bedeckt München 23°
vgwortpixel

Großformat:Ein Sturzflugplan

Mit der Verfilmung seiner "Dreigroschenoper" hatte Bertolt Brecht Großes vor, das zeigen seine Notizen aus dem Jahr 1930 - und auch, warum das Projekt für ihn so desaströs scheiterte.

Der Sommer 1930, in dem Bertolt Brecht die Notizen dieser Seite machte, der Sommer am Ammersee, wohin er sich oft und auch in diesem Jahr zurückzog, begann mit produktiver Unruhe und endete vor Gericht. Und diese Stichworte in Rot oder Schwarz, vier Punkte, kaum leserlich, waren eine wesentliche Quelle des Konflikts. Zwei Jahre vorher hatte Brechts "Dreigroschenoper" im Berliner Theater am Schiffbauerdamm triumphiert (das Schwarz-Weiß-Foto (Foto: Bertolt Brecht-Erben) zeigt Brecht links neben der Jenny-Darstellerin Lotte Lenya und dem Komponisten Kurt Weill wahrscheinlich bei Proben). Ende Mai 1930 hatte er mit der Produktionsgesellschaft Nero-Film einen Vertrag über die Kinoadaption seines Werkes abgeschlossen. Im Herbst sollte Drehbeginn sein, Brecht würde über den Sommer das Drehbuch liefern. Nach damaligen Maßstäben war das nicht viel Zeit, nach heutigen ein Sturzflugplan.

Brecht hatte einiges vor mit dem Film, er wollte das zu kommerzielle, zu bequeme Medium aufrütteln und umstürzen. Also schrieb er am Ammersee neben der Arbeit an anderen Werken jene Punkte auf, die die "Dreigroschenoper" in vier Schritten von der Bettlerromanze der Bühne in kapitalismuskritischen Sprengstoff für den Film überführen würden. Er notierte die vier Hauptpunkte in Rot: 1. "Liebe und Heirat der Polly Peachum", 2. "Die Macht des Bettlerkönigs", 3. "Die historische Gründung der N.D.-Bank", also der National Deposit Bank, dann viertens, auf dem nächsten Blatt, den "Traum des Polizeipräsidenten". Dazwischen schrieb er von der "Verhaftung des M. im Sumpf von Highgate", also des Macheath, der "Befreiung des M.", einer "Eifersuchtsszene" und der "Verweigerung der Auszahlung an P.", also Polly Peachum. Dass Polly, Tochter des Bettlerkönigs Peachum und Frau von Mackie Messer, Bankchefin werden würde, dass der Polizeipräsident Albträume vom Aufstand der Armen und Elenden bekommt, die niemand mehr zügeln kann und die den Staat und die Ordnung schlechthin bedrohen - das waren politische Zuspitzungen, die weit über die Bühnenversion hinaus gingen.

Screenshot: Film SWR: Brecht - Die Kunst zu Leben

Brecht links neben der Jenny-Darstellerin Lotte Lenya und dem Komponisten Kurt Weill, vermutlich bei Proben.

(Foto: Bertolt Brecht-Erben)

Die Zerrüttung zwischen Brecht und der Berliner Produktionsgesellschaft vollzog sich dann offenbar im Wochentakt: Die Nero-Film schickte einen Drehbuchschreiber an den Ammersee, Leo Lania, dem Brecht aber kein fertiges Drehbuch vorlegte, sondern nur ein paar Ideen, was die Nero-Film umso mehr verunsicherte, als sich alles mehr und mehr von der Ursprungsburleske entfernte und viel zu politisch wurde. Am 18. August drohte die Nero-Film dann Brecht mit der Kündigung als Drehbuchautor, am 23. August kündigte sie ihm schließlich schriftlich. Dann begannen die Dreharbeiten ohne Brecht, während dieser inzwischen ein etwas ausführlicheres Treatment für einen Film verfasst hatte, acht bis zehn Seiten lang. Titel: "Die Beule".

Bertolt Brecht hatte längst einen neuen Plan. Er wollte, wie seit dieser Woche auch Joachim Langs Film "Mackie Messer" im Kino erzählt, gegen die Nero-Film vor Gericht ziehen, die verdorbene Filmindustrie entlarven, die dem Geld hörige Justiz, kurz, den Streit in ein "soziologisches Element" verwandeln. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er die beiden Seiten aus seinem Notizbuch, die unser Großformat zeigt, auch während des Prozesses vorgelegt hat.

© SZ vom 15.09.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite