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Geschichtsausstellung:Der Tag, der das Jahrhundert spaltete

Truman testete die Atombombe, Churchill besichtigte den Führerbunker und Stalin steckte noch im Zug: Eine Ausstellung zur Potsdamer Konferenz in Schloss Cecilienhof.

Von Gustav Seibt

Am 16. Juli 1945 hatten Winston Churchill und Harry S. Truman, der britische Premierminister und der amerikanische Präsident, einen freien Tag. Sie waren schon in Potsdam-Babelsberg einquartiert, wo die sowjetische Militärverwaltung ihnen Villen während der gerade beginnenden Drei-Mächte-Konferenz mit Josef Stalin zur Verfügung gestellt hatte. Es sollte um Deutschland und den japanischen Kriegsschauplatz gehen, um neue Grenzen in Osteuropa, um Völkerverschiebungen, Millionenheere, nicht zuletzt um die Frage, wie viel der Kriegskosten von Deutschland aufzubringen wäre.

Potsdam - das war auch so etwas wie ein Pendant zu Versailles, dem französischen Königsschloss, in dem 1919 der Erste Weltkrieg zu Ende gebracht wurde, was so unvollkommen gelang, dass der nächste Weltkrieg bereits zwanzig Jahre später begann. Nun also Potsdam, nicht die weitgehend zerstörte Innenstadt, sondern Cecilienhof im Neuen Garten, das englisch stilisierte Landhaus des letzten preußisch-deutschen Kronprinzen Wilhelm, der schon im Februar nach Westen geflohen war. Klaus Mann, Kriegsreporter bei Stars and Stripes, rief die Assoziationen auf: "Man denkt an im Stechschritt marschierende Grenadiere, schroffe Stimmen, zusammenschlagende Hacken und andere Requisiten aus der Junkertradition. Potsdam war die Wiege des preußischen Militarismus und Imperialismus." Mindestens Churchill wusste etwas mehr darüber, er besuchte damals auch Sanssouci.

Doch Stalins Ankunft - er reiste langsam im Salonzug des Zaren Nikolaus II. an - verzögerte sich um einen Tag bis zum 17. Juli, und das verschaffte den beiden anderen der "Großen Drei" die Gelegenheit zu getrennten Ausflügen ins zerbombte, von Hungernden und Obdachlosen durchzogene Berlin. Erschütternd waren diese Eindrücke, und sie zeigten auch, wie wenig aus diesem Land noch würde herauszupressen sein. Churchill war dagegen gewesen, dass die Amerikaner ihre 1945 erreichten mitteldeutschen Linien wieder räumten, um die schon im Winter in Jalta vereinbarten Zonengrenzen zwischen den sowjetischen und den westlichen Besatzern einzuhalten. Man werde, so fürchtete er, zusätzlich hungernde Massen bekommen, die nach dem Wegfall der östlichen Getreidegebiete nicht mehr zu ernähren sein würden, während doch die Arbeiter in den westlichen Industriegebieten für Reparationen schuften sollten.

Churchill ließ es sich nicht nehmen, in den Führerbunker hinabzusteigen

Doch Truman hatte auf Einhaltung der Vereinbarungen bestanden und damit auch die Sektorenaufteilung von Berlin gesichert. So war auch die Potsdamer Konferenz möglich geworden, gerade noch im sowjetischen Bereich gelegen, doch nah an den südwestberliner Besatzungszonen der Briten und Amerikaner. Berlin wurde nur Ziel des Ruinentourismus.

Churchill ließ es sich nicht nehmen, die zerstörte Reichskanzlei zu besuchen und dabei auch in Hitlers Bunker zu steigen.

Trumans Aufmerksamkeit war an diesem Tag geteilt. Er wartete auf die Ergebnisse vom Test der ersten Atombombe in New Mexiko. Just am Tag vor der Eröffnung der Konferenz, am 16. Juli, erreicht ihn die verschlüsselte Nachricht: "Heute morgen operiert. Diagnose noch nicht komplett. Resultate scheinen befriedigend und übertreffen Erwartungen."

Wenn es einen Tag gibt, der das 20. Jahrhundert in zwei Teile spaltet, dann ist es der Tag, an dem Churchill bei Hitler vorbeischaute und Truman erfuhr, dass er die furchtbarste Waffe der bisherigen Weltgeschichte besaß. Die zwei Wochen der Konferenz in Schloss Cecilienhof sind die in die Länge gezogene Sekunde dieses Wendepunkts. Es war eine gute Idee der Potsdamer Schlösserverwaltung und ihres leitenden Historikers Jürgen Luh, ihm eine Ausstellung am Originalschauplatz zu widmen. Auf geschickte Weise verbindet sie lokalhistorische Anschaulichkeit mit einem globalhistorischen Rundblick: die Welt zur Zeit der Potsdamer Konferenz.

