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Großautor und Großkritiker :Die Zwangsehe

Günter Grass stellt sein neues Buch 'Ein weites Feld' vor

Im April 1995, noch vor Erscheinen des Buches, las Günter Grass auf Einladung von Marcel Reich-Ranicki im Jüdischen Gemeindehaus in Frankfurt am Main aus seinem Roman "Ein weites Feld".

(Foto: Kleefeldt/picture-alliance/dpa)

Flott erzählt, aber leider kein Essay zur Literaturkritik: Volker Weidermann schildert in "Das Duell" den Schaukampf zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki.

Beim letzten Treffen der Gruppe 47 im Hotel Kleber-Post im Saulgau - "rosa Tapeten, geraffte Store-Gardinen, Kronleuchter und Spitzendecken", weiß der Chronist Volker Weidermann - beklagte Günter Grass, dass das deutsche Scheidungsrecht eine Trennung zwischen Autor und Kritiker nicht vorsehe. Denn schon damals, im Jahr 1977, war klar, der längst zum Nationalautor aufgestiegene Grass würde seinen leidenschaftlichsten Beobachter nicht mehr loswerden.

Marcel Reich-Ranicki war seinerseits zu einer Art Institution geworden - gerade hatte er, wie Weidermann zutreffend vermerkt, das Literaturressort der FAZ zu einem "persönlichen Machtapparat" ausgebaut. Grass hatte er schon fast zwei Jahrzehnte immer wieder rezensiert, mal hochgehoben, mal auf den Boden krachen lassen, oft beides im selben Text, einmal hatte er sich immerhin revidiert, nämlich für seinen ersten gönnerhaften Verriss der "Blechtrommel".

Das würde so weitergehen, und es ging so weiter, bis zum brutalen Doppelschlag gegen das "Weite Feld", das Reich-Ranicki 1995 im Spiegel und im "Literarischen Quartett" so vehement vernichtete, als wolle er beweisen, dass man die Todesstrafe zweimal verhängen kann. Damit allerdings war der Vulkan fast erloschen - an den Diskussionen zu Grass' jugendlicher Mitgliedschaft in der Waffen-SS beteiligte sich Reich-Ranicki nicht mehr, nur das missratene Israel-Gedicht von 2012 veranlasste ihn noch einmal zu einer kurzen Stellungnahme ("eine Gemeinheit", "Unsinn").

Hier der verfolgte Jude aus Polen, dort ein dummer deutscher Junge aus Danzig

Volker Weidermann hat seine Geschichte als "Duell" betitelt. Und zu Teilen war sie das auch, denn Grass reagierte auf seinen Kritiker, durch Gegenpolemiken und dadurch, dass er ihn in seine Romane aufnahm. Ein Hin und Her also. Die beiden führten einen Briefwechsel, gelegentlich wirkten sie im Literaturbetrieb zusammen. Trotzdem ist das kein Buch über Literaturkritik, sondern eine Doppelbiografie.

Weidermann beginnt also bei den deutsch-polnischen Anfängen seiner beiden Helden, und bevor sie erstmals zusammentreffen, ist mehr als ein Drittel des Buchs schon vorbei. Die Dramatisierung ist naheliegend und effektvoll: hier der verfolgte Jude mit seiner erschütternden Überlebensgeschichte, dort ein dummer deutscher Junge aus Danzig, der sich im letzten Moment des Kriegs zur Waffen-SS anwerben lässt. Dass Reich-Ranicki zu diesem Punkt übrigens schwieg, ist nicht einmal verwunderlich. Vermutlich hatte er nicht vergessen, was Grass schon 1979 bekannt hatte, als er sich fragte, was geschehen wäre, wenn er zehn Jahre früher auf die Welt gekommen wäre: "Es spricht nichts (oder nur Gewünschtes) gegen meine zielstrebige Entwicklung zum überzeugten Nationalsozialisten." Das Format der Doppelbiografie erlaubt es, vor allem für die Sechzigerjahre den politischen Einklang der beiden plastisch werden zu lassen, so in der gemeinsamen Bewunderung für Willy Brandt.

Nichts daran allerdings ist neu oder auch nur neu gesehen. Weidermann kompiliert das Bekannte, zu dem auch seine späte persönliche Vertrautheit mit Reich-Ranicki nichts Eigenes beiträgt. Für die Frühzeit seiner Protagonisten sind neben den autobiografischen Zeugnissen nur wenig andere Quellen greifbar.

