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Graphic Novel:"Nils" von Melanie Garanin

Von Meredith Haaf

Es wirkt vielleicht ein bisschen seltsam, wenn man über ein Buch, das von dem Tod eines Kindes handelt, schreibt, dass man es immer wieder anschauen und lesen will. Aber genau so verhält es sich bei der autobiografischen Graphic Novel "Nils. Von Tod und Wut. Und von Mut" (Carlsen Verlag). Geschrieben und gezeichnet hat es Melanie Garanin, Kinderbuchillustratorin und Spezialistin für extrem liebenswert-lustige Tierzeichnungen. Sie ist außerdem Mutter von vier Kindern. Das jüngste heißt Nils, was an Gänse und Selma Lagerlöf denken lässt, und so beginnt das Buch mit einer geradezu cinematischen Doppelseite, auf der man dem klitzekleinen Nils dabei zusieht, wie er aufgeregt fuchtelnd einen Schwarm Gänse kommentiert, während seine Mutter von Rührung und Liebe gebeutelt neben ihm kniet. Die nächste Doppelseite zeigt sie, kaum anderthalb Jahre später, auf dem Friedhof vor einem Kindergrab. Mit drei Jahren wurde bei Nils Leukämie diagnostiziert, bei einer guten Prognose. Während der Behandlung, die von einer klinischen Studie begleitet wurde, begann er unter sehr starken Bauchschmerzen zu leiden, doch obwohl ihm vielfach Blut abgenommen wurde, fanden die Ärzte keine Erklärung. Nach wenigen Wochen verstarb Nils - wie sich herausstellte, nicht an dem Krebs, sondern an den Folgen einer unerkannten Bauchspeicheldrüsen-Entzündung. Garanin "schreibzeichnet" den Weg ihrer Familie durch die vielen Stationen von Verlust. Die Zeit im Krankenhaus. Der Alltag mit Krankheit in einer Großfamilie und vielen Tieren auf dem Land, der irgendwie weitergeht und selbst nach dem Tod nichtganz die Farbe verliert. Der Schock und die langen, letztlich ergebnislosen Versuche, irgendjemanden für den Behandlungsfehler zur Rechenschaft zu ziehen. Bei all dem Schrecken gibt es in diesen vollen Bildern immer noch etwas Lustiges oder Tröstliches oder zumindest Wahres zu entdecken. "Wir werden immer, immer traurig sein, nie untraurig. Aber lass uns bitte versuchen, nicht immer, immer, immer unglücklich zu sein. Bitte", sagen die hinterbliebenen Eltern zueinander. Seltsam und wunderbar an diesem Buch: es ist so traurig und macht trotzdem glücklich.

© SZ vom 19.09.2020
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