Großprojekte in Deutschland Keine Kraft mehr zu gestalten

Olympiabewerbung "Nur die Großen verdienen daran" Video
Videoumfrage nach Olympia-Bürgerentscheid

"Nur die Großen verdienen daran"

Nirgendwo sonst in München haben so viele Menschen die Olympiabewerbung abgelehnt wie in Au-Haidhausen. Wir haben einen Tag nach dem Bürgerentscheid nachgefragt: Wieso ist das Ergebnis so eindeutig ausgefallen?

Das ist man aber auch deshalb, und hier haben wir auf Dauer ein Problem, weil man als Gesellschaft insgesamt recht müde geworden ist. Weil man überaltert, saturiert, gegenwartsbequem und risiko-avers ist. Weil man Angst vor Veränderungen hat, vor Baustellen und Blaupausen, vor Chancen und Risiken. Weil man auf dem Manufactum-Sofa inmitten eines neobiedermeierlichen Zeitgeistes verharrt. Uns ist vor lauter Sorge und Bewahrung die Kraft abhandengekommen zu gestalten.

Möglicherweise verkennen wir die Leistungen in der Vergangenheit, die ohne Bagger nicht denkbar wären. Die Baustellen von einst bieten uns heute das Zuhause, das wir vor Sanierung und Ausbau bewahren wollen. Als Hans-Jochen Vogel als damals jüngster Oberbürgermeister einer europäischen Metropole die Spiele Mitte der Sechzigerjahre nach München holte, war unser Land mit Blick auf 1936 hungrig nach Veränderung. Es war ein Sehnsuchtsort, der Kräfte mobilisieren konnte. Auch die der grandiosen Selbstüberschätzung. Niemand wusste damals, ob man die Spiele würde stemmen können, ob die Architektur überhaupt in diesem Maßstab baubar wäre und wie teuer das alles sein würde.

Es war im Grunde ein Himmelfahrtskommando, wenig bis gar nicht demokratisch, intransparent und am Ende um 1800 Prozent teurer als geplant. Vogel sagte einmal: "Eine Gesellschaft muss die Kraft aufbringen, dafür auch einmal eine Kostenexplosion hinzunehmen." In Zeiten, in denen man ernsthaft den (wenn auch bischöflichen) Kleinbürgertraum einer freistehenden Badewanne in aller Öffentlichkeit diskutiert, wäre Vogel bereits zurückgetreten, bevor er das Wort "Kostenexplosion" auch nur ausgesprochen hätte.

Olympiabewerbung Rebellion gegen den Kommerz

Nein zu Münchner Olympia-Bewerbung

Rebellion gegen den Kommerz

Die Idee, in Oberbayern Winterspiele auszurichten, war weit weniger gewagt als andere deutsche Großprojekte. Die Ablehnung der Bürger überrascht daher in ihrer Deutlichkeit. Für das Internationale Olympische Komitee ist die Wucht der Ablehnung bedrohlich.   Ein Kommentar von René Hofmann

Deutschland braucht diese Spiele nicht

1972: Das war selbstverständlich Gigantismus und Kraftmeierei. Nicht aber, um ein wiedererstarktes, sondern ein wiederbeseeltes Deutschland vorzuführen. Und es war und ging gut. Kein Zweifel, München 1972 würde es heute nicht mehr geben. Man würde die Pläne eines völlig unbekannten Architekturbüros und die utopistische Vorstellung einer U-Bahn dem Bund Naturschutz und der Schwabinger Mitte der Gesellschaft vorlegen und sich daraufhin von alledem verabschieden. Was aber kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt ist. München 2022: Das hätten die ökologischsten und nachhaltigsten Spiele der Welt werden können.

Natürlich: Deutschland braucht diese Spiele nicht. Ob es aber diesen selbstgerechten Verdruss braucht? Dieses Ego-Status-quo-Denken, das - egal, ob Olympia-Bauten und Schneekanonen, Windkraftanlagen und Hochspannungsleitungen, Bahnhöfe und Umgehungsstraßen, Kita-Anbau oder Flüchtlingslager - vor allem daran interessiert ist, dass sich im eigenen Vorgarten nichts tut? In den USA, wo die Nimby-Kriege bekannt sind, ist dieser Vorgarten der Hinterhof. Nimby bedeutet wörtlich: Not In My Back Yard - nicht in meinem Hinterhof. Ob dieser Hinterhof nun Traunstein oder München, Stuttgart oder Berlin-Brandenburg heißt, spielt keine Rolle. Im Einzelfall und im Detail kann man die Kritik an Großvorhaben gut verstehen. Kritik liegt in der Natur der Demokratie und führt idealerweise zu Korrekturen und Verbesserungen. Jetzt innezuhalten: Daran ist etwas Gutes. Zudem bietet sich dann die Chance, sich zu fragen, ob man wirklich für alle Zeit das Dorf von Asterix sein will, für das man sich hält.