Gesellschaft und Geld Hinter dem Grundeinkommen stehen handfeste ökonomische Interessen

Zweitens: Ein Grundeinkommen darf nicht dazu führen, dass sich Unternehmen aus der Verantwortung stehlen. Wenn das Silicon Valley ein Grundeinkommen propagiert, stehen dahinter handfeste ökonomische Interessen. Die Unternehmen der Plattform-Ökonomie mit ihren Arbeitsplätzen à la Uber oder Amazon Mechanical Turk, wo Arbeit auf Nachfrage geleistet und in Stückzahlen vergütet wird, müssen sich heute zunehmend wegen prekärer Arbeitsverhältnisse rechtfertigen. Deren Arbeitnehmer, sofern sie denn überhaupt als solche bezeichnet werden können, sind auf sich gestellt und haben keinerlei Rechte und soziale Absicherung. Hätte jeder der Auftragsarbeiter ein festes Sockeleinkommen, stünden diese Firmen deutlich weniger unter Beschuss.

Grundeinkommen Das Silicon Valley fordert ein Grundeinkommen - gut so!
Evgeny Morozov

Das Silicon Valley fordert ein Grundeinkommen - gut so!

Die Entscheider des Silicon Valley propagieren ein garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen. Aus gutem Grund.   Gastbeitrag von Evgeny Morozov

Hinzu kommt: In den USA liegt die Last der sozialen Absicherung meist bei den Firmen, der Staat bietet nur einen geringen Schutz. Gäbe es ein Grundeinkommen, wären die Unternehmen auch diese Verpflichtungen los.

Aber die Verantwortung für gute Arbeit, für Qualifikation und Weiterbildung kann nur sinnvoll bei den Firmen liegen. Sie müssen Partner ihrer Mitarbeiter sein und künftig eher mehr leisten als weniger, um möglichst viele Menschen auf dem Weg in die digitale Wirtschaft mitzunehmen.

Was tut der Mensch mit sich selbst und anderen in einer Welt, wo die Lohnarbeit in Bedrängnis gerät?

Drittens: Ein Grundeinkommen für alle macht Ungleiches gleich. Es mag gerecht und nach Chancengleichheit klingen, wenn jeder dieselben Ausgangsbedingungen hat. Aber Menschen sind nicht gleich. Sie bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit, erleiden Schicksalsschläge, werden von schweren Krankheiten getroffen, deren Behandlung ungemein teuer sein kann.

Gerade die Liberalen verknüpfen mit dem Grundeinkommen die Vorstellung, dass es an die Stelle der meisten anderen staatlichen Leistungen treten kann. Sie erhoffen sich davon ein Ende der Politik. Aber der Staat darf jene, die in Not geraten, nicht im Stich lassen. Die Politik wird gebraucht, um die Vision einer halbwegs gerechten Gesellschaft durchzusetzen.

Viertens: Menschen brauchen Strukturen, wollen gebraucht werden und sozial eingebunden sein. Tatsächlich geht es in der Debatte um das Grundeinkommen um viel mehr als um die Zukunft des Sozialstaats allein. Denn im Hintergrund steht die große Frage: Was tut der Mensch mit sich selbst und anderen in einer Welt, in der die Lohnarbeit in Bedrängnis gerät?

In der Industriegesellschaft bemessen sich Wert und Selbstwert stark daran, was jemand erwirtschaftet. "Ich arbeite, also bin ich", so das Credo, das man nicht mögen muss. Wer keinen Job hat, "nur" Angehörige pflegt oder Kinder großzieht, ringt in dieser Gesellschaft häufig um Anerkennung. Arbeit gibt Menschen Strukturen, soziale Kontakte, das Gefühl, gebraucht zu werden, zu einer Gemeinschaft zu gehören und etwas zu einem größeren Vorhaben beizutragen.

Nun kann man solche Strukturen auch ohne Lohnarbeit schaffen. Schließlich gibt es gesellschaftliche Aufgaben zuhauf: in der Familie, der Hausgemeinschaft, der Nachbarschaft, der Gemeinde. Aber die Vorstellung, jeder Empfänger eines Grundeinkommens würde sofort in neuen Engagements eine Heimat und Erfüllung finden, ist naiv und gilt womöglich nicht einmal für die Akademiker, die diese Debatten führen.

Arbeit kann Halt sein

Zu viel Freiheit kann hilflos und orientierungslos machen. Das ist bekannt und öffnet radikalen Gruppierungen Möglichkeiten. Sie versprechen ihren Mitgliedern mit einem besonders strengen Lebenskorsett oft den Halt, den sie anderswo nicht finden. Arbeit ist ein solcher Halt.

Die Einführung eines Grundeinkommens müsste also von einer ganzen Reihe von Projekten flankiert werden, die Menschen an ihre veränderte Rolle in der Gesellschaft gewöhnen. Werte wandeln sich langsam. Sollte der neue Glaubenssatz des Kapitalismus nur lauten: "Ich konsumiere, also bin ich", dann wird das zu wenig sein.

Grundeinkommen Das Grundeinkommen ist verführerisch - und gefährlich
Bedingungsloses Grundeinkommen

Das Grundeinkommen ist verführerisch - und gefährlich

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es heute viele fordern, käme der Abschaffung des Sozialstaats gleich. Deutschland sollte die Finger davon lassen.   Kommentar von Nikolaus Piper