Der Kritiker Reich-Ranicki agierte, was seine Gegenstände betraf, auf einem eng umgrenzten Gebiet

Weidermann entscheidet sich für eine geraffte Paraphrase, mit Elementen der erlebten Rede: "Wann endlich wird es ernst? Ernst für ihn, für seine Kameraden, für seine Stadt? Wie lange noch soll er Heldenberichte in der Wochenschau schauen, ohne selbst ein Held sein zu können?" Auf der anderen Seite: "Zwei Menschen sind frei. Teofila und Marcel. Frei in einer zerstörten Welt. Es ist der 7. September 1944. Niemand kümmert sich um sie. Sie sind schwach, dreckig, verlaust."

Wer das mag und die Originale noch nicht kennt, wird mit dieser raschen, routinierten Dramatisierung ein paar unterhaltsame Stunden verbringen. Tatsächlich erweckt Weidermann die Lust, nicht nur Reich-Ranickis "Mein Leben" noch einmal zu lesen, sondern sogar in verstaubte Grass-Bände wieder hineinzuschauen, vor allem in das Biografie und Politik verknüpfende "Tagebuch einer Schnecke" aus dem Jahr 1972. Könnte es sein, dass das gelebte Leben hinter diesen Büchern interessanter ist als diese selbst?

Wer sich das fragt, wird bedauern, dass Weidermann so gar keine Neigung zeigt, den Essay zur Literaturkritik zu schreiben, der in seinem Stoff auch steckt. Zu dem Metier, das er selbst ausübt, hat er sich alle Mühe des Nachdenkens erspart. Unentwegt spricht er von Reich-Ranickis leidenschaftlicher Liebe zur deutschen Literatur. Aber seine Interessen und deren Grenzen sind ihm keine Bemerkung wert. Als Kritiker ließ Reich-Ranicki Autoren wie Arno Schmidt, Hans Magnus Enzensberger, Heimito von Doderer, Ernst Jünger, später Thomas Bernhard, Peter Hacks, Heiner Müller so gut wie unbeachtet, er lehnte Peter Handke und Botho Strauß rundheraus ab. Der Literaturchef bewegte sich einem streng abgezirkelten Gebiet.

Dass der Großkritiker auch ein Literaturpolitiker war, eine Art CEO der Gegenwartsliteratur, interessiert Weidermann nicht. Darum kommen auch die parallelen Autor-Kritiker-Geschichten, vor allem die mit Martin Walser, nicht in den Blick. Reich-Ranickis Stellung in der lesenden Öffentlichkeit, die sehr schwankend war, bleibt ohne Beleuchtung, was auch damit zusammenhängt, dass Weidermann Reich-Ranickis Stil zwar zu Wort kommen lässt, ihn aber nicht charakterisiert.

Dass seit den Achtzigerjahren eine neue Generation von Lesern und Autoren - so die "Neue Frankfurter Schule" - über Ton und Rollenverständnis des Großkritikers eher belustigt war, gehörte schon in den Kontext einer Darstellung, die den großen Kritiker als Gegenüber des großen Autors exponiert. Weidermann zeigt einfühlsam, dass Reich-Ranicki lebenslang ein jüdischer Außenseiter blieb, wie spät dieser Umstand ein Thema der Öffentlichkeit wurde, macht er aber kaum bewusst. So konnte sich der Spott über den Literaturpapst ungebremst austoben.

Auch die Stellung des repräsentativen Nationalautors, die Grass so zielstrebig eroberte, geriet je länger je mehr ins Sperrfeuer von Hohn und Spott. Grass als zeitkritischem Stichwortgeber war zwar immer ungeteilte Aufmerksamkeit sicher, aber sein eher pompöses Rollenverständnis - im Kern: die Nachfolge Thomas Manns - wurde ihm immer weniger abgenommen. Doch wirkte es natürlich nach bis zur monumentalen Aufregung über seine lange verschwiegene Mitgliedschaft bei der Waffen-SS.

Solche Fragen gehören zur Sache von Weidermanns Buch, wie immer man dessen Genre einschätzt. Denn der große Schaukampf hatte literatursoziologische, medien- und pressegeschichtliche Voraussetzungen, die bis in den Schulunterricht reichen. All das ist heute schon tief vergangen. Es ist schade, dass Volker Weidermann, der ein so geschickter Erzähler ist, so wenig Lust auf Reflexion hat.

Volker Weidermann: Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 310 Seiten, 22 Euro.