Themenräume stellen die Schauplätze vor, um die verhandelt wurde, nicht nur Deutschland und Osteuropa, wo Flucht und Vertreibung in vollem Gange waren; sondern auch Iran, China und Japan, wo noch gekämpft wurde. Dem Abwurf der ersten Atombombe am 6. August 1945 über Hiroshima ist eine beklemmende Animation gewidmet. Aber erschütternder als die Bilder ist ein archäologischer Überrest: die von der Hitze verformte Brotbüchse eines japanischen Schülers.

Truman unterrichtete Stalin auf Churchills Anraten nur beiläufig in einer Konferenzpause darüber, dass er über eine neuartige, ungeheuer wirksame Waffe verfüge. Dieser hörte kaum hin und fragte nicht nach, vermutlich war er über Spione schon im Bilde. Die Atombombe hatte das japanische Problem für die westlichen Mächte mit einem Schlag entschärft. Nun brauchten sie die Sowjets nicht mehr zur Beendigung des Kriegs im Pazifik. Das hinderte Stalin nicht, sich eilends ein paar Fetzen von der japanischen Beute zu sichern.

Churchill sah dies mit Unbehagen, überhaupt hatte er sich schon längst auf die neue Konfrontation mit der zur Weltmacht aufgestiegenen Sowjetunion eingestellt. Seine Kriegsmemoiren sind voller Wut auf Truman, der Stalin in der Frage der neuen deutschen Ostgrenze entgegenkam. Man akzeptierte die Lausitzer Neiße anstelle der Glatzer Neiße und gab damit schlesisches Kernland mit unzweifelhaft deutscher Bevölkerung preis. Als die Entscheidung fiel, war der britische Premierminister schon nicht mehr dabei: Am 26. Juli erwies sich, dass er abgewählt worden war.

Clou der Schau ist das Tagebuch der damals 19 Jahre alten Sekretärin Joy Milward

Der Besucher der Ausstellung hat Gelegenheit, den zentralen Konferenzraum in originaler Arbeitseinrichtung mit von der Moskauer Möbelfabrik Lux geliefertem runden Tisch (Durchmesser 6,8 Meter) zu betreten; auch hat man die Arbeitszimmer der drei Staatsoberhäupter samt authentischen Möbeln vor Bücherwänden mit preußischen Garnisonsgeschichten wiederhergestellt. Die handelnden Minister und Generäle erscheinen in einem Vorsaal als lebensgroße Fotopappkameraden. Sogar die drei Korbstühle fürs Foto auf der Terrasse wurden nachproduziert - Besucher können sich hineinsetzen und mit zwei Staatenlenkern ihrer Wahl ins Bild bringen.

Die Weltprobleme werden mit einer interessanten Quellengattung veranschaulicht: politischen Wandzeitungen mit Grafiken und Bildern, die die Briten in Schulen und Offizierskasinos zur raschen Unterrichtung aufhängten - Triumphe der Infografik, die den dtv-Geschichtsatlas der Siebzigerjahre vorwegnehmen. Schade, dass der Katalog, dem man eine engere Verzahnung mit der Ausstellung gewünscht hätte, keinen Beitrag dazu enthält.

Clou der Schau ist das digitalisierte Tagebuch der damals 19 Jahre alten, bis heute lebenden britischen Sekretärin Joy Milward. Hier finden sich nicht nur tägliche Berichte vom Alltag der Konferenz - Dinners, Tanzvergnügen, Salonmusik -, sondern auch Fotos, Stadtpläne, Passierscheine. Daneben steht die alte "Erika"-Schreibmaschine Milwards. Eine einzigartige Quelle jenseits der offiziellen Archive, die die kaum zu fassende Distanz zwischen Diplomatie und Kriegsterror fühlbar macht.

Die Ergebnisse der idyllischen Sitzungen waren lückenhaft und wenig befriedigend. Eine neue Weltordnung kam nicht zustande, nur ein Kompromiss: Die Sowjetunion erhielt für das von ihr besetzte Polen die Lausitzer Neiße und konnte sich umso ungenierter in den Besitz der östlichen polnischen Provinzen setzen. Deren Bevölkerung musste sich in die leer werdenden deutschen Ostprovinzen aufmachen. Dieser doppelten Umsiedlungstragödie widmet die Schau einen eigenen Raum. Dafür bekam Stalin keinerlei Reparationen aus den westlichen Besatzungszonen.

Damit war der erste Schritt zur deutschen Teilung vollzogen, denn fortan schalteten die Besatzer in ihren Bereichen weitgehend autonom. Der Eiserne Vorhang, den Churchill seit dem Frühjahr beschworen hatte, begann sich zu senken. Im fernen Kalifornien notierte Thomas Mann missvergnügt ins Tagebuch: "Die 3 weltordnenden Häupter machen nichts als Unsinn und spielen Klavier."

Potsdamer Konferenz 1945: Die Neuordnung der Welt. Potsdam, Schloss Cecilienhof. Bis 31. Oktober. Der Katalog kostet 34 Euro.

© SZ vom 02.07.2020

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