Graphic-Novel "Mach's gut, Chunky Rice" Schildkröterich tut, was er tun muss

Er ist einer der Stars der Graphic-Novel-Szene - jetzt erscheint das Debüt von Craig Thompson auf Deutsch. "Mach's gut, Chunky Rice" kommt ein wenig puritanisch daher - dennoch ist die Geschichte um ein tierisch rührendes Liebespaar lesenswert.

Von Christoph Haas

Kein junger amerikanischer Comic-Zeichner ist in der letzten Zeit so gefeiert worden wie Craig Thompson. Ein gutes Stück zu Recht: Mit der 2003 erschienenen Graphic Novel "Blankets", der Geschichte einer schwierigen Jugendliebe, bewies der damals gerade 27-Jährige sein überragendes Talent als Autor und Zeichner. Ein Jahr später folgte das "Tagebuch einer Reise", in dem Thompson sich mit den Folgen seines plötzlichen Ruhms auseinandersetzte. Im letzten Jahr kam dann "Habibi" heraus, ein fast 700 Seiten starker Brocken, der von der Kritik enthusiastisch begrüßt wurde, aber arg unter dem überzogenen Ehrgeiz litt, mit dem der Autor orientalisierende Fantasy und diverse Zeitkritik zu verbinden suchte.

Schildkröter Chunky und Hirschferkel Dandel begeben sich in Craig Thompsons Debüt auf große Reise.

(Foto: Reprodukt Verlag)

Nun liegt auch das im Original schon 1999 veröffentlichte Debüt von Thompson auf Deutsch vor. Anders als seine folgenden Werke, die sich zeichnerisch mit ihrer Mischung aus karikaturistisch-humoristischen und realistischen Elementen stark an Will Eisner orientieren, ist "Mach's gut, Chunky Rice" im anthropomorphen Funny Animal-Stil gehalten. Die Titelfigur ist eine putzige Schildkröte; Dandel, die Freundin von Chunky, ist ein großäugiges "Hirschferkel". Die beiden leben in einer kleinen Hafenstadt, die außer ihnen nur von Menschen bewohnt wird. Sie sind ein rührendes Paar, bis Dandel zu Chunky sagt: "Du bist wie eine Blume, die zu groß geworden ist und die umgetopft werden muss, damit sie weiter wachsen kann." Also beschließt Chunky übers Meer zu fahren, zu den fernen Kahootney-Inseln.

Die jungen Liebenden haben ein doppeltes Gegenüber: ein zänkisches siamesisches Schwesternpaar, das im doppelten Sinne nicht voneinander lassen kann, und zwei versehrte Männer. Salomon, der Nachbar von Chunky, ist ein weichherziger, vierschrötiger Kerl, der nicht darüber hinwegkommt, dass sein roher Vater ihn als Kind gezwungen hat, einen ganzen Wurf Hundewelpen zu ertränken. Sein Bruder Charles ist der Besitzer des Schiffes, an dessen Bord Chunky geht. Charles ist autoritär und durchtrieben, hat aber ebenfalls seine inneren Schrammen: Er trauert Glenda nach, seiner verstorbenen Frau; seit ihrem Tod liebt er nur noch das Meer.

Sehnsucht nach Freiheit, Sehnsucht nach Geborgenheit - das ist der Widerspruch, der die Beziehungen der Figuren zueinander prägt. So zentral dieses Thema ist, Thompson deutet es überwiegend nur an. Evident wird es in einer Nebenhandlung. Salomon besitzt einen kleinen Vogel namens Merle, den er mit zerfetzten Flügeln am Strand gefunden hat. Gegen Ende wird klar, dass der Vogel sich diese Verletzung selbst zugefügt hat - er wollte offenbar von einem Menschen aufgenommen werden. Dennoch fliegt er eines Tages davon. Und ebenso unvermutet kommt er wieder zurück.

Rauch über dem Kopf der Reisenden

Das ist alles sehr kunstvoll erzählt; dennoch empfindet man bei der Lektüre ein kleines Manko: Thompson geht es vor allem um die Liebe, und gerade in ihrer Darstellung ist er etwas verklemmt. Herzen müssen heftig pochen, aber oft vergeblich, sexuelle Erfüllung ist nie in Sicht. Das gilt für "Blankets" und "Habibi" - dort lässt die männliche Hauptfigur sich sogar kastrieren -, und es gilt auch für "Chunky Rice": Wenn Dandel und Chunky sich im Zelt zärtlich aneinander kuscheln und das Kerzenlicht ausgeblasen haben - dann erzählen sie einander noch eine Gutenachtgeschichte. Zu diesem Puritanismus passt, dass Dandel brav, keusch und traurig zurückbleibt, während ihr Geliebter, auf dass er zum Manne reife, in die Welt zieht: Ein Schildkröterich muss halt tun, was ein Schildkröterich tun muss.

In zeichnerischer Hinsicht ist der Band dagegen ein reines Vergnügen. Allein die Split Panels, die Thompson öfter verwendet, sind wunderbar. So verteilt er etwa die Ansicht des Hauses, aus dem Chunky zu seiner Reise aufbricht, auf mehrere Panels. Neben und über diese fügt er noch weitere hinzu, Szenen, die unmittelbar zuvor im selben Haus passieren; so wird ein Mikrokosmos deutlich, der parallel zur eigentlichen Handlung existiert.

päter, als das Schiff mit Chunky das Land weit hinter sich lässt, steigt aus einem hohen Schornstein in der Stadt eine lange Rauchbahn auf, die sich durch drei Panels zieht und daher direkt über dem Kopf des Reisenden zu schweben scheint - da ist auf einer halben Seite bündig die Dialektik von Nähe und Ferne eingefangen, die diese Graphic Novel insgesamt bestimmt.

Craig Thompson: Mach's gut, Chunky Rice. Aus dem Englischen von Matthias Wieland. Reprodukt Verlag, Berlin 2012. 128 Seiten, 16 Euro.