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Graphic Novel:Durcherinnert

Fesselnd wie eine Netflix-Serie: Paulina Stulin erzählt in ihrem mehr als 600 Seiten starken autobiografischen Comic "Bei mir zuhause" vom Vor-Corona-Großstadtleben.

Von Martina Knoben

Autobiografische Comics gibt es viele, vor allem junge Zeichner erzählen häufig von sich. Die Aussicht auf ein weiteres Buch, in dem eine Autorin ihr Großstadtkünstlerleben spiegelt, begeistert deshalb nicht auf Anhieb. Tatsächlich sollte man Paulina Stulins "Bei mir zuhause" aber auf keinen Fall verpassen.

Die Episoden um ihre comiczeichnende Heldin, die von ihrer Dachwohnung aus auf die Stadt blickt, als Künstlerin zwischen flammendem Größenwahn und Selbstzweifeln schwankt, die jede Menge ebenso banaler wie gleichzeitig bedeutsamer Momente erlebt - dieser Strom von Lebenserinnerungen auf über 600 Seiten ist spannend wie eine Netflix-Serie und großartig gezeichnet.

Paulina Stulin wurde 1985 in Breslau geboren und studierte in Darmstadt und Krakau Kommunikationsdesign. "Bei mir zuhause" ist ihr dritter Comic-Roman. Dass er durch das serielle Erzählen, wie es die Streamingdienste populär gemacht haben, beeinflusst ist, davon darf man ausgehen. Fast Food und Kreationismus, Achselhaare und die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks, Liebeskummer und Feminismus, psychedelische Drogen, Hedonismus, die Last von Elternschaft - in diesem Buch geht es, kurz gesagt, um alles. Kein Wunder, dass ein kiloschwerer Comic-Klotz dabei entstanden ist, darin ein Sitten- oder besser Wimmelbild aus den späten Zehnerjahren des 21. Jahrhunderts: ein Bild wie wir (vor Corona) lebten.

Unterm Dach mit Blick auf die Stadt: Ihre Wohnung ist für Paulina Rückzugsort und Ausguck gleichermaßen.

(Foto: Paulina Stulin/Jaja Verlag)

Da kommt es auf jedes Detail an. Schön, wenn jemand sich selbst und die Welt so wichtig nimmt, dass er - oder vielmehr sie - so genau hinsieht. Sechs Comicseiten etwa nimmt die Zubereitung eines Baguettes ein, mit je eigenen Panels fürs Knoblauchhacken oder Sauerrahmanrühren. Jeder Handgriff wird praktiziert (und gezeichnet), als handele es sich um ein religiöses Ritual. Dazu philosophiert Paulina über die Erosion von Liebesbeziehungen - es ist eine von vielen wunderbaren Szenen.

Eindrucksvoll sind vor allem die Menschendarstellungen - Zeichnungen und Texte schaffen komplexe Miniporträts

Ein anderes Mal schleppt sie einen jungen blonden Typen ab, der dann Radio hören will beim Sex, Werbegequassel und Popgedudel, was Paulina so stört, dass sie noch in der Nacht zu einer Freundin flüchtet. Und weil sie bei einem slapstickhaften Missgeschick deren Kinder weckt, hat sie eine sehr, sehr schlechte Nacht. Immer wieder macht Paulina Stulin - mit einem sicheren Gespür für Pointen - aus ihrer Heldin eine komische Figur. Nach der üblen Nacht sehen wir sie mit zerquältem Gesicht, geduckt im Schneeregen, nach Hause schleichen, wo sie einen Zettel findet, auf dem nur "Schade" steht. "Das wird später durcherinnert" ist dazu in einer Sprachblase zu lesen.

Die Paulina des Comics und die Zeichnerin haben so viel gemeinsam, dass wir solche Erlebnisse vielleicht etwas zu bereitwillig als "authentisch" nehmen. Dem echten Leben sehen die Episoden jedenfalls erstaunlich ähnlich. Auch Darmstadt, wo der Comic spielt, meint man im Verlauf des Buches fast zu kennen, so realistisch und gleichzeitig poetisch sind die Stadtansichtigen, die die Autorin zeichnet. Eindrucksvoll auch Stulins Menschendarstellungen - in wenigen Panels lassen ihre Zeichnungen und Texte komplexe Miniporträts entstehen.

Wege der Selbsterforschung: Paulina studiert ihr Gesicht im Spiegel, um es zu zeichnen.

(Foto: Paulina Stulin/Jaja Verlag)

Die Bilder sind in satten Farben gemalt, ohne Linien, die die Flächen voneinander abgrenzen. Der kräftige Stil passt zur vitalen, unzimperlichen Heldin. In einem Interview hat Stulin erzählt, dass die "New Barbizon School", eine Gruppe von Malern aus Tel Aviv und Sankt Petersburg, die den Impressionismus auf eine zeitgenössische Weise wiederbeleben, ihre Malweise beeinflusst habe. Manche Bilder wirken tatsächlich fast impressionistisch, etwa eine großartige Jogging-Sequenz, in der Paulina raus aus der Stadt, in einen Wald, vorbei an Wiesen und dabei auch durch alle vier Jahreszeiten läuft.

Mit dem "Zuhause" des Titels ist deshalb nicht nur Paulinas Wohnung im Dachgeschoss gemeint, ihr "Zuhause" ist auch ihre Kunst und ihr Körper. Immer wieder betrachtet sie ihr Gesicht im Spiegel, um sich zeichnend zu erkunden, immer wieder erforscht sie kritisch, wie ihr Körper (sie ist gerade dreißig geworden) schon etwas an Form verliert. Wie sehr das Menschsein am Körperlichen hängt, illustriert nicht zuletzt die Episode, als sich Paulina beim Fahrradfahren den Ellbogen bricht. Sie ist todtraurig, bis ihr in den Sinn kommt: "Das ist doch gutes Material, was ich hier gerade erlebe."

Inspiriert vom Impressionismus: Paulina joggt durch die Jahreszeiten.

(Foto: Paulina Stulin/Jaja Verlag)

Wer aus seinem Leben eine Geschichte machen kann, ist wieder Herr, oder vielmehr Herrin im eigenen Haus.

Paulina Stulin (Text und Zeichnungen): Bei mir zuhause. Jaja Verlag, Berlin 2020. 612 Seiten, 35 Euro.

© SZ vom 24.11.2020
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