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Groschenromane in der DDR:Pulp Fiction Ost

Die Heftchen wurden streng redigiert, Lektoren des Militärverlages forderten Umarbeitungen. Könnte der Held nicht Mitglied der Kommunistischen Partei sein?

(Foto: Stadtmuseum Gera)

"Geliebt, gehasst, geduldet": Eine Ausstellung im Stadtmuseum Gera über die bewegte und teils skurrile Geschichte des DDR-Groschenromans.

Von Ulrike Nimz

Im Blauhemd stehen sie am Scheiterhaufen, die Schülerinnen und Jungpioniere der 18. Grundschule in Berlin-Pankow. Mit ernster Miene übergeben sie dem Feuer, was der Staat "Schmutz- und Schundliteratur" nennt. Die dünnen Heftchen, kaum 40 Seiten, brennen wie Zunder.

Ein Fotograf hat die Szene 1955 festgehalten. Heute hängt das Bild im Stadtmuseum in Gera, wo die Sonderausstellung "Geliebt, gehasst, geduldet" der wechselhaften Geschichte des DDR-Groschenromans nachspürt, vom Brennstoff bis zum Sammlerstück. Kuratiert hat die Schau Matthias Wagner, seit 20 Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums. Als Halbstarker hat er selbst die ein oder andere "Dreckschwarte" gelesen. "In diesen Heftchen steckt so viel Kalter Krieg, so viel deutsch-deutsche Geschichte", sagt Wagner. "Und es gibt so gut wie keine Fachliteratur dazu." Also hat er sich hineingearbeitet in diese sonderbare Welt, in der immer jemand auf die schiefe Bahn gerät, scharf geschossen und heiß geliebt wird. An die 300 Hefte sind in Gera zu sehen. Sie stammen größtenteils von einem Privatsammler aus Sachsen, der anonym bleiben möchte. So als handle es sich bei der Leihgabe um Masturbationsmanuals wie Schüsselloch oder Das Magazin. Es hat ja einen Grund, warum in Videokonferenzen stets berstende Bücherwände zu sehen sind und nie Stapel vakuumierter Perry-Rhodan-Hefte. Den Ruf, Unterhaltung für seichte Gemüter, bestenfalls niedere Literatur zu sein, sind die geklammerten Romane nie ganz losgeworden. Wutbürgerliche Feuerrituale wie das in Ostberlin habe es in den Fünfzigerjahren auch im Westen des Landes gegeben, sagt Wagner. Die SZ warnte seinerzeit unter der Schlagzeile "Die Schule der jungen Mörder" vor dem Groschenroman als Inspirationsquelle für Schandtaten.

Im Osten beschwor die Obrigkeit wortgewaltig die Verirrung der sozialistischen Jugend, zog es jedoch bald vor, das ungeliebte Medium für politische Zwecke zu nutzen. Es ist die Geburtsstunde eines Genres irgendwo zwischen Pulp Fiction und Propaganda. Die Titelseiten von "Blaulicht" oder "Erzählerreihe" sind so grell und reißerisch wie die im Westen. "Bombe - Tod - Verdammnis - Hölle", sagt Wagner. Anders als in der BRD gab es in der DDR aber keine Themenreihen wie Arzt-, Western- oder Heimatromane. Stattdessen wurde die lockere Handlung um einen oft sehr eisernen Kern gestrickt.

