der Roman "Der Fisch des Moses" (Haymon Verlag).

(Foto: Brigitte Friedrich)

Was fordern die Protestierenden?

Sie wollen freie Bürger in einem demokratischen Staat sein. Die jungen Menschen bilden die Mehrheit der Bevölkerung und wollen unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten und leben statt gezwungen zu sein, auf winzigen Booten in ihr Unglück aufzubrechen. Dies ist eine friedliche Revolution für einen radikalen Wandel und nicht nur für den Abgang von Bouteflika. Die Algerier wissen, dass das ohne die Unterstützung der Armee kaum zu schaffen sein wird. Deshalb lautet einer der populärsten Slogans: "Die Armee und das Volk sind Brüder". Im Moment wartet die Armee ab. Ich glaube aber nicht, dass sie die Bewegung niederschlagen werden, sie sehen ja, wie riesig der Protest ist.

Welche Vorbilder haben die Proteste? Den Arabischen Frühling wohl eher nicht.

Die Slogans und Forderungen knüpfen an das Ideal aus dem Befreiungskrieg gegen Frankreich an: ein freies und demokratisches Algerien. Man orientiert sich an den Opfern der Märtyrer des damaligen Aufstands - und zeigt dem Regime, dass es die Revolution pervertiert hat und nicht würdig sind, das Land zu führen. Die Algerier haben während des arabischen Frühlings zwar stillgehalten, sie haben aber alle mit angehaltenem Atem verfolgt. Sie waren noch traumatisiert vom Bürgerkrieg und wollten auf keinen Fall, dass das Land wieder im Chaos versinkt. Sie befürchteten Destabilisierungsmanöver, zumal das Regime mit genau dieser Angst spielte.

In Beschreibungen ist oft die Rede von der "Macht", die das Land regiert, dem "pouvoir", das Sie auch zitieren. Wer ist das und wie gefährlich sind die Proteste für diese heimliche Herrschaft?

Eigentlich hat das Militär die Herrschaft inne. Die Armee mit ihren Sicherheitsdiensten ist die einzige organisierte Kraft. Sie hat im Sommer 1962 mit der "Oujda-Gruppe" die Führung übernommen und sich immer wieder neu strukturiert. Erst haben sie die Diktatur der Einheitspartei installiert und auf den Sozialismus gesetzt, dann einem Pseudo-Liberalismus das Wort geredet, gern mit dem Schreckgespenst des Islamismus gedroht. "Die Macht" in Algerien ist so undurchsichtig wie die Mafia. Es gibt Absprachen zwischen Generälen und Geschäftsleuten. Als Präsident Muhammad Boudiaf dieser "finanzpolitischen Mafia" das Handwerk legen wollte, wurde er 1992 umgebracht. Seither hat sich niemand mehr an das Thema herangetraut.

Schauen Sie optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Ich war kurzfristig immer pessimistisch und langfristig optimistisch, schon weil ich an das algerische "Genie" geglaubt habe, daran, dass den Algeriern so wichtig ist, welches Bild sie in der Welt abgeben. Das alles muss zu einem demokratischen Staat führen. Ich glaube wirklich, dass wir eine Revolution erleben, wie es noch keine gab.

© SZ vom 27.03.2019

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