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Geschichtspolitik:Veto und Wahrheit

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Wo die deutschen Besatzer das Warschauer Ghetto errichteten, steht seit 2013 das Museum der Geschichte der polnischen Juden (POLIN), gleich neben dem Denkmal für die Helden des Ghettos.

(Foto: W. Krynski)

Der Direktor des Warschauer Museums für die Geschichte der polnischen Juden hat den Zorn der Regierenden auf sich gezogen, weil er nicht deren Geschichtspolitik folgte. Jetzt endet seine Amtszeit. Das ist kein Einzelfall.

Es war Europas Museum des Jahres 2016, zählt jährlich Hunderttausende Besucher aus dem Ausland, zeigt viel diskutierte Ausstellungen. Auf den ersten Blick hat Dariusz Stola, Direktor des Warschauer Museums für die Geschichte der polnischen Juden (Polin) eine ungetrübte Erfolgsgeschichte geschrieben, seit der Historiker das Museum 2014 übernahm.

Der lichtdurchflutete Bau auf dem Gelände des ehemaligen Warschauer Ghettos bietet nicht nur eine Dauerausstellung über die Geschichte der polnischen Juden, bis zum deutschen Massenmord im Zweiten Weltkrieg mit mehr als drei Millionen Menschen eine der größte jüdischen Diasporas weltweit. Stola und seine Mitarbeiter schlagen mit Workshops und Diskussionen auch die Brücke zu aktuellen Themen und behandeln dunkle Kapitel im Verhältnis zwischen Polen und Juden.

Der Kulturminister kritisierte und verweigerte Zuschüsse, die Besucher kamen in Massen

Dafür aber ist kein Platz in der Geschichtspolitik der von der nationalpopulistischen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (Pis) geführten Regierung. Und deshalb ist Dariusz Stola trotz seiner Erfolge von Freitag dieser Woche an nur noch ein ehemaliger Museumsdirektor.

Kein Polin-Besucher bleibt im Zweifel über die Verantwortung für einen der größten Massenmorde der Geschichte. Schließlich bildet die Schoah in den Konzentrationslagern des Zweiten Weltkriegs durch die Deutschen den ausführlichen Schlussteil der Dauerausstellung. Doch das Polin beschränkt sich nicht auf diese Vergangenheit. Anfang März 2018 eröffnete die Ausstellung "Fremd im eigenen Haus" über eine antisemitische Kampagne des kommunistischen Regimes 1968, nach der 15 000 noch in Polen lebende Juden ins Ausland flohen. Die Ausstellung wies auch auf die antisemitische Tradition im Polen des 20. Jahrhunderts hin und auf Parallelen zur Gegenwart.

Der Kulturminister Piotr Gliński kritisierte Stola wegen seines "sehr tief gehenden politischen Engagements" und der "ungerechtfertigten Verbindung" der Kampagne von 1968 "mit aktuellen Erscheinungen". Er verweigerte der Ausstellung Zuschüsse. Der Regierungschef Mateusz Morawiecki sagte, er wisse nicht, warum Polen sich für 1968 entschuldigen solle. Die antisemitischen Kundgebungen seien "von der kommunistischen Macht vorbereitet" worden: "Das war eine fremde Macht, die Vertreterin einer fremden Großmacht war."

Die offiziellen Verrisse bescherten der Ausstellung mehr Besucher: Als "Fremd im eigenen Haus" im Herbst 2018 schloss, hatten sie 116 000 Menschen gesehen - eine Zahl, die in Warschau sonst nur populäre Kunstausstellungen erreichen.

Die Aufregung hatte sich noch nicht gelegt, da lud Polin-Direktor Stola zur Präsentation eines neuen Buches und zur Diskussion mit den Hauptautoren, Jan Grabowski und Barbara Engelking, ein. Sie haben die Beteiligung von Polen am Morden an den Juden im Zweiten Weltkrieg erforscht.