Die braven Stallburschen lassen sich beinahe vom Westberliner Nachtleben blenden

Da ist der junge Kohlenträger, der endlich genug Geld für die ersehnte rote Lederjacke zusammengekratzt hat und unversehens ins Schmuggelbusiness abrutscht. In "Überfall auf den Zirkus" wollen westdeutsche Geschäftsmänner einem volkseigenen Schaustellerbetrieb wertvolle Dressurpferde stehlen. Die braven Stallburschen lassen sich beinahe vom Westberliner Nachtleben blenden, um am Ende geläutert auf den Pfad der Tugend einzuschwenken. Da sind die vier Sowjetsoldaten, die Schiffbruch erleiden und tapfer ihre Schuhsohlen essen, aber immerhin keinen Kameraden. Wagner hat Belege gefunden, dass sich einiges davon tatsächlich so oder so ähnlich zugetragen hat. "Eher so ähnlich", sagt er. Trotzdem seien die Geschichten so etwas wie Milieustudien der sozialistischen Gesellschaft. Beliebt vor allem dann, wenn Unterhaltung und Ideologie ausbalanciert waren. "Für eine spannende Geschichte war der Leser bereit, einiges zu ertragen."

Geht es in den Anfangsjahren der DDR-Groschenromane noch um Militärmärchen, verführte Proletarier und nächtliche Klassenkämpfe ("Gewehre in Arbeiterhand"), werden einige der späteren Reihen ihrem Namen schon gerechter: exotische Länder, Mord und Totschlag, Weltraumaction. Nummer 477 von "Das Neue Abenteuer" zeigt auf dem Cover Ameisenmenschen, die unter kalten Gestirnen ihre Herrschaft planen.

Nach Einzelgängern und Outlaws, wie sie die westliche Lasterlektüre hervorbrachte, musste man im Osten hingegen länger suchen. Sie passten nicht ins Weltbild des Sozialismus, der von seinen Helden immer auch den Dienst an der Gemeinschaft einforderte. Zwar gab es Harri Kander, einen Reporter mit Flugschein und französischer Freundin. Er durfte jedoch nur 15 Abenteuer erleben. "Sein Lebensstil kam dem allgemeinen Verständnis von Freiheit am Ende wohl doch zu nah", vermutet Wagner. Wenn jede Gesellschaft die Helden bekommt, die sie verdient, dann lässt sich festhalten, dass einer der erfolgreichsten Charaktere der DDR-Groschenromane ein Mann namens "Hauptwachtmeister Schmidt" ist.

Teenager wurden mit Trash angelockt, in der Hoffnung, sie würden zu Émile Zola wechseln

Allein im Jahr 1966 gab es im Osten sieben Reihen mit rund 80 Heften und einer Gesamtauflage von etwa 10 Millionen Exemplaren. Grafiker machten sich mit bonbonbunten Pop-Art-Covern einen Namen. Dazwischen immer wieder, nachgedruckt auf dünnem Papier, Klassiker der Weltliteratur: Émile Zola, Arthur Conan Doyle, Jack London. Irgendwann, so die Hoffnung, würde die Jugend schon auf den Geschmack kommen und auch mal ein "richtiges" Buch in die Hand nehmen.

Dass auch so ein Groschenroman sich nicht von allein schrieb, zeigt der Entstehungsprozess von "Die Nacht vor dem Schirokko". Karl Krulisch, ein Lehrer aus Gera, hatte 1973 eine Erzählung zum Klassenkampf in Süditalien angeboten. Monatelang gingen Exposés, Manuskripte und Fassungen hin und her. Immer wieder hatten die Lektoren des Militärverlages Einwände: Könnte der Held nicht Mitglied der Kommunistischen Partei sein? Und müsste der Schluss nicht optimistischer ausfallen? Krulischs Ehefrau hat dem Stadtmuseum den zähen Schriftwechsel zur Verfügung gestellt. Die 32-seitige Geschichte erschien schließlich 1977 - drei Jahre nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes.

1990 war Schluss mit der DDR und Schluss mit Ost-Pulp. Den gesamtdeutschen Markt beherrschten nun andere. Peter Mattek zum Beispiel, die "Ein-Mann-Soko" aus dem Bastei-Verlag, der im frisch wiedervereinigten Deutschland international gesuchte Verbrecher jagte. Titel der Reihe: "Der Bundesbulle".

"Geliebt, gehasst, geduldet - Groschenhefte in der DDR". Stadtmuseum Gera, bis 18. Oktober.

© SZ vom 11.07.2020

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