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Geschichte:Glotzt nicht so romantisch!

Die Kammerspiele waren schon immer ein wendiges Theaterhaus - und stets ein Ort, an dem sich die Moderne am Status quo abkämpfte. Diese Streitigkeiten waren oft sehr unterhaltend - und oft sehr politisch.

Von Christopher Schmidt

Krisen und Kräche hat es selbst an den ruhmreichen Münchner Kammerspielen immer gegeben. Das letzte Mal aber, dass über die künstlerische Ausrichtung des Hauses grundsätzlich gestritten wurde, war im Jahr 2000. Der frisch installierte Münchner Kulturreferent Julian Nida-Rümelin hatte mitten im damaligen Sanierungs- und Umbauchaos entschieden, den Vertrag von Dieter Dorn nicht zu verlängern, und Frank Baumbauer als Nachfolger verpflichtet. Damit blieb Dorn die Möglichkeit verwehrt, das Theater selbst wiederzueröffnen.

Dorn, der das Theater seit 1983 geleitet hatte, länger als jeder seiner Vorgänger, empfand das als Affront. Schließlich war er es gewesen, der das hochkarätige Ensemble über die schwierigen Jahre der provisorischen Ausweichspielstätten in zugigen Fabrikhallen hinweg zusammengehalten und den Geist des Hauses bewahrt hatte. Der Spiegel zitierte Dorn mit den Worten, Nida-Rümelin sei das "bestangezogene Stück Seife" der Stadt. Und als die Süddeutsche Zeitung die Frage in den Raum stellte: "Ein guter Mann geht, ein guter Mann kommt. Wo ist eigentlich das Problem?", schaltete sich der Philosoph Peter Sloterdijk in die Diskussion ein und befand, der Typus des Künstler-Intendanten werde abgelöst von dem des Managers, statt genialer Macher hätten nun alerte Makler das Sagen.

Zwischenzeitlich war die experimentelle Vergangenheit in Vergessenheit geraten

Der Konflikt endete mit einer politischen Volte. Der CSU-regierte Freistaat adoptierte Dorn, den das SPD-regierte München nicht mehr haben wollte, und machte ihn zum Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels, dem einzigen Rivalen in der Stadt, gleich gegenüber von seiner einstigen Wirkungsstätte auf der anderen Seite der Maximilianstraße. Ein Kommentator schrieb, Dieter Dorn sei damit an seinem natürlichen Ort angekommen - eine Anspielung auf dessen staatstragenden, ästhetisch konservativen und über die Jahre in Klassizität erstarrten Regiestil.

Über die lange Ära von Dieter Dorn, der das Münchner Publikum verwöhnt hatte mit exquisitem Schauspieler- und Literaturtheater, war ein wenig in Vergessenheit geraten, dass das Haus nicht immer nur für die handwerklich virtuose, künstlerisch jedoch irgendwann sterile Auffassung stand, die Dorn vertrat. Die Kammerspiele waren ja, wie der Name schon sagt, von je die räumlich kleinere, intimere Münchner Schauspielbühne im Vergleich zum Staatsschauspiel. Sie waren aber auch das wendigere, direkter und nervöser auf den Zeitgeist reagierende Theater, aufgeschlossen allem Neuen gegenüber - inhaltlich ebenso wie in der ästhetischen Form. Hier hatte der Chefdramaturg Heinar Kipphardt 1971 einen Skandal ausgelöst mit seinem Programmheft zu Wolf Biermanns politischer Drachentöter- und DDR-Parabel "Der Dra-Dra", was Kipphardts Entlassung zur Folge hatte. Drei Jahre zuvor, im politisierten Klima von 1968, machte ein junger Regieassistent Fritz Kortners namens Peter Stein von sich reden. Nach einer Aufführung von Peter Weiss' "Vietnam-Diskurs" sammelte er Spenden für den Vietcong. Auch Peter Stein musste daraufhin gehen, damit der Intendant August Everding seinen Posten behalten konnte.

Bereits 1922, bei der Uraufführung seines Kriegsheimkehrer-Stücks "Trommeln in der Nacht" durch Otto Falckenberg hatte Bertolt Brecht, damals Dramaturg am Haus, im Zuschauerraum Plakate mit Aufschriften wie "Glotzt nicht so romantisch!" aufhängen lassen. Eine Kampfansage an das Theater als Ort von Weltflucht und quasireligiöser Kunstanbetung. Das romantische Glotzen hatte aber auch schon ein Vorgänger Brechts den Kammerspielen austreiben wollen: Hugo Ball, der von 1912 bis 1913 alleiniger Dramaturg der Kammerspiele war. Dem Urvater des Dadaismus, der 1916 als "magischer Bischof" in einem Kostüm aus Pappe und mit einem sinnfreien Lautgedicht auf den Lippen im Zürcher Cabaret Voltaire der bürgerlichen Kunst den Krieg erklären sollte, schwebte schon in seiner Münchner Zeit eine neue Form von Gesamtkunstwerk aus Spiel, Tanz und Musik vor; Crossover würde man heute dazu sagen.

Ball war es auch, dem das Theater seinen heutigen Namen verdankt. Er hatte angeregt, das Münchner Lustspielhaus in Münchner Kammerspiele umzubenennen. Unter dem Einfluss Wassily Kandinskys und des Tanz-Revolutionärs Rudolf von Laban - noch Sasha Waltz hat bei einer Laban-Schülerin studiert - veranstaltete er expressionistische Matineen, Dichter-Lesungen und Foyer-Ausstellungen mit Werken von Futuristen und Expressionisten. Und er erlebte Frank Wedekind bei den Proben zu seinem Stück "Franziska". Die Begegnung mit Wedekind erweiterte Balls Vorstellungen vom modernen Theater in Richtung Performance. Beide misstrauten den ausgebildeten Schauspielern mit ihrer psychologischen Einfühlungs- und kulinarischen Verwandlungskunst. Ball forderte Authentizität statt Virtuosentum, der Naturalismus sollte von der Bühne gefegt, dem Illusionstheater der Garaus gemacht werden. Ball selbst verstand sich als Kurator, der das Sprechtheater für andere Kunstformen öffnet.

Längst knüpfen die Kammerspiele wieder an ihre vergessene Tradition an. Die Abfolge der Intendanten nach Dieter Dorn überzeugte durch innere Logik. Frank Baumbauer führte das Haus an neue Regie-Handschriften und stadtbezogene Projekte, vor allem aber an die Gegenwart heran. Sein Nachfolger Johan Simons internationalisierte das Theater. Matthias Lilienthal geht nun noch einen Schritt weiter, indem er den Anschluss an freie Formen und szenische Experimente sucht. Ob er dabei den an ihn gestellten Erwartungen und seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, ist eine berechtigte Frage. Auf das Erbe der Kammerspiele allerdings kann er sich mit ebenso viel Recht berufen wie jeder Intendant vor ihm.

© SZ vom 11.11.2016

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