Im besetzten Polen gelang mindestens 250 000 Juden zunächst die Flucht vor dem Abtransport in deutsche Gaskammern, sie versteckten sich in Städten, Dörfern, Wäldern. Die Deutschen eröffneten die "Judenjagd", an der sich nicht nur SS-Mordkommandos, Gestapo, Polizisten oder Eisenbahner beteiligten, sondern auch polnische Hilfspolizisten, Feuerwehrmänner, Partisanen und Dorfbewohner. Mehrere Tausend Polen versteckten Juden und retteten sie. Weitaus mehr Polen aber verrieten versteckte Juden, oft mitsamt ihren polnischen Rettern. Und oft genug ermordeten Polen ihre jüdischen Nachbarn selbst. Antisemitismus, schon vor der Ankunft der Deutschen weit verbreitet, spielte eine ebenso große Rolle wie Habgier. Grabowski beschrieb zuerst das Schicksal von Juden im Kreis Dąbrowa Tarnowa, östlich von Krakau, später erforschten der an der Universität Ottawa in Kanada lehrende Historiker und seine Kollegin Barbara Engelking von Warschauer Institut für Holocaust-Forschung mit Kollegen das Morden in neun weiteren polnischen Regionen. Ihr auch auf Gerichtsakten der Nachkriegszeit beruhendes Fazit: Von mindestens 200 000 außerhalb der Konzentrationslager ermordeten Juden wurden die meisten mit polnischer Mithilfe oder direkt von Polen selbst umgebracht. Das steht im Gegensatz zum Geschichtsbild der Pis, in dem Polen entweder Opfer oder Helden sind.

Rund 1600 Seiten umfasst der zweibändige Forschungsband "Dalej Jest Noc" ("Und immer noch ist Nacht"). Wie Grabowskis Studie "Judenjagd" soll auch er auf Englisch erscheinen.

Nach der Veröffentlichung in Polen löste die Regierung Barbara Engelking als Vorsitzende des Internationalen Beirats des Staatlichen Museums im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau ab. Leitkriterium bei der Neubesetzung sei "polnische Empfindlichkeit", erklärte Wissenschaftsminister Jarosław Gowin. Sowohl die Pis-nahe Polnische Liga gegen Diffamierung wie das Institut für Nationales Gedenken (IPN), ebenfalls eine Hochburg der Pis, griffen die historischen Forschungen Engelkings und Grabowskis an.

Der Direktorenposten wird ausgeschrieben. Dariusz Stola will sich wieder bewerben

Grabowski hat seinerseits die Liga und Unterstützer wegen Rufschädigung vor einem Warschauer Gericht verklagt. "Das Vorgehen gegen Engelking und mich soll ein Zeichen setzen. Polnische Geschichtslehrer berichten mir, dass sie unter Druck stehen, nur noch im Sinne der Regierung zu unterrichten. Geschichtsstudenten und Doktoranden sagen offen, dass sie keine brisanten Themen aufgreifen wollen, weil sie um ihre Karrieren fürchten."

Auch das Danziger Museum des 2. Weltkrieges weckte den Zorn der Regierenden, weil dort polnisches Heldentum angeblich nicht ausreichend gefeiert und auch die Ermordung Hunderter jüdischer Nachbarn im Dorf Jedwabne durch Polen im Juni 1941 geschildert wurde. Im April 2017 wurde Museumsdirektor Paweł Machcewicz offenbar rechtswidrig gefeuert, der neue Direktor brachte das Museum auf Kurs.

Ein anderes Museum weckt schon vor seiner Eröffnung Misstrauen unabhängiger Historiker. Das im Bau befindliche Museum des Warschauer Ghettos soll, so Kulturminister Gliński, auch "von der gegenseitigen Liebe" zwischen Polen und Juden in den vergangenen 800 Jahren sprechen. Die israelische Holocaust-Forscherin Hava Dreifuss befürchtete in der Tageszeitung Ha'aretz, das kommende Museum solle ebenfalls dem Geschichtsbild der nationalpopulistischen Regierung dienen.

Im Polin-Museum läuft die Amtszeit von Direktor Stola am 28. Februar aus. Dem Statut zufolge entscheiden die drei Gründer - das Kulturministerium, die Stadt Warschau und die Vereinigung Jüdisches Historisches Institut in Polen - gemeinsam über den Direktorenposten. Warschaus Bürgermeister Rafał Trzaskowski und Piotr Wiślicki von der Vereinigung sprachen sich für eine weitere Amtszeit Stolas aus, Kulturminister Gliński dagegen. Jetzt wird der Direktorenposten öffentlich ausgeschrieben. Dariusz Stola will wieder kandidieren. Der Kulturminister kann einen neuen Direktor nur in Absprache mit Warschaus Bürgermeister - und nicht gegen das Veto des Jüdischen Historischen Instituts ernennen. Umgekehrt können auch Bürgermeister und Institut keinen Direktor ohne den Minister durchsetzen. Dass sich die drei Träger nicht auf einen neuen Direktor einigen können, ist im Statut nicht vorgesehen.